# taz.de -- Historiker über Geschichte(n): „Norddeutschland hatte eine ganz eigene Öffnung zur Welt“
       
       > Untote, U-Boote, ermordete Geistliche – Tillmann Bendikowski erzählt
       > norddeutsche Geschichte in Geschichten, von den Römern bis heute.
       
 (IMG) Bild: 1943 wegen Kritik am NS-System hingerichtet: die „Lübecker Märtyrer“, katholische und evangelische Geistliche
       
       taz: Herr Bendikowski, in Ihrem Buch erzählen Sie historische Geschichten
       von der Nordseeküste bis zum Harz. Geht es da mal wieder um
       [1][untergegangene Städte] und [2][Brockenhexen]? 
       
       Tillmann Bendikowski: Nein, in dem Buch, das ich mit Sabine Knor
       geschrieben habe, stehen eher unbekanntere Geschichten, die den
       Geschichtsraum Norddeutschland illustrieren sollen. Der ist sehr
       vielschichtig und war überregional gut vernetzt. Und so geht es darin auch
       um große Themen wie die Geschichte des Welthandels oder der technischen
       Revolutionen. All das spiegelt sich in diesen lokalen Geschichten, die von
       den Römern und Germanen bis in die Gegenwart reichen.
       
       taz: Technische Revolutionen? 
       
       Bendikowski: Wir klären zum Beispiel die Frage, ob im Steinhuder Meer
       tatsächlich das erste U-Boot getaucht hat.
       
       taz: Und, hat es? 
       
       Bendikowski: Wohl eher nicht. Aber wir haben die Pläne für diesen
       „Steinhuder Hecht“, der 1762 von einem grandiosen Konstrukteur entworfen
       wurde. Bei der Frage, ob er jemals gebaut wurde, muss ich als Historiker
       allerdings passen, weil sich da die Spur verliert. Aber die Idee, das
       Know-how und die Begeisterung für die Technik waren da – und das in der
       niedersächsischen Provinz.
       
       taz: Kann man solche Geschichten nicht auch aus Nordrhein-Westfalen oder
       Bayern erzählen? 
       
       Bendikowski: Das Besondere an Norddeutschland waren die Handelswege. Mit
       der Elbe, der Weser und der Ems haben wir Zugänge zu den Meeren. Wenn ich
       zum Beispiel über eine [3][Moorleiche in Emden] schreibe, dann geht es auch
       darum, dass schon im frühen Mittelalter in England mit friesischem Tuch
       gehandelt wurde. Es gab Kolonialwaren wie Zucker, Tabak oder chinesisches
       Porzellan, die im 17. Jahrhundert in die norddeutschen Häfen kamen und von
       dort über Deutschland verteilt wurden. Norddeutschland hatte schon immer
       eine ganz eigene Öffnung zur Welt.
       
       taz: Das Wort „sagenhaft“ ist ja mehrdeutig. Erzählen Sie auch Sagen und
       Legenden? 
       
       Bendikowski: Nein, da ist nichts erfunden. „Sagenhaft“ meinen wir im Sinne
       einer Überraschung darüber, dass es so etwas bei uns gegeben hat. Aber
       tatsächlich geht es zum Teil auch in den Bereich des Volksaberglaubens und
       der Mythen über.
       
       taz: Wo zum Beispiel? 
       
       Bendikowski: Da wäre etwa die Bannung von sogenannten [4][Untoten in einem
       Kloster in Harsefeld bei Stade]. Da wurden toten Mönchen in ihren Gräbern
       mit schweren Vorhängeschlössern die Füße gefesselt, weil man Angst hatte,
       sie würden sonst wieder auferstehen und herumspuken.
       
       taz: Haben Sie als Historiker sich für diese Geschichten in den Archiven
       die Augen verdorben oder haben Sie auch vor Ort recherchiert? 
       
       Bendikowski: Ich war an allen Orten, wo diese Ereignisse sich zugetragen
       haben. Bei der Geschichte von den Lübecker Geistlichen, die 1943
       hingerichtet wurden, war ich zum Beispiel in der Zelle im Lübecker
       Burgkloster, wo sie damals eingesperrt waren.
       
       taz: Worum geht es in diesem Fall? 
       
       Bendikowski: Die sogenannten [5][Lübecker Märtyrer] sind deswegen so
       außergewöhnlich, weil dies der erste dokumentierte Fall ist, bei dem
       Geistliche hingerichtet wurden, die überkonfessionell zusammengearbeitet
       haben. Das waren drei Katholiken und ein Protestant und die wurden wegen
       Kritik am System der Nazis in ihren Pfarrgemeinden hingerichtet.
       
       taz: Sie erzählen also die Geschichten zur Geschichte? 
       
       Bendikowski: Die Geschichten sind das Rückgrat jeder Geschichtserzählung,
       aber ich meine, dass sie nicht von alleine sprechen. Es braucht immer
       erfahrene ErzählerInnen und HistorikerInnen, die das Wesentliche dieser
       historischen Begebenheit pointiert herausarbeiten, sie in einen Kontext
       setzen und den Wert dieser Geschichte für unsere Gegenwart herausstellen.
       
       1 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Kirchenfundamente-im-Watt-gefunden/!5946970
 (DIR) [2] /Sagenwelt-im-Harz/!5595051
 (DIR) [3] /Heimkehr-nach-Klinikaufenthalten/!5022093
 (DIR) [4] /Ausstellung-ueber-Untote/!5970934
 (DIR) [5] /Oekumenisches-Gedenken/!5053833
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Wilfried Hippen
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Ausstellung
 (DIR) NS-Forschung
 (DIR) Mittelalter
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Exponat im Museum Schwedenspeicher: Die flüchtige Leiche
       
       Im Museum Schwedenspeicher in Stade wird seit Jahrzehnten eine Moorleiche
       ausgestellt. Doch nun liegt da nur noch ein Skalp. Eine Spurensuche.
       
 (DIR) Historiker über Pastoren in der NS-Zeit: „80 Prozent haben kollaboriert“
       
       Helge-Fabien Hertz hat die Biographien aller evangelischen Pastoren
       untersucht, die in der NS-Zeit in Schleswig-Holstein gearbeitet haben.
       
 (DIR) Ungebrochener Mythos Klaus Störtebeker: Vom Kaperfahrer zum Märtyrer
       
       Klaus Störtebeker hat es wohl nie gegeben. Und wenn doch, dann war er
       sicher kein Wohltäter. Zum „Robin Hood“ der Meere wurde er trotzdem.