# taz.de -- Jeffrey Epstein und die Folgen: Mit Aufklärung hat das nichts zu tun
       
       > Die Epstein Files sollten Fakten liefern, doch bislang bringen sie vor
       > allem Verschwörungstheorien hervor. Und die Opfer leiden erneut.
       
 (IMG) Bild: Die Statue mit dem Titel „König der Welt“ stellt US-Präsident Donald Trump und den verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein dar
       
       Fast hatte man ihn vergessen, doch mit der Veröffentlichung der Epstein
       Files ist er zurück: Verschwörungserzähler Xavier Naidoo. Eigentlich hatte
       er sich ja von „rechten und verschwörerischen“ Gruppen distanziert, doch
       vor wenigen Wochen faselte er vor dem Kanzleramt dann wieder etwas von
       „Menschenfressern“ und „embryonalem Gewürzmittel“. Und damit nicht genug,
       für den Samstag rief er [1][zur Demo zur „Aufklärung möglicher deutscher
       Verbindungen im Epstein-Komplex“] in Berlin auf. Eine noch größere Bühne
       für seine Theorien.
       
       Armer Irrer, möchte man meinen. Doch Naidoo ist mit seinen Theorien zu
       satanischem Kindesmissbrauch nicht allein. Seit immer mehr Informationen zu
       Epsteins Netzwerk der sexuellen Ausbeutung bekannt werden, mehren sich die
       Stimmen, die dem Verschwörer beipflichten. Hatte er also doch die ganze
       Zeit recht, heißt es dann.
       
       Doch Xavier Naidoo hatte nicht recht. Seine Theorien fallen nur
       mittlerweile auf einen fruchtbareren Boden.
       
       Ende Januar hatte das US-Justizministerium Millionen Akten zum
       Missbrauchsnetzwerk veröffentlicht. Auf Druck aus der Politik, [2][aber
       auch nach Forderungen der „Survivor Sisters“]. Eine Gruppe von
       Überlebenden, die für sich und stellvertretend für 1.000 weitere Opfer des
       Epstein-Netzwerkes die vollständige Freigabe der Akten forderten: „Because
       she deserves the truth“.
       
       ## Unsortiert, ohne Kontext
       
       Doch statt der Wahrheit gibt es bislang nur eine Flut an Daten: Millionen
       Seiten aus E-Mails, Notizen und Rechnungen, abertausende Fotos und Videos.
       Unsortiert, ohne Kontext und stark lückenhaft. Mutmaßlich wichtige
       Informationen, wie Namen von Tätern, sind geschwärzt; sensible
       Informationen der Betroffenen dagegen standen offen im Netz. Wie gefährlich
       diese dilettantische Veröffentlichung ist, zeigt sich heute auf
       verschiedenen Ebenen.
       
       Einige der Betroffenen werden noch einmal Opfer. Ohne dass sie es wollten,
       wurden ihre Namen, ihre Fotos, ihre Adressen und Telefonnummern für alle
       einsehbar hochgeladen. Zu den Folgen gehören: Stalking, Belästigungen und
       Todesdrohungen. Und ihre Hoffnung, dass die Files endlich aus
       Verdachtsmomenten Beweise werden lassen, wurden bislang auch enttäuscht.
       
       Das liegt am Fall selbst: Es geraten so verstörende Verbrechen ans
       Tageslicht, dass manche Verschwörungstheorie harmlos dagegen erscheint: Ein
       internationales Netzwerk aus mächtigen Männern, das über Jahre hinweg
       Mädchen und Frauen angeworben, ausgebeutet und missbraucht hat. Dazu kommt,
       dass wir bislang nur einen Bruchteil von dem wissen, was wirklich passiert
       ist. In den Akten sind die Informationen lückenhaft, Belege fehlen, sind
       geschwärzt oder in Codes formuliert. Das lässt Raum für Spekulationen und
       Verschwörungstheorien.
       
       Seit Wochen durchsucht die Weltöffentlichkeit nun die fragmentarischen
       Dokumente, um dabei ihre ganz eigene Wahrheit zu finden.
       Hobbydetektivinnen, Neugierige und MAGA-Anhänger: Sie alle wollen den
       nächsten großen Scoop landen. Sie suchen nach Namen und Schlagworten,
       interpretieren jeden Code, um den Beleg zu finden, der am besten ins
       Weltbild passt. So wird jedes kontextlose Auftauchen eines Namens oder
       eines Fotos als Beweis für eine Täterschaft herangezogen. Und
       QAnon-Anhänger, wie Naidoo, sehen den Beweis, dass eine geheime globale
       Elite das Blut von Kindern trinkt und alle Strippen zieht.
       
       ## Belastbare Quellen neben wilden Interpretationen
       
       Gleichzeitig gibt es durchaus seriöse Berichterstattung, die Wirkung zeigt.
       Zuletzt führten die Recherchen der New York Times, dazu, dass weitere Daten
       veröffentlicht wurden, die Trump belasten könnten. In New Mexico wird die
       „Zorro Ranch“, ein früheres Anwesen von Epstein, durchsucht. Es gibt
       Hinweise, dass Opfer dorthin entführt wurden. Und in Polen wurden nun
       offizielle Ermittlungen eingeleitet wegen mutmaßlichen Menschenhandels.
       Dort sollen Mädchen und Frauen angeworben und sexuell ausgebeutet worden
       sein.
       
       Doch die aufwändigen Recherchen und belastbaren Quellen stehen neben wilden
       Interpretationen und KI-Collagen im Netz. Es ist eine unkontrollierbare
       Flut aus Informationen, Geraune und gezielten Desinformationen. Und die
       Bevölkerung kann dabei längst nicht mehr auseinanderhalten, was ein Fakt,
       was ein ungeprüfter Hinweis und was eine Verschwörung ist. Mit Aufklärung
       hat das nichts zu tun.
       
       In einer langsameren Welt hätten Journalist_innen die Chance, ohne
       Zeitdruck ihrer Aufgabe als vierter Gewalt nachzukommen. Die Presse könnte
       in Ruhe Daten sortieren und auswerten, um dann mit ihren
       Rechercheergebnissen an die Öffentlichkeit zu gehen. So könnten die Daten
       echte Aufklärung mit sich bringen. Doch so funktioniert unsere
       digitalisierte Welt schon lange nicht mehr.
       
       Die Epstein Files zeigen in extremer Form, wohin fehlendes Gatekeeping und
       mangelnde Medienkompetenz sowie der Vertrauensverlust in die etablierten
       Medien uns führen können. Journalist_innen sehen sich im Wettstreit mit
       Hobbydetektiven und Verschwörerinnen, um Fakten und Wahrheit. Medien
       müssten schneller, lauter und sorgfältiger sein als die restlichen Stimmen.
       Aber wie sollen sie gegen das große Geraune ankommen? Es ist ein Kampf, den
       sie nur schwer gewinnen können.
       
       Doch die größten Verliererinnen bleiben all diejenigen, die Opfer von
       Jeffrey Epstein und seinem Netzwerk geworden sind. Sie haben Aufklärung
       verdient und drohen nun in einer Flut aus Spekulationen unsichtbar zu
       werden.
       
       15 Mar 2026
       
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