# taz.de -- Sohn über Antifaschistin: „Sie wollte die Solidarität zurückgeben“
> Sohn der NS-Zeitzeugin Steffi Wittenberg richtet eine
> Erinnerungsveranstaltung aus mit Fokus auf die Veröffentlichung ihrer
> Biografie.
(IMG) Bild: Zeitzeugin: Steffi Wittenberg fesselt 2014 ihr Publikum mit ihrer Lebensgeschichte
taz: Herr Wittenberg, Ihre Mutter wäre dieses Jahr 100 Jahre alt geworden.
Was geht Ihnen dabei durch den Kopf?
Andreas Wittenberg: Toll, dass durch dieses Buch der wechselvolle Lebensweg
meiner Mutter dokumentiert ist. Die Dokumentation wäre ihr wichtig gewesen,
weil vieles auch heute noch eine große Relevanz hat.
taz: Worauf bezieht sich der Titel „Man guckt ja schon durch eine
Minderheitsbrille“?
Wittenberg: Mit dem Zitat meinte meine Mutter zum einen ihre Zugehörigkeit
zur jüdischen Minderheit in Deutschland, zum anderen ihr ausgewiesene linke
Position innerhalb der Jüdinnen und Juden.
taz: Hat Sie bei der Recherche noch etwas überrascht?
Wittenberg: Ich war mit der Lebensgeschichte natürlich sehr vertraut. Beim
erneuten Durchgucken der unüberschaubaren Menge von Unterlagen bin ich aber
auf manches Detail gestoßen, das mir bis dahin nicht bekannt war.
taz: War die Rolle als Zeitzeugin für Ihre Mutter eher Pflicht oder eher
Herzensanliegen?
Wittenberg: Ab den 1980er Jahren ist meine Mutter zunehmend als Zeitzeugin
aufgetreten. Anfänglich war sie sehr besorgt gewesen, ob sie die Fähigkeit
dazu habe. In der Zeit empfand sie das auch fast als „anmaßend“, denn es
lebten damals ja noch viele [1][ehemalige Häftlinge] aus KZs und
Zuchthäusern, die nicht wie sie vor den Nazis hatten fliehen können und
viel Schlimmeres erlebt haben. Sie hat das dann aber überwunden und wurde
bei ihren Auftritten als Zeitzeugin im Laufe der Jahre immer souveräner.
Sie hätte es nie zugegeben, doch ich kann sagen: Bei der Vermittlung ihrer
Lebensgeschichte an junge Menschen, auch in Schulklassen, war sie gut, und
es gelang ihr meist, ihre Zuhörerinnen und Zuhörer dabei zu fesseln.
taz: Wie machte sie das?
Wittenberg: Zum Beispiel nahm sie ihr altes Poesiealbum mit, in das viele
ihrer Mitschülerinnen aus der jüdischen Mädchenschule eingetragen haben. Es
macht sehr traurig darin zu blättern, denn viele der Mitschülerinnen fielen
nach ihrer Schulzeit dem Massenmord zum Opfer. Das Poesiealbum nahm meine
Mutter immer wieder mit in die Schulklassen, in denen sie als Zeitzeugin zu
Besuch war, und ließ es dort herumgehen. Das sieht man dem Album natürlich
an, aber das war es ihr wert. Eine für meine Mutter besonders wichtige
Seite aus dem Poesiealbum ist in dem Buch auch abgedruckt.
taz: Wie haben die Flucht nach Uruguay und später das Leben in den USA Ihre
Mutter geprägt?
Wittenberg: Also einerseits: Mund aufmachen! Die Leichtfertigkeit, wie man
inzwischen mit Fluchtschicksalen umgeht, war für sie unbegreiflich. In dem
Buch haben wir ja ihr uruguayisches Visum von 1939 abgedruckt, und wenn ich
das so angucke, dann denke ich: Meine Güte, an diesem Visum hing so viel.
Ab den 70er Jahren beteiligte meine Mutter sich sehr aktiv an den
Protestbewegungen gegen die [2][lateinamerikanischen Militärdiktaturen],
insbesondere in Chile und Uruguay. Es war ihr ein Herzensanliegen, die
Solidarität und Hilfe zurückzugeben, die sie als Geflohene in dem kleinen
Uruguay selbst erfahren hat. Und wenn sie den Eindruck hatte, Menschen
würden wegen ihrer Herkunft, Hautfarbe oder ähnlichem diskriminiert, rief
sie das verlässlich auf den Plan.
taz: Wie wurde Ihre Mutter 1951 wieder in Deutschland empfangen?
Wittenberg: Sie wurde direkt am Hafen von der [3][VVN,] abgeholt, was ihr
ein Gefühl des sicheren Ankommens ermöglicht hat. Dort konnte sie sich
sicher sein, dass da [4][keine Nazis unter ihnen] waren. Bei den Eltern
meiner Schulkameraden hingegen bewahrte sie immer eine gewisse Distanz.
taz: Warum ist es gerade heute wichtig, Steffi Wittenbergs Geschichte zu
erzählen?
Wittenberg: Meine Mutter sagte häufig: „Jedes [5][Gedenken muss mit einer
Konsequenz verbunden] sein.“ So engagierte sie sich über mehr als 60 Jahre
in der [6][Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes]. Geschichte
wiederholt sich nicht eins zu eins. Doch wer in dem Buch ihren Lebensweg
kennenlernt, der bzw. die wird an so vielen Stellen von ganz allein
beginnen, einzelne Vergleiche zu unseren heutigen dramatischen Zeiten
anzustellen.
12 Feb 2026
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## AUTOREN
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