# taz.de -- Autorin über Schwarzen Aktivismus: „Er wollte in die Hand nehmen, was der Staat versäumt“
       
       > Josephine Akinyosoye schreibt über Schwarzen politischen Aktivismus in
       > Hamburg. Als Ausgangspunkt für ihr Buch diente ihr das Archiv ihres
       > Vaters.
       
 (IMG) Bild: Spuren der Kämpfe linker Afrikaner*innen gibt es auch in Hamburg: Hier eine Demo für William Tonou-Mbobda, der im UKE starb
       
       taz: Frau Akinyosoye, was war Ihr Vater, [1][Olajide Akinyosoye], für ein
       Mensch? 
       
       Josephine Akinyosoye: Er war ein sehr passionierter Aktivist, war ein
       gerechtigkeitssuchender Mensch, der sich in seinem Leben der Bildung junger
       Menschen verschrieben und sich für andere, für globale Gerechtigkeit und
       für Antikolonialismus eingesetzt hat. Außerdem hat er Kultur geliebt und
       damit auch eine Art von Politik gemacht.
       
       taz: Inwiefern? 
       
       Akinyosoye: Durch Gesang, Trommeln, Theater und Poetik. Er hat politische
       Botschaften in Theaterstücken verarbeitet, wie zum Beispiel in einem Stück
       gegen die Verschärfung des Asylrechts in den Neunzigern.
       
       taz: Wann haben Sie gemerkt, dass er ein politischer Mensch ist? 
       
       Akinyosoye: Mir wurde das erst so richtig bewusst, als ich anfing, mich
       selbst mit politischen Themen zu befassen. Mit dem Beginn meines
       Soziologiestudiums 2013 veränderte sich mein Blick. Ich glaube, dass mich
       sein Aktivismus dennoch schon als Kind unbewusst geprägt hat.
       
       taz: Inwiefern hat die Zeit, in der Ihr Vater nach Deutschland kam, seinen
       Aktivismus beeinflusst? 
       
       Akinyosoye: Als er 1965 für sein Studium aus Nigeria nach Deutschland kam,
       war das Land noch nicht lange dekolonialisiert. Die Generation meines
       Vaters hatte noch einen sehr starken panafrikanischen Bezug zum Kontinent
       und beschäftigte sich mit globalen antikolonialistischen und
       antiimperialistischen Themen. Es waren die Anfänge migrantischer
       Vereinsgründung und Selbstorganisation. Die Akteure nutzten das deutsche
       Vereinsrecht, um sichtbar zu werden. Ausländische Studierende hatten einen
       prekären Status, da sie nach dem Studium wieder ausreisen sollten.
       Gleichzeitig boten ihnen die Strukturen von Universität und Wissen
       besondere Zugänge und Vorteile für ihre Organisierung – im Gegensatz zu
       Migrationsbewegungen ohne Studienvisum.
       
       taz: Ihr Vater gründete die Afrikanische Union Hamburg (AUH). Was war der
       Gedanke dabei? 
       
       Akinyosoye: Er wollte das in die eigene Hand nehmen, was der Staat versäumt
       hat. Die AUH bot Unterstützung in Bildungs- und Berufsmöglichkeiten. Sie
       hatte entgegen den vielen länderspezifischen Vereinen einen
       länderübergreifenden Ansatz und wollte die in Hamburg lebenden
       Afrikaner*innen über die Einteilung kolonisierter Grenzen hinweg
       vereinen, um eine Community zu schaffen. Das Ziel war, sich politisch zu
       organisieren, gegenseitig zu unterstützen und zusammenzukommen.
       
       taz: Was sind aktuellere Beispiele für die Selbstorganisierung politischer
       Bewegungen afrikanischer Menschen in Hamburg? 
       
       Akinyosoye: Es gibt viele. Diesen Monat feiert zum Beispiel die
       Black-History-Month-Initiative in Hamburg ihr 30-jähriges Jubiläum als
       jährliche Bildungs- und Communityveranstaltung. Darüber hinaus gibt es
       Gruppen wie die Black Community Coalition For Justice & Self-Defence, die
       sich unter anderem gegen rassistische Gewalt und Polizeigewalt einsetzen
       und Gerechtigkeit in Todesfällen, [2][wie jenem im Hamburger UKE 2019] oder
       dem [3][des 15-jährigen Nelson in der Ottweiler JVA], fordern.
       
       taz: Ihre Recherche für Ihr Buch „Sichtbar werden“ basierte nicht nur auf
       dem Archiv Ihres Vaters, Sie haben auch mit Zeitzeug*innen gesprochen.
       Was haben Sie Neues gelernt? 
       
       Akinyosoye: Für unser Kapitel über Südafrika und den [4][African National
       Congress] (ANC) haben wir mit Lincoln Marais gesprochen, der als Kader des
       ANC in Hamburg aktiv war. Über die Aktivitäten des ANC in Hamburg wusste
       ich vorher nichts und fand es sehr spannend, seine Geschichte und die
       vieler anderer Vereine zu erfahren.
       
       taz: Was ist Ihnen aufgefallen? 
       
       Akinyosoye: Themen wie [5][rassistische Polizeigewalt], Kämpfe der
       Migration, Kritik an neokolonialen Verhältnissen und das Bemühen um
       Selbstorganisierung gab es damals wie heute. Und es gab auch schon damals
       schlaue Auseinandersetzungen, Protestformen und Texte darüber. Oftmals
       blicken wir auf den Aktivismus in den USA oder in anderen Bereichen der
       Welt, ohne auf die Idee zu kommen, in der eigenen Stadt nach Inspiration zu
       suchen.
       
       18 Feb 2026
       
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