# taz.de -- Chagos-Archipel im Indischen Ozean: Tropisches Inselparadies an der Iran-Front
> Die USA brauchen die Militärbasis Diego Garcia für ihren Irankrieg.
> Großbritannien will aber die Inseln, auf denen sie liegt, an Mauritius
> übertragen.
(IMG) Bild: Britisches Hoheitsgebiet: die Insel Diego Garcia im Indischen Ozean
„Wir sind ganz allein. Es ist magisch. Eine Robinson-Atmosphäre! Die
Tierwelt ist üppig: Vögel, Fische und Schalentiere. Der Boden ist mit
Korallen bedeckt und es gibt nur wenige Stellen, an denen man einen Anker
auswerfen kann. In Boddam lebte einst eine ganze Gemeinde in einem hübschen
Dorf. Es gibt noch viele Überreste, die unaufhaltsam von der Vegetation
verschlungen werden.“
Diese Beschreibung stammt aus einem [1][Bericht des Weltumseglers Dominique
Montesinos für das Magazin Boote]. 2021 hatte er eine seltene
Aufenthaltsgenehmigung erhalten, um wenige Tage auf dem Chagos-Archipel vor
Anker zu gehen. Die rund 55 Inseln des Archipels mitten im Indischen Ozean
sind seit den Napoleonischen Kriegen 1814 britisches Gebiet, das
„[2][British Indian Ocean Territory“.] Es ist eines der wichtigsten
Meeresschutzgebiete der Erde und es enthält einige der umfangreichsten
Korallenriffe der Welt, und es ist für Zivilisten Sperrgebiet.
Die südöstlichste und größte Chagos-Insel Diego Garcia steht heute aus
einem ganz anderen Grund im Mittelpunkt der Weltpolitik. Seit den 1970er
Jahren befindet sich dort eine der wichtigsten US-Militärstützpunkte. Diego
Garcia beherbergt eine Luftwaffen- und eine Marinebasis mit Kapazitäten für
7.000 Militärangehörige, mit tiefen Hafenanlagen, geeignet sogar für
Flugzeugträger, und Überwachungsstationen.
Von dort aus werden die Seewege im gesamten Indischen Ozean maritim und
elektronisch überwacht. In westlicher Richtung rund 3.000 Kilometer
entfernt liegt Somalia und die Seeroute ins Rote Meer Richtung Europa, in
östlicher Richtung in ähnlicher Entfernung Singapur und die Straße von
Malakka Richtung China. In nordwestlicher Richtung sind es 3.800 Kilometer
bis Iran. 2001 startete mit Luftangriffen von Diego Garcia aus der US-Krieg
in Afghanistan.
## Langstreckenbomber gegen die Taliban – und gegen Iran?
Für den aktuellen Krieg der USA gegen Iran wäre Diego Garcia mit seinen
modernen Langstreckenbombern, die diese Entfernungen in drei bis fünf
Stunden überwinden können, ebenfalls ein wichtiger Ausgangspunkt. Aber weil
es britisches Hoheitsgebiet ist, brauchen die USA dafür die Erlaubnis
Großbritanniens – und dies verweigerte zunächst die Regierung von
Labour-Premierminister Keir Starmer, anders als 2001.
Erst am Sonntagabend knickte Starmer ein und gab britische Militärbasen im
Ausland für Militärschläge gegen Iran frei. Dies erfolgte kurz nach einem
iranischen Drohnenangriff auf die britische Mittelmeerbasis auf Zypern.
Mit dieser Kehrtwende versucht Starmer, eines seiner wichtigsten
außenpolitischen Projekte zu retten: die Abwicklung der britischen
Kolonialpräsenz im Indischen Ozean. Am 22. Mai 2025 unterzeichneten die
Regierungen von Großbritannien und Mauritius [3][einen Vertrag], wonach der
Chagos-Archipel formal an Mauritius übergeben wird – die britische
Regierung pachtet ihn dann und betreibt dort weiterhin die gemeinsame
Militärbasis Diego Garcia mit den USA.
Warum Mauritius, das fast 2.000 Kilometer weiter südlich liegt? Das hat mit
der Kolonialgeschichte zu tun.
## Eine schillernde Kolonialgeschichte
Erst Portugiesen, dann Holländer und schließlich Franzosen hatten die
vielen kleinen Inselgruppen im Indischen Ozean ab dem 15. Jahrhundert in
Besitz genommen – und viele davon fielen in den Napoleonischen Kriegen des
frühen 19. Jahrhunderts an das britische Empire. So wurde aus der
französischen „Île de France“ das britische „Mauritius“, das zum Hauptsitz
des neuen britischen Kolonialgebietes im Indischen Ozean wurde; dazu
gehörten auch die Seychellen und der Chagos-Archipel sowie weitere kleinere
Inseln.
1968 erhielt Mauritius die Unabhängigkeit. Zuvor war die Ozeankolonie in
ihre Bestandteile zerlegt worden. Eines davon waren die Seychellen, die
seit 1976 als eigener Staat unabhängig sind. Ein anderer war der
Chagos-Archipel, der zu Verteidigungszwecken britisches Gebiet blieb und
nunmehr [4][„British Indian Ocean Territory“] heißt.
Mauritius erhielt dabei einige Zugeständnisse, etwa Rechte auf Fischerei
und Bodenschätze sowie Notlandungen. Insgesamt 3 Millionen Pfund, nach
heutiger Währung umgerechnet etwa 77 Millionen Euro zahlte die britische
Regierung damals an Mauritius. Sollte das Gebiet nicht mehr zu
Verteidigungszwecken notwendig sein, könnte die Inselgruppe zurück an
Mauritius gehen, hieß es damals.
Die als Militärstützpunkt auserkorene Insel Diego Garcia war die einzige
bewohnte Insel des Chagos-Archipels. Alle 1.500 bis 1.750 Einwohner – fast
alles Nachfahren ehemaliger versklavter Afrikaner – wurden zwischen 1968
und 1973 zwangsumgesiedelt, größtenteils nach Mauritius und auf die
Seychellen. Dann konnten die USA ihre Militäreinrichtungen errichten, die
seitdem mehrfach ausgebaut wurden.
2002 erhielten die meisten Chagosianer:innen das Recht auf britische
Staatsangehörigkeit, was 2022 auf alle Nachkommen ausgeweitet wurde. Bis zu
3.500 Menschen der Chagos-Community leben heute in Großbritannien, die
meisten in Crawley bei London. Vergeblich fordern sie ein Recht auf
Rückkehr in die Heimat – bis heute. Und zugleich erhebt Mauritius seit den
1980er Jahren Anspruch auf den Archipel.
## Vollendung der Dekolonisierung oder „Akt größter Torheit“?
2019 äußerte [5][der von Mauritius angerufene Internationale Gerichtshof
(IGH)] in Den Haag, der für zwischenstaatlichen Rechtsstreit zuständig ist,
die [6][nicht bindende Meinung], dass das Vereinigte Königreich über die
Chagos-Inselgruppe keine legitime Souveränität habe und die Dekolonisierung
von Mauritius nicht vollendet sei. Daraufhin verlangte die
UN-Generalversammlung der im Mai 2019 in [7][Resolution 73/295] die
Übergabe der Inseln an Mauritius.
Dies zu erfüllen und damit das Völkerrecht einzuhalten, ist eine
Herzensangelegenheit von einflussreichen Personen im Umfeld des britischen
Premierministers Starmer. Der Anwalt von Mauritius beim Verfahren am IGH,
Philippe Sands, ist ein alter Kollege des britischen Generalstaatsanwalts
Lord Hermer und auch von Keir Starmer, der selbst früher
Generalstaatsanwalt war, und er lud Starmer nach Mauritius ein, bevor er in
die Politik ging. Aus dieser Zeit kennt Starmer den mauritischen
Premierminister Navin Rangoolam, der sein Amt im November 2024 aufnahm,
wenige Monate nach Keir Starmer in Großbritannien.
Die Verhandlungen zwischen Großbritannien und Mauritius hatten bereits 2022
unter der konservativen Regierung in London begonnen, aber erst Starmer und
Rangoolam brachten sie gemeinsam zu dem von Mauritius gewünschten
Abschluss.
[8][Demnach] gibt Großbritannien den Chagos-Archipel an Mauritius zurück
und zahlt dann Mauritius für die weitere Verwaltung und Nutzung davon einer
jährliche Pachtgebühr von durchschnittlich 101 Millionen britischen Pfund
pro Jahr für die nächsten 99 Jahre. Wie viel das insgesamt kostet, darüber
sind sich Regierung und Opposition in London uneins.
Die britische Regierung argumentiert, dass dieser Deal die westliche
Präsenz stärkt und etwa gegen Ambitionen Chinas absichert. Die Opposition
aus Konservativen und Reform UK schäumt über eine angebliche Kapitulation
Großbritanniens, die, anders als von der Labour-Regierung dargestellt, gar
nicht juristisch nötig sei, da noch kein finales Urteil beim IGH ergangen
sei.
Unter anderem die beharrliche Lobbyarbeit der britischen Rechten hat dafür
gesorgt, dass jetzt auch die Regierung von US-Präsident Donald Trump ihre
anfängliche Unterstützung des britisch-mauritischen Deals zurückgezogen
hat. Im Januar nannte Trump die Rückgabe des Chagos-Archipels einen „Akt
größter Torheit“. Am 18. Februar erklärte Trump, sollten die USA Iran
angreifen müssen, wäre es notwendig, Diego Garcia zu benutzen. Das hat nun
die britische Regierung erst verweigert und jetzt gebilligt.
Wegen der Haltung der USA ist [9][das Abkommen] bis heute nicht in Kraft –
es muss noch im Parlament ratifiziert werden. Die entsprechenden finalen
Abstimmungen in London wurden zuletzt wiederholt abgesagt mit der
Begründung, weitere Gespräche mit Washington seien nötig.
## Die deportierten Bewohner sollen im Exil bleiben
Das Nachsehen hat bei all dem die ursprüngliche Chagos-Bevölkerung, die ab
1968 der Militärbasis auf Diego Garcia weichen musste. Auch sie lehnt den
Deal mit Mauritius ab, da er kein Rückkehrrecht für sie vorsieht. In
Reform-UK-Parteichef Nigel Farage hat sie nun einen lautstarken Fürsprecher
gefunden.
Inmitten der diplomatischen Rangelei zwischen London und Washington landete
am 16. Februar eine Gruppe von Exilanten mit einem kleinen Gummiboot auf
der Chagos-Insel Île du Coin, rund 250 Kilometer nördlich von Diego Garcia.
Dort verkündeten sie ihre Heimkehr und sagte, Hunderte würden folgen.
Der gewählte „Erste Minister“ der Chagosianer:innen im Exil sagte, ein
Baseballcap mit der Aufschrift „Make Great Britain Great Again“ tragend:
„Wir sind keine Besucher, wir sind Zugehörige und wir sind hier, um für
immer zu bleiben. Wir wollen weiter der britischen Krone unterstehen, loyal
Ihrer Majestät König Charles III.“ Die Bootsfahrt aus den Malediven soll
nach Presseberichten von Veteranen der britischen Spezialkräfte ermöglicht
worden sein.
Nigel Farage wollte sogar mitfahren, kam aber nicht weiter als auf die
Malediven. Die britische Regierung nannte die Landung illegal und reagierte
mit einer Deportationsanordnung, worauf Farage mit dem Vorwurf konterte,
dass die Labour-Regierung illegale Bootsflüchtlinge aufnehme, aber
Chagos-Bewohner nicht per Boot in ihre Heimat reisen lassen wolle. [10][In
einem Video] sprach er von britischem Land, auf dem sich britische Bürger
niedergelassen hätten, doch die britische Regierung tue alles, um sie
wieder von dort zu entfernen.
## Jetzt kommen auch die Malediven ins Spiel
Eine unerwartete Folge: Die Malediven erheben nun ihrerseits Anspruch auf
den Chagos-Archipel – der ist von den Malediven nur 500 Kilometer entfernt,
von Mauritius hingegen fast 1.800 Kilometer, und [11][nach maledivischer
Darstellung] war er Teil der Malediven vor der ersten europäischen
Kolonisisierung.
Die Regierung der Malediven gab bekannt, sie habe in den vergangenen Jahren
mehrfach in London gegen die Pläne zur Übertragung des Archipels an
Mauritius protestiert, erfolglos. Das Land werde nun im Einklang mit der
Politikmaxime „Maldives First“ seine Rechte verteidigen; auch eine eigene
Klage beim IGH werde geprüft.
Mauritius brach als Reaktion darauf am Wochenende die diplomatischen
Beziehungen mit den Malediven ab. Und US-Präsident Trump hat sich durch
Starmers neuestes Zugeständnis, wonach Diego Garcia doch für den Krieg
gegen Iran zur Verfügung steht, nicht besänftigen lassen. Der britische
Premier habe „viel zu lange“ gezögert und das Chagos-Abkommen mit Mauritius
sei ein Fehler, [12][sagte Trump am Montag dem britischen Daily Telegraph.]
„Es wäre viel besser, das Land zu behalten und es nicht Leuten zu geben,
denen es nicht gehört“, sagte er.
Wie es mit den Inseln weitergeht, bleibt abzuwarten. Klar ist, dass die
Debatte um Besitz ohne die koloniale Vorgeschichte kaum erklärbar ist. Ohne
sie wäre der Chagos-Archipel womöglich für immer unbewohnt geblieben.
3 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.boote.com/artikel/38725/zwischenstopp-auf-dem-unbekannten-chagos-archipel-einem-reservoir-der-biodiversitat-im-indischen-ozean
(DIR) [2] https://www.biot.gov.io/
(DIR) [3] https://assets.publishing.service.gov.uk/media/682f25afc054883884bff42a/CS_Mauritius_1.2025_Agreement_Chagos_Diego_Garcia.pdf
(DIR) [4] https://www.biot.gov.io/
(DIR) [5] https://www.icj-cij.org/case/169
(DIR) [6] https://digitallibrary.un.org/record/3806313?ln=en&v=pdf
(DIR) [7] https://commons.wikimedia.org/wiki/File:United_Nations_General_Assembly_resolution_A-RES-73-295.pdf
(DIR) [8] https://commonslibrary.parliament.uk/research-briefings/cbp-10273/
(DIR) [9] https://assets.publishing.service.gov.uk/media/682f25afc054883884bff42a/CS_Mauritius_1.2025_Agreement_Chagos_Diego_Garcia.pdf
(DIR) [10] https://x.com/Nigel_Farage/status/2025273596156019094
(DIR) [11] https://presidency.gov.mv/Press/Article/36303
(DIR) [12] https://www.telegraph.co.uk/us/news/2026/03/02/exclusive-trump-very-disappointed-in-starmer-over-iran/
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