# taz.de -- Ostsee in Not: Die Todeszonen in dem Binnenmeer bleiben bestehen
> Der Ostsee steht einer der größten Kaltwassereinbrüche der Geschichte
> bevor. Aufgrund ihrer hohen Nährstoffhypothek verbessert sich ihr Zustand
> wenig.
(IMG) Bild: Teppich aus Schwebestoffen schwimmen auf der Ostsee vor Sassnitz
dpa | Nach wochenlangem Ostwind, der viel Wasser in Kattegat und Skagerrak
gedrückt hat, steht der Ostsee wahrscheinlich einer der stärksten
Frischwassereinbrüche der Geschichte bevor. Das dürfte dem ökologisch
schwer angeschlagenen Binnenmeer etwas Luft verschaffen. Mehr aber auch
nicht. Denn die Ostsee ist nicht nur aktuell überdüngt, sie schleppt auch
eine Hypothek aus der Vergangenheit mit sich, wie eine Studie des
Leibniz-Instituts für Ostseeforschung Warnemünde (IOW) ergab.
Zwar hätten Schutzprogramme wie der „Baltic Sea Action Plan“ dazu geführt,
die Nährstoffbelastung aus menschlichen Quellen zu reduzieren. So seien die
Phosphorfrachten der Flüsse seit den 1980er-Jahren um etwa 50 Prozent und
die Stickstofffrachten um rund 30 Prozent gesunken.
Dass sich trotz der geringeren Nährstoffeinträge bis heute keine
durchgreifende Verbesserung der Oberflächenwasserqualität zeigt, liegt an
einer Art Nährstoffhypothek am Boden der Ostsee. Das zeigten Joachim Kuss
und weitere Autoren in ihrer Arbeit, für die wissenschaftliche Erkenntnisse
und Langzeitdaten aus mehr als sechs Jahrzehnten auswertetet wurden.
Die eigentliche Problematik sei die Freisetzung der Nährstoffe aus dieser
Hypothek aus dem Boden durch sauerstofffreie Zonen, die zuletzt immer
größer geworden seien, so Kuss. Das geschehe durch Reduktion von Eisen und
Mangan, das Phosphat mineralisch gebunden habe, sich aber auflöse. „Als
Gegenmaßnahme muss eine deutliche Verminderung der Sauerstoffarmut im
Tiefenwasser bewirkt werden.“
## Übermäßige Algenblüte verhindern
Ursache der Sauerstoffarmut sind gewaltige Mengen an organischem Material,
das auf den Meeresboden sinkt und von Mikroorganismen abgebaut wird. Die
Nährstoffeinträge des Oberflächenwassers müssten reduziert werden, „um
übermäßige Algen- und Cyanobakterienblüten zu verhindern“, betont Kuss.
Ein großer Einstrom von sauerstoffreichem Wasser aus der Nordsee in die
Tiefe der zentralen Ostsee könne altes Wasser in Richtung Oberfläche
bringen. Dabei werden auch angesammelte Nährstoffe nach oben befördert, die
für wenige Jahre die Nährstoffverfügbarkeit im Oberflächenbereich erhöhen.
Gleichzeitig wird nach Angaben von Kuss im Tiefenwasser Phosphat durch nun
zur Verfügung stehendes oxidiertes Eisen und Mangan gebunden. Das sei ein
Beitrag zur Verminderung der Phosphatverfügbarkeit über mehrere Jahre.
Der Klimawandel wirkt sich in diesem Zusammenhang negativ aus. Wärmeres
Oberflächenwasser stabilisiert die Schichtung der Ostsee und verstärkt die
Barriere für den Transport von Sauerstoff in tieferes Wasser. Wärmeres
Wasser ist leichter, daher dringt kaltes, sauerstoffreiches Wasser nur
schlecht tief in die zentralen Becken der Ostsee vor. [1][Die
Oberflächentemperaturen des zentralen Gotland-Beckens sind den Angaben
zufolge seit 1960 im Schnitt um fast zwei Grad gestiegen.] Modellierungen
zeigen, dass sich auch tiefe Wasserschichten erwärmen. Die Folge sind
wachsende Todeszonen mit sehr geringem Sauerstoffgehalt.
Große Bedeutung hat nach Überzeugung der Autoren der Schutz von
Übergangszonen zwischen Flüssen und Meer. Wertvolle Ökosysteme wie
Seegraswiesen und Algenbänke sorgten dort für die Aufnahme von Nährstoffen,
die durch die Flüsse geliefert werden. „Das gesamte Ökosystem im flachen
Wasser von vielen Kilometer Länge mit bester Lichtversorgung für
Wasserpflanzen speichert im Boden und Biomasse Nährstoffe, die sonst ins
Meer getragen würden“, so Kuss.
## Schleswig-Holstein richtet neue Schutzgebiete ein
2024 hatte sich die schwarz-grüne Koalition in Schleswig-Holstein auf die
Einrichtung neuer Schutzgebiete in der Ostsee geeinigt. Landwirte im
Einzugsgebiet der Ostsee sollen die Einträge von Stickstoff und Phosphat
bis zum Jahr 2030 um 10 Prozent und bis 2035 um 20 Prozent verringern.
[2][Die Umweltorganisation Bund fordert vor allem einen Wandel in der
Landwirtschaft] mit weniger Düngung.
23 Feb 2026
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