# taz.de -- Buch über Lieferungen: Die Welt als Dienstleistungsdorf
       
       > Tomer Gardis „Liefern“ ist eine Prosa-Miniserie in sechs Erzählungen.
       > Darin kreuzen sich die Lebenswege von Menschen auf vier Kontinenten.
       
 (IMG) Bild: Die Welt per Knopfdruck bei dir zu Hause, immer schön geliefert
       
       Filmon aus Eritrea arbeitet in Tel Aviv als Essenslieferant, während Frau
       und Tochter es schon nach Berlin geschafft haben und dort seit Jahren auf
       ihn warten. Die indische Managerin Megha und ihre Kinder warten ebenfalls,
       doch in diesem Fall vergeblich, denn die am Abend des Divali-Fests
       bestellten Burger kommen nie bei ihnen an, weil sich auf ihrem Weg durch
       Delhis Straßen eine Tragödie ereignet. Ein Ich-Erzähler will in Istanbul
       eine Haartransplantation vornehmen lassen und lernt einen Motorradkurier
       kennen, der eigentlich türkische Literatur studiert hat, aber nicht Lehrer
       werden darf.
       
       Das sind nur drei von vielen menschlichen Lebenswegen, die sich in diesem
       ungewöhnlichen Roman kreuzen, der streng genommen und formal gesehen
       vielleicht gar kein Roman ist, sondern vielmehr einer Art Serienprinzip
       folgt, wie wir es von Streamingdiensten und TV-Formaten inzwischen so sehr
       gewohnt sind. Der Form nach ist „Liefern“ so etwas wie eine literarische
       Miniserie in sechs Prosa-Episoden.
       
       Diese sechs Folgen/Erzählungen sind allerdings unterschiedlich lang und
       knüpfen auch nicht nach absehbarem Schema F aneinander an. Jede Erzählung
       steht für sich selbst, einerseits. Zum anderen enthält jeder Text aber auch
       mindestens einen Anknüpfungspunkt an mindestens einen anderen, wie lose
       auch immer.
       
       ## Irgendwie sind alle miteinander verknüpft
       
       Da taucht etwa der Ehemann der Inderin Megha als Nebenfigur in der
       Istanbul-Geschichte auf; die Germanistikstudentin Nina, eben noch in Delhi,
       stellt sich später in Berlin als Deutschlehrerin von Filmons Frau Daniat
       heraus, und auch Filmon hat es irgendwann nach Berlin geschafft und
       arbeitet nun eben dort als Essenslieferant. Und es kann gut sein, dass eine
       der kenianischen Rosen, die der Ich-Erzähler ab und zu kauft, von der
       jungen Akiny in der Plantage bei Nairobi geschnitten wurde, die wir in der
       letzten Episode kennenlernen.
       
       Von allen Menschen, die sich in diesen Erzählungen mit mies bezahlten
       Dienstleistungen an Besserverdienenden durchs Leben schlagen, ist Akiny am
       schlechtesten dran, denn als sie ihren Job als Rosenpflückerin nach der
       Hauptsaison wieder verliert, bleibt ihr nichts anderes übrig, als aus ihren
       körperlichen Reizen Kapital zu schlagen.
       
       Dem Serienprinzip auch stilistisch treu, hat der Deutsch-Israeli Tomer
       Gardi für dieses Buch darauf verzichtet, [1][seine eigene originelle
       Einwanderer-Variante des Deutschen] zu verwenden, mit der er unter anderem
       [2][2016 beim Bachmannpreis-Wettlesen für Aufmerksamkeit sorgte.]
       Stattdessen, und ebenso originellerweise, hat Gardis Übersetzerin Anne
       Birkenhauer, die auch die auf Hebräisch geschriebene Istanbul-Erzählung
       „Mimesis“ ins Deutsche übertragen hat, alle Texte zu einem einwand- und
       fehlerfreien Standarddeutsch geglättet.
       
       Das Ergebnis ist eine leicht lesbare, gleichsam dahinge- und manchmal auch
       etwas verplauderte Prosa, die sich beinahe ebenso mühelos wegkonsumieren
       lässt wie eine Netflix-Miniserie oder ein Vegan-Burger mit Pommes. Damit
       überträgt Gardi das heutzutage global allumfassende Dienstleistungsprinzip,
       von dem dieser Quasi-Roman handelt, auch auf dessen eigene Form und
       Funktionalität. Man könnte auch sagen: Er hat geliefert.
       
       21 Feb 2026
       
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