# taz.de -- Vor den Wahlen in fünf Bundesländern: „An echten Umfragen führt kein Weg vorbei“
> Wie aussagekräftig Umfragen heute noch sind, erklärt der Politologe Simon
> Munzert – und erklärt, wie mit ihnen Politik gemacht wird.
(IMG) Bild: „Telefonbefragungen werden nach wie vor häufig durchgeführt, in der Regel gemischt, also Festnetz und mobil“
taz: Herr Munzert, früher wurden zufällig Festnetzanschlüsse angerufen,
heutzutage ist so längst nicht mehr jede Person erreichbar. Wie
repräsentativ sind Umfragen noch?
Simon Munzert: Telefonbefragungen werden nach wie vor häufig durchgeführt,
in der Regel gemischt, also Festnetz und mobil. Auch Handynummern kann man
zufällig anrufen. Die Teilnahmequote bei Anrufen lag aber schon seit Langem
im niedrigen einstelligen Prozentbereich der Angerufenen, da hat sich mit
Handys nicht viel verändert.
taz: Sind Online-Befragungen die Lösung für dieses Problem?
Munzert: Da haben unterschiedliche Institute ganz unterschiedliche Ansätze.
Am populärsten sind Online-Panels, die eigentlich eher für [1][die
Marktforschung] eingesetzt werden. Leute registrieren sich dafür und werden
mit kleinen Beträgen dafür kompensiert, dass sie Fragen beantworten. Das
hat den Vorteil, dass das sehr günstig funktioniert und die Teilnehmenden
relativ treu sind. Außerdem weiß man aus anderen Umfragen und gesammelten
Daten sehr viel über die Teilnehmer. Die entscheidende Frage im Kontext von
Wahlbefragungen gilt aber auch hier: Wer macht mit? Gibt es da
systematische Unterschiede bezüglich Parteipräferenzen? Gerade bei diesen
Online-Erhebungen muss man sich bewusst sein, dass die Befragten nicht
repräsentativ für die wählende Bevölkerung sind.
taz: Also haben Online-Umfragen eine größere Verzerrung als zufällige
Umfragen am Telefon?
Munzert: In der Theorie schon. In der Praxis sind die Unterschiede nicht so
dramatisch. Bei randomisierten Anrufen gibt man theoretisch allen Wählenden
die Chance teilzunehmen. In der Praxis gibt es aber auch da Verzerrungen.
Insofern ist das ein Problem, mit dem eigentlich alle
Rekrutierungsverfahren umgehen müssen. Man muss die Ergebnisse immer
gewichten, basierend auf früheren Erfahrungen und dem, was wir über die
Demografie und Parteipräferenz von Wählenden wissen. Wenn ich etwa in der
taz Teilnehmer rekrutiere, sind linke Parteien sicherlich stärker
repräsentiert als in der Gesamtbevölkerung.
taz: Beobachten Sie bei Wahlumfragen in den vergangenen Jahren eine
Veränderung der Genauigkeit?
Munzert: Die Evidenz deutet darauf nicht hin. Das ist insofern schon ein
bisschen überraschend, als dass das Umfrageumfeld komplexer geworden ist.
Bei der [2][Bundestagswahl 2025] lagen die Umfragen aber so nah am Ergebnis
wie historisch fast noch nie. Es gab eine kleine Unterschätzung der Linken,
die gerade in den letzten Tagen vor der Wahl noch eine sehr erfolgreiche
Kampagne gemacht hat.
taz: Gehen wir einen Schritt zurück: Warum brauchen wir überhaupt Umfragen
vor Wahlen?
Munzert: Da gibt es ein demokratietheoretisches Argument: Gerade in einem
repräsentativen System sind die Meinungen und Einschätzungen der
Bevölkerung wichtig und können prägend sein für politische Entscheidungen.
In Deutschland werden konkrete politische Entscheidungen nicht direkt den
Wählerinnen und Wählern vorgelegt, sondern im politischen Prozess
entschieden. Umfragen sind für politische Akteure und Medien ein Signal,
wie die Bevölkerung über bestimmte Fragen denkt.
taz: Aber geben Umfragen die politische Stimmung immer sinnvoll wieder?
Munzert: Die vermeintliche Mehrheit, die eine Umfrage misst, muss natürlich
nicht für gute Politik stehen. Wer nur nach Umfrageergebnissen schaut,
betreibt lehrbuchhaftes [3][Populistentum]. Die Erhebungen sind immer mit
Vorsicht zu genießen, weil sie nicht zwangsläufig feste Meinungen
darstellen, sondern Antworten sich schnell durch externe Faktoren
beeinflussen lassen.
taz: Können Umfragen wahlentscheidend sein?
Munzert: Es kann Fälle geben, [4][in denen eine Umfrage einen Effekt hat],
der ist aber nur sehr schwer zu messen. Es gibt den sogenannten
Bandwagon-Effekt, wo Menschen sich für eine aussichtsreiche Partei
entscheiden, obwohl diese eigentlich nicht ihre erste Präferenz wäre. Oder
die präferierte Partei droht an der Fünfprozenthürde zu scheitern und der
Wähler entscheidet sich für eine andere Partei, damit seine Stimme nicht
verschenkt wird. Das BSW ist bei der vergangenen Bundestagswahl mit wenigen
tausend Stimmen am Einzug in den Bundestag gescheitert, da können schon
kleine Einflüsse durch Umfragen entscheidend sein.
taz: Gesetze könnten Umfragen in den letzten Tagen vor einer Wahl verbieten
und diesen Einfluss reduzieren. Braucht es so was in Deutschland?
Munzert: Am Wahltag dürfen hier bereits jetzt keine Umfragen mehr
veröffentlicht werden, in den Tagen davor schon. In anderen Ländern gibt es
Regeln dazu, der Zeitraum ist dort länger. Dafür gibt es gute Gründe, wie
das Beispiel des BSW gut zeigt.
taz: Wie haben sich die politischen Veränderungen in den vergangenen 20
Jahren in Deutschland auf die Zuverlässigkeit von Umfragen ausgewirkt?
Munzert: Mit der AfD hat sich im deutschen Parteiensystem eine in Teilen
rechtsextreme Partei etabliert. Denkbar wäre, dass in Interviewsituationen
das Stigma, als Person mit rechtsextremen Einstellungen wahrgenommen zu
werden, davon abhält, sich zur Partei zu bekennen. Man spricht hier von
sozialer Erwünschtheit, die Antwortverhalten verzerrt. Andererseits: Wenn
eine Partei bei Wahlen sichtbar Erfolg hat, stellt sich die Frage, wie viel
Stigma dann noch mit einem Bekenntnis einhergeht. Es gibt derzeit keine
Anhaltspunkte dafür, dass besonders viele Menschen ihre AfD-Präferenz
aufgrund sozialer Erwünschtheit in Umfragen verschweigen. Ich halte es für
wahrscheinlicher, dass es bei AfD-Anhängern einen grundsätzlichen
Skeptizismus gegenüber Medien oder Umfrageinstituten gibt und sich dann in
der Teilnahmebereitschaft niederschlägt. Das müsste man nach der Erhebung
anders auffangen.
taz: Wie sehen Umfragen in zehn Jahren aus?
Munzert: In Zeiten von künstlicher Intelligenz müssen wir uns fragen: Wo
bekommen wir in Zukunft zuverlässige Daten her? Ich vertrete da eine klare
Position: An echten Umfragen führt kein Weg vorbei. Auch in zehn Jahren
werden wir Menschen weiter befragen, über welche Kanäle oder Geräte auch
immer wir sie dann erreichen. Ich hoffe, dass wir nicht mit KI-generierten
Datensätzen arbeiten, also ein [5][Large Language Model] Datensätze zu
einer Fragestellung generieren lassen. Das wird schnell selbstreferenziell
und statistisch spricht wenig dafür, dass das sinnvoll klappen kann.
taz: Gibt es andere Dinge, die bei Umfragen besser werden müssen?
Munzert: Der Knackpunkt liegt für mich außerhalb der Erhebung: Die
sogenannte Polling Literacy, also wie gut Menschen die Aussagen von
Umfragen verstehen und einordnen können. Wir haben in Deutschland ein sehr
gutes Datenumfeld, aber die Informationen aus den Erhebungen müssen auch
korrekt verstanden werden. Die Bildung dazu muss eigentlich in Schulen
anfangen.
taz: Werden wir in Zukunft Umfrageergebnisse in Echtzeit sehen?
Munzert: Möglich wäre so etwas seit fünfzehn Jahren schon. Die Interviewer
tragen die Daten während des Telefonats in eine Maske ein, daraus könnte
man ein Live-Dashboard generieren. Aber die Ergebnisse verändern sich ja
nicht im Minutentakt, das ist für Medien bei der Sonntagsfrage maximal
einmal pro Woche interessant. Anders ist das bei aktuellen, konkreten
Ereignissen, etwa bei Trumps Ansprüchen auf Grönland. Wie wirkt sich das
auf die Einstellung der Deutschen zur EU oder Nato aus? Da wäre es
spannend, ein Vorher-nachher-Bild zu bekommen. Veränderungen erwarte ich
eher auf der Kommunikationsebene, das kann viel interaktiver werden.
20 Feb 2026
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