# taz.de -- Warum es mit dem Löffel besser schmeckt: Eine runde Sache
       
       > Mit Messer und Gabel zu hantieren, entspricht der Etikette. Warum unsere
       > Autorin viel lieber mit dem Löffel isst.
       
 (IMG) Bild: Ganz viel Liebe für den Löffel
       
       Da habe ich nun den Salat. „Guten Appetit“ wünscht die junge Frau, die mir
       den Teller auf den Tisch des Restaurants stellt, in dem ich an einem Mittag
       einkehre. Die grünen Salatblätter sind frisch, dazwischen leuchten
       dunkelrote Streifen von Radicchio und kleine Scheiben junger Möhren und
       knackigen weißen Rettichs. Ich steche mit der Gabel in die Blätter, spieße
       etwas Karotte auf und versuche, mit dem Messer auch noch eine Scheibe
       Rettich auf die Gabel zu schieben.
       
       Doch auf dem Weg zum Mund stürzt der Rettich ab, fällt mir auf die Hose und
       hinterlässt einen feuchten Fleck. Nachdem ich trotzdem einigermaßen
       ordentlich aufgegessen habe, schwimmt zum Schluss im Teller noch etwas
       Vinaigrette. Mit ihrer feinen Säure ist sie viel zu schade um einfach
       abgeräumt und abgewaschen zu werden. Lieber möchte ich sie auslöffeln. Aber
       ich habe nicht das passende Besteck bekommen.
       
       Mit Messer und Gabel zu essen, entspricht der Etikette. Wer damit geschickt
       und ohne zu kleckern hantiert, zeigt, dass er oder sie den Code der
       bürgerlichen Gesellschaft versteht und dort zu Tisch sitzen kann, ohne
       unangenehm aufzufallen. Trotzdem esse ich viel lieber mit dem Löffel und
       lasse die Gabel links liegen.
       
       Ob Salat oder Vorspeisen, Reis oder Pasta mit Soße, Hirse oder Kartoffeln,
       Gemüse oder kleingeschnittenes Fleisch – mit dem Löffel zu essen ist nicht
       nur praktisch, es ist auch sinnlich. Wie in einer kleinen Schale sind
       darauf alle Zutaten zusammengefasst, sodass ich Bissen um Bissen den
       vollen, runden Geschmack genießen kann.
       
       Die Vorlieben beim Essen prägen sich in der Kindheit ein, besagen
       Ergebnisse aus der Sozialisationsforschung und Psychologie. Nach der
       Trennung meiner Eltern lebte ich mit Mutter und Geschwistern bei meinen
       Großeltern. Sie hatten einen alten Landgasthof und waren damit gut
       beschäftigt. Niemals kam es ihnen in den Sinn, die Tischsitten ihrer Gäste
       zu überwachen.
       
       Auch an unserem Familientisch in der Küche war es vor allem wichtig, dass
       das Essen für sieben hungrige Münder reichte und gut schmeckte. Dass ich am
       liebsten mit dem Löffel aß, interessierte niemanden. Nur manchmal wurden
       wir Kinder ermahnt, ruhiger zu sitzen und nicht so viel mit den Stühlen zu
       kippeln.
       
       An so etwas war bei meinem Vater nicht mal zu denken. Wenn ich mit meinen
       Geschwistern dort ein Wochenende verbrachte, mussten Messer und Löffel
       akkurat rechts und die Gabel links neben dem Teller liegen,
       selbstverständlich auf einer frisch gebügelten Tischdecke aus weißem
       Damast. Der Vater [1][saß am Haupt des Tisches]. So hatte er seine vier
       Kinder, seine Mutter und die Haushälterin genau im Blick. Mein Platz war
       links von ihm, er schaute mir andauernd auf die Finger und erklärte, wie
       ich zu essen hätte.
       
       Nach der Suppe musste ich den tiefen Teller mitsamt dem Löffel abräumen
       lassen. Wenn es Braten gab, sollte ich zuerst ein mundgerechtes Stück
       Fleisch von der Scheibe schneiden, danach die Salzkartoffeln mit der Gabel
       in kleine Stücke zerteilen, Kartoffel und Fleisch mit dem Messer auf die
       Gabel schieben, diese durch die Bratensoße ziehen und nun zu Munde führen.
       Diese Prozeduren verdarben mir jeglichen Appetit. Sogar der Nachtisch
       schmeckte mir nicht mehr, obwohl ich dafür einen Kaffeelöffel benutzen
       durfte.
       
       Vielleicht war es mir deshalb lange peinlich, in der Öffentlichkeit mit dem
       Löffel zu essen. Ich hatte ja gelernt, dass sich das nicht gehört. Und
       vielleicht mache ich es so gerne, weil es sich nach Zuhause anfühlt, nach
       Oma und Opa und Mama. Der Löffel war das erste Besteck, das ich in die Hand
       genommen habe, und er wird auch das letzte sein. Bis ich irgendwann nicht
       mehr an Mahlzeiten und dem Leben teilnehmen kann und ihn abgebe.
       
       Mittlerweile esse ich ganz ungeniert so, wie es unsere Vorfahren schon vor
       Urzeiten gemacht haben. Denn die [2][Gabel auf dem Esstisch] ist eine
       ziemlich neue Erfindung. Die längste Zeit kam Homo erectus und später Homo
       sapiens in Europa auch ohne gut klar. Man aß mit den Händen oder mit dem
       Löffel, der der schöpfenden Hand nachgeahmt ist. Archäolog:innen
       entdeckten Exemplare aus Holz oder Knochen geschnitzt sogar in sehr frühen
       Funden aus der Altsteinzeit. In der Jungsteinzeit, etwa 5.000 Jahre vor
       unserer Zeitrechnung, brannten die Menschen ihre Löffel aus Ton.
       
       Erst deutlich später, in der Antike, verwendeten Griechen und Römer kleine
       Gabeln, aber nur zum Servieren von Obst und Konfekt oder zum Aufspießen von
       Fleisch. Ab dem 7. Jahrhundert führte man dann an höfischen Tafeln in
       Byzanz und im nahöstlichen Raum die Gabeln auch zu Munde. Der hohe Adel in
       Venedig und anderen italienischen Städten, die mit den Ländern am östlichen
       Mittelmeer Handel trieben, wollte es ihnen gleichtun und begann dann um das
       Jahr 1100, im Hochmittelalter, mit der Gabel zu dinieren.
       
       Man hielt das für schick und vor allem: Man konnte sich damit abgrenzen von
       niedrigeren Schichten. Das Besteck war oft aus Silber und ein Zeichen für
       Reichtum. Über Frankreich kam die Essgabel schließlich nach Deutschland,
       auch hier zunächst nur zu den gehobenen Kreisen. Standard auf den Tischen
       des Bürgertums wurde sie erst im 19. Jahrhundert.
       
       Das Essen aufpieksen und die Zacken dann in den Mund führen? Ich würde zwar
       nicht so weit gehen wie Hildegard von Bingen, die fand, dass die Gabel ein
       Werkzeug des Teufels ist. Die frühen Essgabeln hatten nur zwei, später drei
       Zinken und erinnerte manche gläubige Christ:innen an die Forken, mit
       denen der Teufel dargestellt wurde.
       
       Auch wenn die Essgabel heutzutage vier Zinken hat – in meinem Mund hat sie
       trotzdem nichts verloren. Ich nutze sie nur, um mir Linsen,
       kleingeschnittenes Gemüse, Spirelli oder Spätzle in Soße auf den Löffel zu
       schieben. Für ein angenehmes taktiles Erlebnis sollte der Löffel allerdings
       die richtige Größe haben, er darf nicht zu tief sein und seine ovale Form
       sollte harmonisch zur Mundöffnung passen.
       
       ## Mit dem Löffel malen
       
       Als ich letzten Sommer eine Freundin besuchte, mochte ich nicht nur den
       Kaffee und Kirschkuchen, sondern auch ihre Bilder, die an den Wänden hingen
       und auf einer Staffelei standen. Da hörte ich, dass sie nicht nur mit dem
       Pinsel, sondern auch mit dem Löffel malt.
       
       Sie trägt Acrylfarben mit der Rückseite eines Kaffeelöffels auf, das ergibt
       plastische Effekte auf der ansonsten zweidimensionalen Leinwand. Die
       britische Künstlerin Ann Carrington gestaltet sogar Skulpturen aus
       Essbesteck, oft in Form übergroßer Blumenbouquets. Für die Blüten verwendet
       sie vor allem Löffel. Aber manchmal verbiegt sie dafür – nun ja – auch
       Gabeln.
       
       Im Restaurant, in dem ich vor meinem Teller mit dem Rest Salatsoße sitze,
       bitte ich um einen Löffel. Erstaunt schaut mich die Servicekraft an. „Ihr
       Salat war lecker und auch die Vinaigrette schmeckt gut, ich würde sie gerne
       auslöffeln“, sage ich. „Aber selbstverständlich, bringe ich Ihnen gleich“,
       erwidert die junge Frau und kommt bald zurück – mit einem Kaffeelöffel. Die
       Salatsoße als Dessert? Warum nicht, denke ich, und löffle sie restlos auf.
       
       21 Apr 2026
       
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