# taz.de -- Bewohner der Chagos-Inseln: Vertrieben aus dem Paradies
> In den Sechzigerjahren wurden die Bewohner der Chagos-Inseln von den
> Briten aus ihrer Heimat verscheucht. Jetzt kämpfen sie für ihre späte
> Anerkennung.
(IMG) Bild: Vor einem britischen Gericht hat Olivier Bancoult bereits mit dem Anliegen der Chagossianer verloren, auf ihre Inseln zurückkehren zu können.
An seine Kindheit im Paradies hat Olivier Bancoult eine besonders intensive
Erinnerung. "Ich höre immer noch den Klang der Kolraba, unserer
traditionellen Trommel, die mein Vater mir geschenkt hat, als ich klein
war." Das Instrument liegt bis heute in der Hütte der Bancoults auf Peros
Banhos, einer der 65 Chagos-Inseln, die zwischen den Malediven und
Mauritius mitten im Indischen Ozean liegen. "Meine Eltern sind damals,
1968, überstürzt aufgebrochen, weil meine Schwester dringend zur Behandlung
ins Krankenhaus auf Mauritius musste", erzählt Bancoult heute in Port
Louis, der mauritischen Hauptstadt. Olivier war da gerade vier Jahre alt.
"Sie haben alles zurückgelassen, sie dachten ja, wir kommen wieder." Doch
weder Olivier noch seine Eltern und Geschwister haben ihre Heimat seitdem
wiedergesehen.
Wer auf den Chagos-Inseln gelebt hat, der erinnert sich an unbeschwerte
Tage. Wellen schlugen in die sanft geschwungene Bucht aus strahlend weißem
Sand, in der Ferne blitzten Korallenriffe. Fische gab es im Überfluss, und
an Land spendeten Kokospalmen Schatten und Früchte, die die Bewohner nur
vom Boden auflesen mussten. Doch dieses Paradies ist verloren gegangen.
Seine Bewohner wurden von den Chagos-Inseln vertrieben. Verantwortlich
dafür ist ein anderes Inselreich im Nordwesten Europas - das Vereinigte
Königreich.
Olivier Bancoults Schicksal, das einige tausend andere Chagossianer ganz
ähnlich erlitten haben, ist die Geschichte einer zunächst geleugneten und
dann verdrängten Vertreibung eines ganzen Volkes. Sie beginnt zu britischen
Kolonialzeiten Anfang der Sechzigerjahre, als die Chagos-Inseln noch zu
Mauritius gehörten. Wer damals auf einer der gut sechzig Inseln lebte und
zum Arzt gehen musste oder Werkzeuge kaufen wollte, der fuhr mit dem Schiff
nach Mauritius, denn auf dem entlegenen Archipel gab es solche Angebote
nicht. Die Chagossianer blieben für ein paar Wochen auf Mauritius, dann
fuhren sie wieder zurück nach Hause.
Doch im Frühjahr 1968, Mauritius war gerade unabhängig geworden, war auf
einmal alles anders. "Als meine Eltern nach der Behandlung meiner Schwester
die Schiffsreise zurück buchen wollten, teilte ihnen der Zahlmeister mit,
das sei unmöglich", erzählt Bancoult. "Eure Inseln sind verkauft worden,
erwiderte er, "an die USA, die bauen da eine Militärbasis."
Dieses Militärareal auf Diego Garcia, der größten Chagos-Insel mit einem
weltweit einmaligen Naturhafen, ist heute einer der größten
US-Militärstützpunkte der Welt. Von der strategisch günstig gelegenen Insel
werden Luftangriffe auf Afghanistan, den Irak und Pakistan geflogen.
Lindsey Collen, eine auf Mauritius lebende Schriftstellerin und
Frauenrechtlerin, hat die Vorgeschichte der Militärbasis ausgiebig
untersucht. Dokumente, die jahrzehntelang in Archiven verstaubten, sowie
persönliche Gespräche belegten, wie die Vereinigten Staaten und die Briten
Anfang der Sechzigerjahre einen Plan schmiedeten, der aus einem
Agentenroman stammen könnte, erzählt Collen. "Die USA wollten unbedingt
eine unbewohnte Insel im Indischen Ozean haben, um von dort aus den
Mittleren Osten und die Ölrouten kontrollieren zu können."
Die Amerikaner bereiteten ihre Pläne mitten im Kalten Krieg vor.
Vorauskommandos der US-Armee schauten sich mehrere britische Kolonialinseln
an und entschieden, Diego Garcia sei am besten geeignet. "Da haben die
Briten gesagt: Kein Problem, wir gründen einfach eine neue Kolonie, die wir
Mauritius nicht mit in die Unabhängigkeit geben", sagt die
Schriftstellerin. Der mauritischen Regierung im Wartestand setzten die
Briten ein Ultimatum: Entweder kommt schnell die Unabhängigkeit ohne die
Chagos-Inseln - oder es gibt gar keine Unabhängigkeit. "Das war nicht
einfach nur illegal, sondern verstieß eindeutig gegen die UN-Charta",
ärgert sich Lindsey Collen heute noch. Letztendlich setzten sich die Briten
durch.
1965 wehte über den Chagos-Inseln erstmals die Flagge der "Britischen
Territorien im Indischen Ozean". Das tut sie noch heute. Die Insel Diego
Garcia wurde kurz danach wie vereinbart an die USA verpachtet, für zunächst
fünfzig Jahre. In einem Brief an die Regierung des Vereinigten Königreichs
in London forderte die US-Armeeführung, die Insel sei zu "räumen und danach
zu säubern". Kurzerhand kappten die Briten alle Versorgungsfahrten zu den
Chagos-Inseln. Wie Olivier Bancoults Familie strandeten viele ungewollt auf
Mauritius, andere flohen. "Den Sturköpfen, die zum Schluss noch da waren,
setzten sie ein Fanal", berichtet Collen. "Hunde, die auf Diego Garcia
praktisch zur Familie gehörten, wurden zusammengetrieben und vor den Augen
der Bevölkerung vergast." Von nun an ging die Angst bei den verbliebenen
Chagossianern um: Wenn wir bleiben, könnte das Gleiche mit uns passieren.
Unterdessen versicherten britische Diplomaten am Sitz der Vereinten
Nationen in New York, die Inseln seien unbewohnt. Eine Lüge, die London
noch jahrzehntelang aufrechterhielt.
Tatsächlich erlebten die Menschen aus Chagos eine Vertreibung: Schiffe
nahmen sie an Bord, und dort hausten die Bewohner des paradiesischen
Eilands wochenlang im Frachtraum, wo sie auf einer Ladung von
Vogelexkrementen, einem Düngemittel, schlafen mussten. Viele starben auf
der Reise, vor allem Kinder. Auf Mauritius ging es den Überlebenden kaum
besser, erinnert sich Olivier Bancoult: "Ich bin wie die meisten in
absoluter Armut aufgewachsen, es ist ein Wunder, dass ich eine
Schulausbildung bekommen habe." Die meisten dieser Menschen lebten und
leben bis heute in den ärmsten Vierteln von Port Louis. Die wenigen Häuser,
die die mauritische Regierung den orientierungslosen Insulanern anbot,
waren bei Unruhen kurz zuvor weitgehend zerstört worden und dienten als
Ziegenställe. Es gab kein Wasser, keinen Strom, keine Toiletten. Was den
Neuankömmlingen blieb, waren winzige Wohneinheiten in den Häusern. Die
14-köpfige Familie Bancoult hatte nur ein Schlafzimmer. Nach einem
ausgeklügelten Schichtplan organisierten sie die Schlafenszeiten, weil
nicht für alle gleichzeitig Platz vorhanden war.
"Wir kamen von einer Insel, wo wir alle in Frieden lebten und niemand Not
litt", erinnert sich Bancoult an seine Kindheit. "Auf Mauritius gab es dann
kein Geld, keine Häuser und keine Jobs für uns, keine Chance, ein besseres
Leben zu führen. Stattdessen gab es auf einmal Drogen, Alkohol,
Prostitution."
In den ersten Jahren nach ihrer Ankunft und dem Schock starben die meisten
Chagossianer. Bancoults Vater erlitt noch am selben Tag im Hafen einen
Schlaganfall, an dem ihm der Zahlmeister offenbart hatte, er könne nicht
nach Hause zurückkehren. Zwei Jahre lang dämmerte er mit gelähmtem
Oberkörper vor sich hin, bevor er starb. Zwei von Olivier Bancoults Brüdern
soffen sich zu Tode, ein dritter starb an Herzversagen. Bancoults Schwester
beging Selbstmord, wie auch andere Vertriebene. "Sie alle sind an der
Trauer gestorben, ihre Heimat verloren zu haben."
Als einer der wenigen Chagossianer, der lesen und schreiben kann, hat
Bancoult die Rückkehr auf die Chagos-Inseln zu seiner Lebensaufgabe
gemacht. Das hat er seiner kämpferischen Mutter Rita versprochen, die
Anfang der Siebzigerjahre die ersten Proteste vor der britischen Botschaft
in Port Louis organisierte. "Da ging es um unsere Anerkennung", berichtet
Bancoult, heute noch empört. "Die Briten behaupteten ja, es gäbe uns nicht,
wir wären Gastarbeiter, obwohl meine Familie schon in vierter Generation
auf Peros Banhos lebte." Als die Bilder der gewaltsam niedergeschlagenen
Proteste London erreichten, änderte die britische Regierung allmählich ihre
Politik. Als Bewohner einer Inselgruppe, die direkt der britischen Krone
untersteht, bekamen die Chagossianer schließlich britische Pässe. Und damit
auch Zugang zur britischen Gerichtsbarkeit.
Im Jahr 2000 errang Bancoult seinen ersten Sieg vor Großbritanniens High
Court, dem Obersten Gerichtshof. In drastischen Worten bestätigten die
Richter die Kläger darin, dass die Ausweisung der Inselbevölkerung illegal
gewesen sei. Doch die Labour-Regierung unter Tony Blair nutzte das uralte
Recht des königlichen Edikts, um die Rückkehr dennoch zu verbieten. Das
Parlament wurde auf diese Weise ausgeschaltet - eine Methode, die ein
Berufungsgericht 2007 als "Machtmissbrauch" verurteilte. Es forderte erneut
die Rückkehr der Chagossianer. Doch das britische Oberhaus, die letzte
Instanz, widersprach, angeblich aus Kostengründen.
Trotz dieser Rückschläge gibt Bancoult nicht auf. "Wir haben bereits eine
Klage beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte eingereicht", sagt
er, und er klingt kämpferisch wie seine Mutter. "Und wir bereiten einen
Fall für den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag vor, denn das,
was die britische Regierung uns angetan hat, ist ein Verbrechen gegen die
Menschlichkeit."
Olivier Bancoult wartet auf den Tag, an dem er seinen Kindern seine Heimat
zeigen kann. "Auch wenn sie auf Mauritius geboren wurden, ihre Wurzeln
liegen auf Peros Banhos." Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, sagt
Bancoult, verbrieft das universelle Recht jedes Menschen auf Rückkehr in
seine Heimat. Er will nicht mehr erreichen, aber auch keinesfalls weniger.
29 Jan 2009
## AUTOREN
(DIR) Marc Engelhardt
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt Iran
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