# taz.de -- Sanierung in NRW: Neue Hoffnung für alte Bahnhöfe
       
       > Bundesweit verfallen Empfangsgebäude in Bahnhöfen, weil Geld fehlt und
       > niemand sie nutzt. Im westfälischen Haltern am See will man das ändern.
       
 (IMG) Bild: In Haltern am See in Westfalen soll im Bahnhofsgebäude ein Ort für Verine entstehen
       
       Wenn Niklas Linzner von der Zukunft des Bahnhofs in Haltern am See spricht,
       kommt er schnell ins Schwärmen. „Wir haben dann eine lichtdurchflutete
       Eingangshalle, es gibt Sichtachsen zu den Bahnsteigen und einen neuen
       Wartebereich“, erzählt Architekt Linzner, der in der Kommunalverwaltung für
       die Stadtplanung zuständig ist.
       
       Mit Unterstützung der Landesregierung hat die Kommune den Plan entwickelt:
       „Die Idee ist, dass wir den Bahnhof als neuen kulturellen Treff für die
       Bürger der Stadt nutzen wollen.“ Aktuell sieht es am Bahnhof allerdings
       noch ziemlich grau aus: „Es ist tatsächlich gerade ein Unort, an dem man
       ist, wenn man dort sein muss, aber auch gerne schnell wieder woanders
       hinkommt“, sagt Linzner.
       
       Rund 90 Prozent der Flächen des historischen Gebäudes stünden leer, die
       Wartehalle sei dunkel und verwinkelt, erzählt der Stadtplaner. Haltern am
       See ist mit dem Problem nicht allein: Wie in der Stadt am Nordrand des
       Ruhrgebiets herrscht bei vielen Bahnhofsgebäuden im ganzen Land Leerstand.
       Das liegt auch daran, dass sie für heutige Maßstäbe oft überdimensioniert
       sind.
       
       Zwar benutzen heute bundesweit rund 50 Prozent mehr Fahrgäste die Schiene
       als noch vor 30 Jahren, aber der Zugverkehr wird mittlerweile von viel
       weniger Menschen organisiert und überwacht als früher. Die Wohn- und
       Diensträume fürs Bahnhofspersonal, die auch in kleinen Städten wie Haltern
       am See unabdinglich waren, werden heute nicht mehr gebraucht. Das führt zu
       einer Abwärtsspirale: Wo Leerstand ist, brechen die Einnahmen ein. Und wo
       es an Geld fehlt, verwahrlosen viele Bahnhöfe noch mehr.
       
       Einnahmen für den Erhalt seiner Gebäude erzielt ein Bahnhof vor allem über
       die Vermietung von Ladenflächen. Doch nur sehr große Bahnhöfe mit sehr
       vielen Verkaufsflächen können ihre Gebäude über die Mieteinnahmen
       kostendeckend betreiben.
       
       ## Nur Teile des Empfangsgebäudes finanziert
       
       Dass der Erhalt der Empfangsgebäude durch den Bund als Eigentümer der
       Deutschen Bahn nicht ausreichend finanziert ist, liegt an einer Norm aus
       dem Bundesschienenwegeausbaugesetz von 1993, die noch bis 2024 in Kraft
       war. Darin wird genau zwischen der Verkehrsstation mit allen für den
       Bahnbetrieb technisch relevanten Anlagen und den sonstigen Bahnhofsgebäuden
       unterschieden. Geld vom Bund gibt es ihr zufolge nur für die
       Verkehrsstationen.
       
       Das führte zu einer absurden Situation: Der Teil des [1][Bahnhofsgebäudes],
       den Fahrgäste durchqueren müssen, um zum Zug zu gelangen – die sogenannte
       Zuwegung – wurde mit Bundesmitteln erhalten. Dazu gehören zum Beispiel die
       Bahnsteige und die Tunnel dorthin. Für den Rest des Bahnhofs wie etwa Teile
       der Empfangshalle war dagegen kein Geld vorgesehen. So sollte gespart
       werden, um die Bahn effizienter zu machen.
       
       „Damit sind die Bahnhofsgebäude in Deutschland unter einen enormen
       wirtschaftlichen Druck geraten“, sagt Andreas Geißler vom Lobbyverband
       „Allianz pro Schiene“. Denn die Kosten, etwa für Sanierung und Ausbau,
       konnten vom Betreiber nur über Mieteinnahmen erzielt werden. „Aber gerade
       bei Bahnhöfen im ländlichen Raum ist das sehr, sehr schwierig“, ergänzt
       Geißler.
       
       Von ursprünglich etwa 3.000 Empfangsgebäuden hat die Deutsche Bahn seit der
       Jahrtausendwende vor allem auf dem Land mehr als drei Viertel verkauft.
       Heute besitzt sie nur noch etwa 700. Mittlerweile aber haben Politik und
       Bahn gegengesteuert.
       
       Zum einen hat sich die DB selbst einen Verkaufsstopp auferlegt. Zum anderen
       hat die Ampel-Koalition 2024 die Förderrichtlinien im
       Bundesschienenwegeausbaugesetz so geändert, dass der Erhalt von
       Empfangsgebäuden mit Bundesmitteln in Zukunft leichter zu finanzieren ist.
       
       ## Pilotprojekt in Nordrhein-Westfalen
       
       Die Herausforderungen bleiben trotzdem riesig – und das Geld knapp. In
       Nordrhein-Westfalen aber ist das ein bisschen anders. Der dortigen
       Landesregierung ist längst klar, dass Bahnhofsgebäude nicht nur
       schützenswert sind, sondern auch gepflegt werden müssen. Seit mehr als zwei
       Jahrzehnten kümmert sich deshalb eine landeseigene Gesellschaft in
       Zusammenarbeit mit der Deutschen Bahn um die Weiterentwicklung von
       Bahnliegenschaften.
       
       Zwar wurden auch in Nordrhein-Westfalen viele Bahnhofsgebäude verkauft, mal
       an privat, mal an die Kommune. Doch im Unterschied zu anderen Bundesländern
       legte man hier viel Wert auf anschließende Nutzungskonzepte, die zu den
       jeweiligen Orten passen.
       
       Mit ihrem aktuellen Programm „Schöner Ankommen in NRW“ unterstützt die
       Landesregierung die Entwicklung von Bahnhöfen, die sich wie in Haltern am
       See noch im Eigentum der Deutschen Bahn befinden: „Bahnhofsgebäude sind die
       Visitenkarte der Städte und Gemeinden – und die wollen wir aufwerten“, sagt
       Landesbauministerin Ina Scharrenbach von der CDU.
       
       Als eine von 20 Kommunen in Nordrhein-Westfalen wurde die [2][Stadt Haltern
       am See] für die Förderung ausgewählt. Gemeinsam mit Deutscher Bahn, einem
       Planungsbüro und der landeseigenen Entwicklungsgesellschaft entwickelte die
       Kommune Konzepte für eine Neunutzung der leer stehenden Flächen.
       
       „Schon während der Coronapandemie haben sich sehr viele Vereine bei uns
       gemeldet, die keine Räume mehr zur Verfügung haben“, sagt Niklas Linzner.
       Deshalb plant die Kommune nun die Umgestaltung des Empfangsgebäudes zum
       „Bahnhof der Vereine“. Sportgruppen, Lesezirkel und Sprachkurse sollen hier
       ein neues Zuhause finden.
       
       Oder auch der Bürgerbus-Verein, dank dem vor allem Seniorinnen und Senioren
       weiter mobil bleiben und dessen Ehrenamtliche monatlich rund 1.000 Menschen
       durch die Stadt transportieren. Gerade baut der Verein für seinen Kleinbus
       eine Garage in der Nähe des Bahnhofs.
       
       ## Ein neues Stadtquartier
       
       Um den Bahnhof herum soll ein ganzes Stadtquartier neu entstehen, mit
       Wohnungen, Ärztehaus und einem Fahrradparkhaus. In einem animierten Video
       sieht man, wie der Bahnhof einmal aussehen soll. Stadtplaner Niklas Linzner
       schaut auf den Bildschirm seines Computers. „Wir sind jetzt im ersten
       Geschoss“, erklärt er. „Wir haben hier ein kleines Foyer mit Teeküche, in
       dem sich dann die Leute treffen können, bis die verschiedenen
       Veranstaltungen starten.“
       
       Im Video sieht der „Bahnhof der Vereine“ ziemlich einladend aus, mit hellen
       Wänden, viel Licht und Räumen, die je nach Nutzung mit flexiblen
       Trennwänden vergrößert oder verkleinert werden können. Rund zehn Millionen
       Euro soll der Umbau des Empfangsgebäudes kosten, 70 Prozent der Summe
       werden über das Programm „Schöner Ankommen in NRW“ finanziert, die Deutsche
       Bahn und die Kommune teilen sich den Rest.
       
       Ist die Rettung der Bahnhöfe also nur etwas für Kommunen, denen finanziell
       besser ausgestattete Länder zur Hilfe eilen können? Nicht unbedingt, denn
       auch mit Geld von privaten Investoren können Bahnhöfe wieder attraktiv
       gemacht werden. Weil eine gute Begleitung dabei wichtig ist, haben einzelne
       Bundesländer spezielle Beratungsstellen eingerichtet.
       
       Wie schwierig der Umbau eines privatisierten Bahnhofs sein kann, wenn die
       verschiedenen Akteure nicht gut miteinander kooperieren, zeigt das Beispiel
       Großröhrsdorf. Die Kommune liegt im Dresdner Speckgürtel, viele Menschen
       pendeln mit dem Zug in die sächsische Landeshauptstadt. Das Bahnhofsgebäude
       wurde 2007 von der Deutschen Bahn an eine luxemburgische
       Investmentgesellschaft verkauft, die die Immobilie anschließend
       weiterveräußerte.
       
       Eigentlich gab es auch in Großröhrsdorf große Pläne für den Bahnhof: Ein
       lokaler Unternehmer wollte das Gebäude kaufen und sanieren, Arztpraxen und
       ein Café sollten einziehen. Doch daraus wurde nichts, weil ein kleiner Teil
       des Gebäudes für technische Anlagen der Bahn reserviert ist. Der
       Kaufinteressent wollte die Anlagen verlegen lassen, aber das hätte nach
       Berechnungen der Bahn etwa 200.000 Euro gekostet und mehrere Jahre gedauert
       – der Deal platzte. Heute ist ein Teil des Gebäudes ausgebrannt, viele
       Fenster mit Spanplatten vernagelt.
       
       Anders als in Großröhrsdorf haben die Kommune und die [3][Deutsche Bahn] in
       Haltern am See von Anfang an an einem Strang gezogen. Entscheidend sei aber
       vor allem die Hilfe der Landesregierung bei der Planung und Finanzierung
       des Projekts gewesen, sagt Linzner. „Sonst hätten wir den Bahnhof nicht neu
       gestalten können.“ Baubeginn soll noch 2026 sein, in zwei bis drei Jahren,
       so hofft der Architekt, könnten dann die ersten Vereine endlich in den
       erneuerten Bahnhof einziehen.
       
       25 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Martin Reischke
       
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