# taz.de -- Film „The Testament of Ann Lee“: Die Vision einer utopischen Kommune
       
       > Das Historienmusical „The Testament of Ann Lee“ von Mona Fastvold erzählt
       > das Leben einer englischen Sektengründerin als monumentales
       > Überwältigungskino.
       
 (IMG) Bild: Gott ist Tanz: Ann Lee (Amanda Seyfried) sieht einen Weg für sich
       
       Es gab eine Zeit (und mancherorts gibt es sie immer noch), da waren Frauen
       nicht mehr als Gebärmaschinen. Auf die eine Geburt folgte die nächste
       Schwangerschaft. Auf den einen Kindstod die nächste Fehlgeburt. Für Ann Lee
       bildeten diese Schreckenserfahrungen das Fundament ihrer christlichen
       Erweckungsgemeinschaft.
       
       So erzählt es zumindest die [1][Regisseurin Mona Fastvold] in ihrem Biopic
       „The Testament of Ann Lee“ über die 1736 in Manchester geborene Anführerin
       der sogenannten Shaker-Bewegung. Als Kind, so sehen wir es im Film, muss
       sie mitanhören, wie der Vater ihre Mutter nachts zum Sex nötigt. Am
       Esstisch sitzt sie bereits mit sechs Geschwistern. Bei der Geburt des
       achten Kindes stirbt die Mutter.
       
       Als erwachsene Frau ergeht es Ann nicht besser. Ihr Mann lebt seine
       sadomasochistischen Fantasien an ihr aus. Sie gebärt vier Kinder, keines
       überlebt das erste Lebensjahr. Zu der Zeit gehört sie bereits einer lokalen
       Quäker-Gemeinschaft an, deren Mitglieder sich durch mantraartiges Singen
       und rhythmisches Tanzen in Ekstase versetzen. Ann steigt schnell als
       Anführerin dieser kleinen Sekte auf. Nicht zuletzt wegen einer Vision, in
       der sie den Geschlechtsakt als die eigentliche Ursünde des Menschen und
       Enthaltsamkeit als den wahren Weg Gottes erkennt. „Mother Ann“, wie sie
       sich fortan nennt, hält sich für die weibliche Wiederkehr Jesu.
       
       Mona Fastvold inszeniert das Leben dieser Ann Lee als monumentales
       Überwältigungskino, wie man es selten zu sehen bekommt. Jene Szenen, in
       denen die Gläubigen ihren manischen Himmelstanz aufführen und ihre Arme
       wild hin und her werfen (der Name der „Shaker“ rührt von diesen
       schüttelartigen Bewegungen), sind von einer tiefen Anmut gezeichnet, der
       man sich nur schwer entziehen kann.
       
       Im Zusammenspiel mit dem flehenden Singsang und der düsteren
       Klangatmosphäre von Oscargewinner Daniel Blumberg (zarte Perkussions- und
       Streicher-Klänge begleiten die getragenen Shaker-Spirituals) spiegelt sich
       der religiöse Eifer auch in der ästhetischen Form wider. Der auf 70mm
       gedrehte Film ist eine sakralgleiche Feier des Kinos. Jedes Bild ist wie
       ein Gemälde bis ins kleinste Detail durchinszeniert.
       
       ## Zuflucht vor Verfolgung und Schikane
       
       Diese Opulenz lässt an [2][„The Brutalist“ von Brady Corbet], eines der
       großen Filmereignisse des letzten Jahres, denken. Und tatsächlich gibt es
       hier ein Verwandtschaftsverhältnis. Die Norwegerin Mona Fastvold ist
       Corbets Partnerin. Bei beiden Filmen schrieben sie gemeinsam das Drehbuch.
       Nur dieses Mal übernahm Fastvold anstelle Corbets die Regie.
       
       Während in „The Brutalist“ ein größenwahnsinniger Architekt, der den
       Holocaust überlebte, den Verheißungen des amerikanischen Traums folgt, ist
       es in „The Testament of Ann Lee“ eine Sekte, die im gelobten Land jenseits
       des Atlantiks Zuflucht vor Verfolgung und Schikane sucht. 1774 setzt Ann
       Lee mit einer kleinen Schar Anhänger:innen nach Neuengland über. Der
       Gründungsmythos der USA zeigt sich hier als Suchbewegung einer
       marginalisierten Glaubensgemeinschaft.
       
       Fastvold und Corbet blicken auf das Wirken Ann Lees, von der es keine
       schriftlichen Aufzeichnungen gibt, voller Neugier, Faszination und
       Wohlwollen. Ihre Lee setzt der patriarchalen Kleinfamilie des Puritanismus
       und dessen strenger Bibelauslegung die Vision einer utopischen Kommune
       entgegen. Nahe Albany im heutigen Bundesstaat New York gründet sie ihre
       Gemeinde, die auf der Gleichheit von Mann und Frau beruht.
       
       Der Ort wird zur Zuflucht für ehemalige Sklaven. Waisenkinder finden Obhut.
       Mit den Ureinwohner:innen betreiben die Shaker freundschaftlichen
       Handel. Dem aufziehenden Krieg gegen die britische Kolonialmacht begegnen
       sie mit einem radikalen Pazifismus.
       
       ## Idealtypus einer Herrscherin
       
       Und trotzdem fußt diese egalitär anmutende Gemeinschaft auf den Prinzipien
       von Hierarchie und Autorität. Ann Lee verkörpert den Idealtypus einer
       Herrscherin: tugendhaft, weise und dem Wohl aller verpflichtet. Vergeblich
       wartet man auf den Sturz der Königin. Dieser Verzicht auf eine gewisse
       dramaturgische Fallhöhe hat zur Folge, dass sich die Nacherzählung ihrer
       Lebensgeschichte in den über zwei Stunden Spielzeit zunehmend erschöpft.
       
       Dennoch sieht man staunend Amanda Seyfried zu, wie sie sich in ihrem Spiel
       der so charismatischen wie leidgeprüften und aufopferungsvollen
       Heilsgestalt verausgabt. Immer wieder werden die Shaker von gewalttätigen
       Mobs angegriffen, die in Ann Lee und ihrem Treiben nichts anderes als
       Hexerei sehen. Es bleibt ein Rätsel, warum der Film und Seyfried im
       Speziellen für ihre sensationelle Darbietung keine Oscarnominierung
       erhielt.
       
       Die Shaker-Bewegung hatte zu ihrer Hochzeit im 19. Jahrhundert mehrere
       Tausend Mitglieder. Eifrige Missionierung war nötig, um der enthaltsamen
       Gemeinschaft zu Wachstum zu verhelfen. Die wäre auch heute noch angebracht:
       Bis zuletzt bestanden die Shaker aus genau zwei Mitgliedern. Vorigen Sommer
       trat immerhin eine dritte Person der letzten Gemeinschaft im Bundesstaat
       Maine bei.
       
       11 Mar 2026
       
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