# taz.de -- TikTok-Verbot für Kinder​: Eine autoritäre Geste​
       
       > Sind die von CDU und SPD geplanten Social Media-Verbote für Kinder und
       > Jugendliche sinnvoll - oder macht sich die Politik damit einen schlanken
       > Fuß?
       
 (IMG) Bild: Die CDU will Jugendliche schützen – aber wer schützt die Jugendlichen vor der CDU?
       
       [1][taz FUTURZWEI] | Die [2][CDU] hat auf ihrem Bundesparteitag in
       Stuttgart beschlossen, dass die Bundesregierung ein generelles
       [3][Social-Media-Verbot] für Menschen unter 14 Jahren auf den Weg bringen
       soll. Die Diskussion war entstanden durch einen von Daniel Günther
       eingebrachten Antrag mit dem Titel „Ro6: Digitale Öffentlichkeit neu ordnen
       … Demokratie, Jugend und Medienvielfalt wirksam schützen“. Der Antrag des
       Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein wollte „nur“ ein Verbot für
       Unter-Sechzehnjährige, deutet aber – und da wird es interessant – einen
       Einstieg in eine umfassende Regulierung der Sozialen Medien und aller
       Plattformen an.
       
       „Die sozialen Netzwerke nutzen Algorithmen, die oftmals eine Verrohung der
       Diskussionskultur bewirken. Die Anonymität des Netzes begünstigt Hass und
       Hetze, sowie strafbares Verhalten“, heißt es. Zentrale, digitale
       Infrastrukturen seien in wenigen Händen konzentriert. „Es entstehen
       gefährliche Meinungsmonopole mit völlig unzureichender Verantwortung für
       die gesellschaftlichen Folgen.“
       
       Derweil verlangt die SPD in einem [4][Positionspapier] ein
       Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche unter 14 Jahren und bis 16
       eine stark eingeschränkte Nutzung der sozialen Medien.
       
       ## Bleibt es „nur“ bei einem Verbot?
       
       Kündigt sich, so lautet die Frage, bei den Regierungsparteien die
       Bereitschaft an, künftig Technikfolgenabschätzung als Voraussetzung für die
       Einführung neuer Technologien zu beachten?
       
       Wie bisher immer im Fall sich ausbreitender neuer Technologien wird der
       tägliche, stundenlange Smartphone-Konsum von Kindern erst bearbeitet, wenn
       die verheerenden Folgen des Gebrauchs von [5][TikTok] und anderen
       Plattformen nicht mehr ignoriert werden können. Steht mit den
       Verbotsvorschlägen auch die Einhegung, die Verrechtlichung des Einsatzes
       von Sozialen Medien und der digitalen Technologien in die Rechtsordnung –
       wie in den Anträgen angedeutet – auf der Tagesordnung?
       
       Zunächst einmal geht es nur um das Verschwinden der Jungen aus der analogen
       Wirklichkeit in die fiktiven Blasen der sozialen Medien. Ein Verbot des
       Zugangs zu diesen Blasen ist sinnvoll, wenn kognitive Fähigkeiten,
       Intellektualität und freies Denken auch für die nächsten Generationen
       gesichert werden sollen.
       
       ## Nur eingeschränkt schützende Wirkung
       
       Aber mit so einem Verbot haben CDU und [6][SPD] die Rechnung ohne die
       Jugendlichen gemacht. Genauso wenig, wie wir uns vor vielen Jahren das
       [7][Rauchen], das Saufen und die ersten chemischen Drogen haben verbieten
       lassen, genauso wie wir das antiautoritäre Regelbrechen als Teil unseres
       eigenen Weges in die Selbständigkeit gelebt haben, werden die heute
       Sechzehnjährigen Wege finden, die geplanten Verbote zu umgehen.
       
       Nun ist es so, dass Gesellschaft und Politik bekanntlich die Schäden von
       Rauchen, Suff, und Drogenkonsum hinnehmen, die daraus resultierenden
       Milliardenkosten für die Gesundheitssysteme, die zerstörten Lebenschancen
       von tausender, junger Leuten und sie die Tabakindustrie nie ernsthaft zur
       Regulierung der von ihnen verursachten Schäden herangezogen haben. Genauso
       wird auch ein Verbot des Zugangs zu den sozialen Medien bis 16 nur sehr
       eingeschränkt schützende Wirkungen für die Jungen haben, wenn es isoliert
       daherkommt.
       
       Selbstredend wissen die Jungen ganz genau, wie sie so ein Verbot umgehen
       können. Wenn nicht, werden sie es schnell herausfinden. Auf jeden Fall
       werden sie ihr Leben in den fiktiven Welten der sozialen Medien fortsetzen.
       Ob und wie sie beim Älterwerden aus diesen erfundenen, sie manipulierenden
       und in manchen Fällen zerstörenden Welten wieder herausfinden, wird durch
       so ein Verbot in ihre eigene Verantwortung ausgelagert.
       
       Das bedeutet: Die Politik kann sich mit dem Verbot einen schlanken Fuß
       machen. Wie sie bisher mit unzureichender Sozialarbeit das Elend der
       Drogen- und Alkoholabhängigen so beiseite räumt, dass die Betroffenen
       unseren Alltag nicht zu sehr stören, so kann sie auch mit den
       Digital-Süchtigen machen.
       
       ## Es braucht echte Regulierung statt autoritärer Symbolpolitik
       
       Wenn die Verbote des Zugangs zu den sozialen Medien für Jugendliche einen
       Sinn haben sollen, wenn sie die geistige Selbständigkeit der Jungen sichern
       sollen, dann muss die Politik viel weiter ausgreifen. Dann muss sie den
       Gebrauch der sozialen Medien, der sie tragenden Technologien und die
       Aktivitäten der bisher völlig unkontrolliert darüber verfügenden Eigentümer
       umfassend im öffentlichen Interesse regulieren.
       
       Beginnen könnte dieses Regulieren in den Schulen. Der Gebrauch von
       Smartphones, Tablets und aller digitalen und KI-Medien wäre zu verbieten.
       Dazu käme die Demontage aller Whiteboards in den Klassenräumen und ein
       ausnahmsloses Verbot des Gebrauchs von ChatGPT. Anzustreben wäre die
       Rückkehr zu den analogen Techniken der Bildung, dem Lesen, dem
       artikulierten Denken, dem Schreiben auf Papier und dem medienfernen Lernen.
       Zu den begleitenden Maßnahmen könnte, zum Beispiel, die Einführung eines
       neues Schulfachs „Lesen“ gehören. Ab Schulstufe acht müssten in diesem Fach
       von jedem Schüler in jedem Schuljahr acht Bücher aus dem Kanon der
       Weltliteratur gelesen und gemeinsam besprochen werden.
       
       Wasser, Abwasser, Strom, Wärme, Mobilität und Bildung sind Güter, die
       öffentlich bewirtschaftet werden. Alle digitalen Medien und [8][KI] sind in
       diese Reihe als öffentliches Gut des 21. Jahrhundert einzufügen. Der
       ungeregelte und nur von Marktmacht bestimmte Gebrauch der Algorithmen kann
       Freiheit, demokratische Verfahren und regelgebundene Strukturen zerstören
       und könnte diese durch die Herrschaft privater und von ihren Eigentümern
       gesteuerten Plattformen ersetzen.
       
       Die von CDU und SPD geplanten Verbote sind nur dann sinnvoll, wenn sie den
       Beginn einer umfassend regulierenden Digitalpolitik markieren. Ansonsten
       sind sie nicht mehr als die autoritäre Geste hilfloser Erwachsener, die im
       Gestern steckengeblieben sind.
       
       🐾 Lesen Sie weiter: Die Ausgabe N°35 unseres Magazins taz FUTURZWEI mit dem
       Titelthema „Das Wohnzimmer der Gesellschaft“ ist [9][erhältlich im taz
       Shop].
       
       24 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /taz-FUTURZWEI/magazin-fuer-zukunft-und-politik/!v=8ce19a8c-38e5-4a30-920c-8176f4c036c0/
 (DIR) [2] /CDU/!t5008617
 (DIR) [3] /CDU-Parteitag/!6156511
 (DIR) [4] /Altersbegrenzung-auf-Social-Media-Bei-Forscherinnen-umstritten/!6155008
 (DIR) [5] /TikTok/!t5647139
 (DIR) [6] /SPD/!t5008456
 (DIR) [7] /Rauchen/!t5008657
 (DIR) [8] /Schwerpunkt-Kuenstliche-Intelligenz/!t5924174
 (DIR) [9] https://shop.taz.de/product_info.php?products_id=245693
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Udo Knapp
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA