# taz.de -- Jagdgenossenschaften für den Wald: Mehr Waldschutz als Jagdtrophäen
> Torsten Dörmbach zeigt, wie Waldbesitzer die Jagd zurückerobern. Und
> warum das zur Pflege der Bäume beiträgt.
(IMG) Bild: Kauen und kauen lassen? Zu viel Bambi kann dem Wald schaden
Wenn Waldbesitzer Torsten Dörmbach zeigen will, was es bringt, wenn man
jagdfaule Pächter los ist, fährt er auf den Hügel gegenüber von seinem Hof
in Nordrhein-Westfalen. In dem Waldstück tragen ein paar Bäume noch kleine
blaue Plastikmützchen, die sie gegen Rehbisse schützen, aber dazwischen
wachsen Eichen, Buchen, Birken und Eberesche ohne den Schutz. „Nach meiner
letzten Zählung habe ich 39 Baumarten auf meinem Betrieb“, erzählt er. „Die
Wuchshüllen können jetzt weg, da helfen mir zum Glück die Pfadfinder.“
Die grundsätzlich unterschiedlichen Interessen von Waldbesitzern und
pachtenden Jägern werden auch als [1][„Wald-Wild-Konflikt“] bezeichnet. Die
Ersten wünschen sich eine natürliche Verjüngung des Waldes, die nicht
stattfinden kann, [2][wenn allzu viele Rehe neue Bäumchen kaputt beißen].
Letztere wollen einen hohen Wildbestand, um die Jagdchancen und
Trophäenausbeute zu erhöhen. Indirekt geht es auch um jahrzehntelang
gesammeltes Ansehen und Status – Jagdgründe beherrschen, das war lange
exklusiv dem Adel und oberen Schichten vorbehalten.
Bei Dörmbach funktioniert die Aufforstung endlich. Seine Jagdgenossenschaft
organisiert die Jagd jetzt selbst, statt den Grund und Boden an Jäger zu
verpachten. Rehe und Hirsche beißen jetzt nur noch fünf Prozent der jungen
Bäume kaputt, das ist erträglich. Nachdem es keinen Pächter mehr gebe,
seien die Schäden schon im ersten Jahr zurückgegangen.
Ganz allein können die meisten Waldbesitzer das Problem nicht angehen: Im
eigenen Wald jagen darf grundsätzlich nur, wer mindestens 75 Hektar
zusammenhängenden Wald hat. Dörmbach besitzt rund 46 Hektar – und das ist
schon mehr, als die meisten ihr Eigen nennen.
## Genossenschaften können Jagd selbst übernehmen
Dörmbach ist deshalb wie alle Land- und Waldbesitzenden, die nur wenig Wald
haben, Mitglied in einer Jagdgenossenschaft. Diese ist für den
gemeinschaftlichen Jagdbezirk verantwortlich. Rund 11.000 solcher
Genossenschaften gibt es in Deutschland. Dörmbachs Jagdgenossenschaft hat
rund 100 Mitglieder – und hatte ihren Wald lange verpachtet. Im
Pachtvertrag war geregelt, wie viel Wild geschossen werden soll, um das
Ziel der Jagdgenossenschaft zu erreichen: natürlich nachwachsenden Wald.
Aber es hat nicht funktioniert. „Vor der Unterzeichnung des
Jagdpachtvertrags ist alles schön, und sobald die Tinte trocken ist, klappt
es nicht. Das wollten wir nicht mehr“, sagt Dörmbach.
Dörmbachs Genossenschaft hatte einen Kompromiss gefunden: Die Pächter jagen
mehr, war die Vereinbarung, dafür bringt die Genossenschaft auf 20 Prozent
der Fläche Wuchsschutz an jungen Bäumen an. Aber auch das hielten die
Pächter nicht ein. Nach jahrzehntelangen Diskussionen beschlossen die
Genossenschaftsmitglieder, dass sie die Jagd lieber selber organisieren.
Solche „Jagdgenossenschaften in Eigenbewirtschaftung“ sind noch selten. Die
Umstellung ist auch alles andere als einfach. Schon allein, weil die
Genossenschaft entsprechende Mehrheiten dafür organisieren muss – oft gegen
heftigen Widerstand der Pächter und Jäger. Schließlich können diese dann
nicht mehr mitbestimmen, wie viel, wo und was gejagt wird.
## Drohungen bis in die Familie
„Mein Vater hat mal gesagt, er habe mit Gegenwind gerechnet, aber dass es
ein Orkan wird, hat er nicht erwartet“, erzählt Dörmbach. „Dass die
örtliche Jägerschaft heftig diskutiert, das gehört dazu“, sagt er. Aber es
habe Beschimpfungen, Diffamierungen und Bedrohungen gegeben, die bis in die
Familie hineinreichten – „das geht nicht“. Der Waldbesitzer erinnert sich:
„Da haben gestandene Männer mit erhobenem Finger vor mir gestanden und
gesagt: Passen Sie auf, dass Sie keinen Fehler machen!“
Aber der Gegenwind hat die Genossen nicht bremsen können. Auch die viele
Arbeit nicht, die nach dem Beschluss anstand. Alles, was der Pächter
gemacht hatte, mussten sie nun selber stemmen: Hochsitze bauen, reparieren
und ausbringen, die Berufsgenossenschaft überzeugen, Wildschäden bezahlen.
Im ersten Jahr sei es viel Arbeit gewesen, bestätigt Dörmbach, aber das sei
nun deutlich weniger geworden. Was sie länger beschäftigt: Jäger finden,
die bei Wind und Wetter rausgehen und genug jagen. Seine ehemaligen Pächter
zum Beispiel hätten sich ohne Pacht nicht mit dem Jagen beauftragen lassen
wollen, sagt Dörmbach.
„In der Jagdgenossenschaft haben nur wenige einen Jagdschein“, sagt er. „Da
haben wir externe und auch junge Jäger gefunden.“ Finanziell habe sich die
Umstellung gelohnt: Die Einnahmen aus dem Wildfleischverkauf an
Interessenten und Gastronomie seien mittlerweile höher als die früheren
Pachteinnahmen.
## Starke Jägerlobby
Dass trotz aller Mühen immer mehr Jagdgenossenschaften auf
Eigenbewirtschaftung umstellen, ist auch eine [3][Reaktion auf eine
politische Leerstelle]. Seit Jahrzehnten fordern Waldeigentümer, dass die
Jagdgesetze in Ländern und im Bund geändert werden: kürzere Pachtzeiten,
mehr Rechte für Waldbesitzende, mehr Jagd mit dem Ziel, dass die natürliche
Verjüngung des Waldes ohne teure Schutzmaßnahmen funktioniert.
Ebenso lange verhindern traditionelle Jäger, häufig gut betucht und
politisch gut vernetzt, solche Reformen. Sie wollen viel Wild vor der
Flinte. Die herkömmliche Struktur der Jagdgenossenschaften spielt ihnen
dabei in die Hände: Viele Waldbesitzer mit winzigen Waldstücken, oft
Erbinnen und Erben, die weit weg von ihrem Wald wohnen, wissen nicht
einmal, dass sie Jagdgenossen sind – und damit mitbestimmen könnten, wie in
ihrem Wald geschossen wird.
In Bayern, wo bereits mehrere Jagdgenossenschaften umgestellt haben, geht
man das seit einiger Zeit offensiv an. Dort verbreitet der Bauernverband
Leitfäden zu Jagdgenossenschaften, auch der Waldbesitzerverband informiert.
Viele Jagdgenossenschaften würden auch gut mit Pächtern zusammenarbeiten,
betont Joachim Käs vom Bayerischen Bauernverband. Falls aber nicht, habe
das andere Modell einen klaren Vorteil: „Damit kann man sehr schnell auf
Situationen reagieren. Wenn die Zusammenarbeit mit dem Jäger nicht klappt,
dann können Sie morgen sagen: Das war’s“, erklärt Käs. „Bei einer
Verpachtung müssen Sie bis zum Vertragsende warten – das können mehrere
Jahre sein.“
Torsten Dörmbach hat sein Engagement für den Wald und die Umstellung
Anerkennung eingebracht: Er wurde 2025 im Rahmen des Deutschen Waldpreises,
den das Fachportal forstpraxis.de verleiht, zum Waldbesitzer des Jahres
ernannt.
17 Mar 2026
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## AUTOREN
(DIR) Maike Rademaker
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