# taz.de -- Die Wahrheit: Gespenstisch, gespenstisch
       
       > Was tut der Mensch nicht alles, um sich so richtig dufte zu gruseln!
       > Warum klappt es bloß partout nicht – trotz Dortmund-„Tatort“ und warzigen
       > Aliens?
       
       Ich wollte mich so richtig gruseln, also von den Haar- bis in die
       Zehenspitzen. Mit Gänsehaut und Zittern, mit allem Drum und Dran. Die
       Filme, die mir das Internet vorschlug, waren doof. Ich guckte nacheinander
       „Sinister“, „The Ring“, „The Blair Witch Project“, „The Exorzist“, „The
       Nun“, „Paranormal Activity“ und einen Dortmund-„Tatort“. Alles langweilig.
       Deshalb las ich das Märchen „Von einem, der auszog, das Gruseln zu lernen“.
       Langweilig. Was nun? Ich beschloss, das Unterfangen, mich zu gruseln, nicht
       krampfhaft zu forcieren, und legte mich schlafen. Blöde Idee.
       
       Kaum hatte ich die Augen geschlossen, ging es los: Ein dunkler Schatten
       bedrohte mich, ein widerlicher Kommissar stand stumm in einer Ecke, eine
       schemenhafte Priesterin wedelte mit einem Kruzifix, ein warziger
       Außerirdischer versuchte, meine Beine mit Kräuterquark zu essen, und ein
       nasses Mädchen mit langen schwarzen Haaren bewegte sich immer ruckartig vor
       und zurück.
       
       Dann kam ein Henker mit roter Kapuze und einem blutigen Beil, der mir den
       Kopf abhauen wollte. Eine Riesenkatze mit glühenden Augen nagte an meiner
       Nase, ein Mathematiklehrer mit Karo-Pullunder versuchte, mir Mengenlehre
       beizubringen, ein Hausmeister in grauem Kittel hielt mir einen Vortrag über
       das Treppenhaus, und eine schwarze Köchin reckte ihre verdorrte Hand nach
       mir aus. Doch das war noch lange nicht alles!
       
       ## Wackeldackel mit bösem Plan
       
       Kaum wieder erwacht, musste ich aufs Klo, doch das war besetzt. Dann war
       kein Brot da, die Butter war alle, die Fernsehzeitung abgelaufen und das
       Ladegerät für mein Handy verschwunden. Ich fand keine passenden Strümpfe
       und draußen regnete es. Der Wackeldackel, der seit Ewigkeiten auf meinem
       Schreibtisch sitzt, schien plötzlich verschlagen zu grinsen und einen bösen
       Plan ausszuhecken.
       
       Das Pendel meiner Kuckucksuhr stand still. Die verstaubten und
       unausgepackten Umzugskisten, die ich seit meinem Einzug vor fünfzehn Jahren
       keines Blickes mehr gewürdigt hatte, drängten sich gehässig in mein
       Blickfeld, als hätten sie nichts Besseres zu tun. Der Berg mit der
       Schmutzwäsche, der aussah wie Johnny Depp in seinen schlimmsten Zeiten,
       begann sich auf mich zuzubewegen. Und er hatte eindeutig keine freundlichen
       Absichten.
       
       Aus meinem Computer kamen gespenstische Geräusche, ein Stockwerk tiefer zog
       Freddy Krueger ein, und in der Vorratskammer hockte eine dicke Spinne mit
       ihrer gesamten Sippschaft. Die Vorhänge begannen schaurig zu rauschen, das
       Licht flackerte, vom Dachboden erklangen schlurfende Schritte, und eine
       eisige Kälte durchwehte den Raum, während das Kaminfeuer plötzlich erlosch.
       
       Ich langweilte mich noch immer. Dann fiel mein Blick auf mein Spiegelbild
       im Fenster. Das zeigte eine grausige und verlotterte Frau, die sich
       offensichtlich seit Tagen nicht gekämmt hatte, einen löchrigen Pulli, eine
       ausgebeulte Jogginghose und zerfledderte Filzpantoffeln trug. Huh, wie
       schrecklich ich mich jetzt aber gruselte …
       
       20 Feb 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Corinna Stegemann
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Horror
 (DIR) Horrorfilm
 (DIR) Kolumne Die Wahrheit
 (DIR) Freizeit
 (DIR) Schlaf
 (DIR) Traum
 (DIR) Agenten
 (DIR) Mystery
 (DIR) Kolumne Die Wahrheit
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Die Wahrheit: Auftrag von Agent Dackel
       
       Der versponnene Krakenzüchter. Die etwas andere Fortsetzungsgeschichte
       (Teil 1). Heute: Heinz-Hermanns Martyrium​.
       
 (DIR) Die Wahrheit: Pechschwarz der Schatten
       
       Die Philippinen-Woche der Wahrheit: Die aufregende Jagd nach dem Phantom
       der Buchmesse, einer Gestalt mit Karopullunder und dreieckigem Kopf …
       
 (DIR) Die Wahrheit: Liebes Gehirn …
       
       Offener Brief an einen persönlichen Denkapparat, mit dem sich seine
       Besitzerin viele Jahre lang gut verstanden hat, auch wenn er mitunter
       muckt.