# taz.de -- Zensur in Russland: Der Kampf gegen Social Media geht in die nächste Runde
       
       > Nach Whatsapp und Facebook nehmen die russischen Behörden jetzt auch den
       > Messengerdienst Telegram ins Visier. Das erregt Unmut, auch bei einigen
       > Abgeordneten.
       
 (IMG) Bild: Telefonieren über Telegram? Sieht schlecht aus! Menschen in einer Moskauer U-Bahn-Station am 11. Februar
       
       Mal schnell eine Nachricht per Whatsapp verschicken, bei Facebook
       vorbeischauen oder mit ein paar Klicks eine Momentaufnahme über Snapchat
       teilen: In Russland ist das alles nicht erlaubt. Und doch ist es möglich,
       solange man die staatlich verordnete Digitalblockade per VPN umgeht. Das
       braucht es auch, um [1][per Telegram] zu telefonieren. Lesen und Schreiben
       waren bislang als frei nutzbare Option bestehen geblieben. Seit Anfang
       vergangener Woche ist jedoch auch damit Schluss.
       
       Am 9. Februar mussten russische User:innen feststellen, dass sich der
       Ladeprozess bei Telegram ungewöhnlich lange hinzog. Ein Messenger muss
       blitzschnell funktionieren, sonst ist er wertlos. In russischen Netzwerken
       hagelte es Kritik an der für das Internet zuständigen Aufsichtsbehörde
       Roskomnadsor.
       
       Diese hatte schließlich mitgeteilt, Telegram zu drosseln. Manchen, wie zwei
       in Moskau auf der Straße angesprochenen Frauen Ende zwanzig, waren indes
       keine Veränderungen aufgefallen. Die Erklärung dafür ist einfach: Sie
       stellen das VPN auf ihren Telefonen schon seit Langem nicht mehr ab. Dessen
       Nutzung ist zwar nicht verboten, Werbung für VPN-Dienste hingegen schon.
       
       Alle nutzen in Russland Telegram: staatliche Nachrichtenagenturen wie Tass
       oder RIA Novosti, kremlnahe Kader, längst verbotene oppositionelle
       Exilmedien, große und kleine Geschäftsleute, Hausgemeinschaften und nicht
       zuletzt in der Ukraine an vorderster Front eingesetzte russische Soldaten.
       
       ## Beschwerden und Unverständnis
       
       Aus deren Reihen waren Beschwerden und Unverständnis zu hören,
       Videobotschaften gingen viral. „Warum habt ihr uns nicht gefragt?“, wendet
       sich ein vermummter Militärangehöriger empört an Roskomnadsor. Die
       Verlangsamung von Telegram habe bereits zu erheblichen Störungen bei der
       Koordination im Kampfgebiet und zu vermeidbaren Todesfällen geführt.
       Telegram sei das einzige probate Kommunikationsmittel, um mit allen
       Armeeeinheiten in Kontakt zu treten.
       
       Tatsächlich kompensiert Telegram staatliches Versagen oder Ignoranz gleich
       auf mehreren Ebenen. Es fehlt nicht nur an zuverlässiger
       Kommunikationstechnik, die Z-Community – Z steht in Russland seit dem
       Ukrainekrieg für Sieg – sammelt über Telegram enorme Summen für die Front
       und entlastet so die Staatskasse.
       
       Während der Kreml das Telegram-Problem kleinredet, ließ Roskomnadsor
       verlauten, Telegram halte sich nicht an russische Gesetze, biete keinen
       Datenschutz und unternehme nichts gegen betrügerisches Vorgehen.
       
       Die staatliche gewollte Alternative zu Telegram, der Messenger Max, ist in
       der Hinsicht jedoch weitaus durchlässiger, um nicht zu sagen, für den
       Sicherheitsapparat völlig transparent. Seit dem vergangenen Jahr übt der
       Staat massiven Druck auf die russische Bevölkerung aus und verpflichtet
       beispielsweise Lehrpersonal und Behörden, Telegram durch Max zu ersetzen.
       
       ## Verstimmte Abgeordnete
       
       Sogar in der Duma begann es zu brodeln. Fünfzehn Abgeordnete der
       Kommunistischen Partei KPRF und zwei von der Partei Gerechtes Russland
       hatten sich mit einem Antrag an den IT-Parlamentsausschuss gewandt und
       gefordert, vom Ministerium für digitale Entwicklung eine Stellungnahme zu
       erwirken.
       
       Unter anderem wollen sie wissen, auf welchen rechtlichen Grundlagen die
       erhebliche Verlangsamung des populären Messengerdienstes beruht. Sergej
       Mironow, Vorsitzender der Partei Gerechtes Russland, bezeichnete die für
       die Verlangsamung Verantwortlichen als „Idioten“, verbunden mit dem Aufruf,
       sie sollten sich doch einfach mal an die vorderste Kriegsfront begeben.
       Dafür kassierte er prompt eine Rüge von dem Kreml-Propagandisten Sergej
       Solowjow.
       
       Angehörige der von dem 2020 verstorbenen Schriftsteller Eduard Limonow
       gegründeten, in Russland jedoch verbotenen, Nationalbolschewistischen
       Partei schritten am vergangenen Freitag zur Tat. Mit einem Fahrradschloss
       verbarrikadierten drei junge Männer den Haupteingang des Gebäudes, in dem
       sich Roskomnadsor befindet. Noch am selben Tag wurden sie festgenommen und
       zunächst zu fünfzehn Tagen Arrest verurteilt.
       
       ## Tödlicher Stich
       
       Wie sehr sich insbesondere Teenager von der harschen Verbotspolitik
       drangsaliert fühlen, zeigt der Fall eines 16-Jährigen. Sein Karriere-Traum
       als Youtube-Blogger wurde durch das Verbot der Plattform zunichtegemacht.
       Am 19. Januar erstach er einen Roskomnadsor-Mitarbeiter, der in leitender
       Funktion für das Internet zuständig war.
       
       Die Nachrichtenagentur Tass verwies derweil auf den nach wie vor gültigen
       Entscheid eines Moskauer Gerichts aus dem Jahr 2018 über die Blockierung
       von Telegram. Der Messengerdienst sei dazu verpflichtet, sein
       Verschlüsselungsprotokoll dem Inlandsgeheimdienst FSB gegenüber
       offenzulegen, hieß es in der Begründung.
       
       Ein Berufungsverfahren scheiterte. Doch der Kontrollwahn der Mächtigen geht
       noch viel weiter. Bereits im Januar passierte ein neues Gesetz die erste
       Lesung, das dem FSB weitreichende Vollmachten erteilt, jegliche
       Kommunikation per Internet oder Telefon gänzlich zu unterbinden. Was das im
       Zweifelsfall bedeuten kann, [2][zeigen die jüngsten Vorkommnisse in Iran].
       
       16 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
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