# taz.de -- Berliner Krankenhausbewegung: Aufstand der Töchter
       
       > Die Beschäftigten der Vivantes-Töchter fordern schon lange eine
       > Rückführung in den landeseigenen Konzern. Mit einem Warnstreik erhöhen
       > sie den Druck.
       
 (IMG) Bild: Die Beschäftigten der Vivantes-Töchter sind kämpferisch drauf
       
       Magdalena Plachetka will einfach nur das verdienen, was ihr zusteht. Die
       45-Jährige reinigt im Krankenhaus Vivantes Nord OP-Säle. Die Arbeit ist
       hart: Nach jeder Operation muss alles gründlich desinfiziert werden, bei
       bis zu 50 Operationen pro Tag. Obwohl sie mit Ärzt:innen und
       Krankenpfleger:innen zusammenarbeitet, ist sie nicht beim
       landeseigenen Klinikkonzern Vivantes angestellt, sondern bei einem
       Tochterunternehmen, der Viva Clean. Damit fällt sie nicht unter den
       Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes (TVöD) und wird deutlich schlechter
       bezahlt als ihre direkt bei Vivantes beschäftigten Kolleg:innen. „Ich
       bekomme 580 Euro brutto zu wenig“, sagt Plachetka.
       
       Die Vivantes-Reinigungskraft ist nicht die Einzige, die diese
       Ungleichbehandlung nicht mehr hinnehmen will. In den laufenden
       Tarifverhandlungen fordern die Beschäftigten aller Tochterunternehmen eine
       100-prozentige Angleichung an den TVöD. Weil die Angebote der
       Geschäftsführung in den ersten beiden Verhandlungsrunden unbefriedigend
       waren, rief die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi am Montag die rund 2.200
       Beschäftigten zum Warnstreik auf.
       
       Zu den Aufgaben, die von den Vivantes-Tochterunternehmen übernommen werden,
       gehören neben der Reinigung auch Gastronomie, Logistik, Technik und
       Rehabilitation. Die Unternehmensteile wurden 2006 im Zuge von Sparmaßnahmen
       ausgelagert. Ein Fehler, den schon mehrere Landesregierungen rückgängig
       machen wollten. Seit 2017 steht in jedem Koalitionsvertrag, dass die
       Tochterunternehmen wieder in Landeshand zurückgeführt werden sollen.
       
       Auch in der aktuellen Übereinkunft von CDU und SPD heißt es: „Die Koalition
       wird die Rückführung der Tochterunternehmen der landeseigenen Krankenhäuser
       schnellstmöglich durchführen.“ Doch trotz des nahenden Endes der
       Legislaturperiode hat die Koalition bislang noch keine Anstalten gemacht,
       eine Wiedereingliederung in die Wege zu leiten.
       
       ## Die Charité-Kolleg:innen waren erfolgreich
       
       Statt ewig auf eine Wiedereingliederung zu warten, will Verdi deshalb nun
       die Angleichung an den TVöD tariflich erstreiten. Im vergangenen Jahr
       konnten [1][die Beschäftigten der Charité Facility Management (CFM)] bei
       dem Schwesterkonzern Charité einen Achtungserfolg erzielen. Nach 48 Tagen
       im unbefristeten Streik einigten sich die CFM-Beschäftigten auf eine
       schrittweise Angleichung an den TVöD.
       
       Ob der Tarifkonflikt bei Vivantes ähnlich hart wird, ist noch nicht
       abzusehen. Dagegen spricht, dass der Lohnabstand zum TVöD bei den
       Vivantes-Töchtern deutlich geringer ist, als er bei der CFM vor dem letzten
       Streik war. [2][Bereits 2021 erstritten die Beschäftigten einen
       Tarifvertrag,] dessen Niveau auf 80 bis 90 Prozent des TVöDs liegt.
       
       Die Vivantes-Geschäftsführung gibt sich verhandlungsbereit. Bereits in der
       ersten Runde legten sie ein Angebot vor, das eine schrittweise Angleichung
       an den TVöD vorsieht – allerdings gestreckt über die nächsten vier Jahre.
       Die Angleichung beträfe zudem nur die Löhne. Regelungen für die
       betriebliche Altersvorsorge, Zuschläge und Weihnachtsgeld blieben auch dann
       noch deutlich zurück.
       
       Bei den Beschäftigten ist die Geduld nach Jahren leerer Versprechungen am
       Ende. „Das ist sehr lange und sind keine 100 Prozent TVöD“, kritisiert
       Tarifkommissionsmitglied Sengül Kayakarabult den Vivantes-Vorschlag. Alles
       unter einer sofortigen, vollständigen Angleichung wäre ein Zugeständnis.
       
       ## Die Kassen sind klamm
       
       „Das Land hat allein in den letzten vier Jahren 19.000 Euro an mir
       gespart“, sagt OP-Reinigungskraft Plachetka – das ist die Summe, die dem
       Abstand zum TVöD entspricht. „Wir bekommen kaum neue Leute. Viele gehen,
       weil es einfach zu wenig Geld ist.“
       
       Der Kampfbereitschaft der Beschäftigten stehen die knappen finanziellen
       Spielräume des landeseigenen Krankenhauskonzerns entgegen. In der zweiten
       Verhandlungsrunde legte Vivantes kein verbessertes Angebot vor, verwies nur
       auf den ersten Vorschlag. Die nächste Verhandlungsrunde findet am Dienstag
       statt.
       
       Vivantes argumentiert, finanziell am Limit zu sein. Schon jetzt fährt das
       Unternehmen jährlich ein Defizit in Höhe von 120 Millionen Euro ein. Durch
       ein finanzielles Sanierungsprogramm soll das Minus auf 10 Millionen
       jährlich reduziert werden.
       
       Dorothea Schmidt, Geschäftsführerin Personalmanagement bei Vivantes, sagte,
       das derzeitige Angebot würde das Unternehmen um weitere 50 Millionen Euro
       belasten. „Das ist ein finanzieller Kraftakt für ein Unternehmen, das sich
       mitten in einer tiefgreifenden Sanierung befindet“, sagte Schmidt nach der
       zweiten Verhandlungsrunde.
       
       ## Helfen könnte der Senat
       
       Wer handeln könnte, wäre die Landesregierung. Der Senat gleicht schon heute
       jährlich das Defizit des Klinikkonzerns aus. Insofern werden die
       finanziellen Spielräume Vivantes maßgeblich vom Land Berlin bestimmt.
       [3][Zudem sind die Krankenhäuser seit Jahren strukturell unterfinanziert,
       wie etwa die Berliner Krankenhausgesellschaft kritisiert.] Mangels
       notwendiger Fördermilliarden werden notwendige Investitionen aus dem
       laufenden Betrieb – und somit auch aus den Löhnen – querfinanziert.
       
       Der nahende Wahltermin im September dieses Jahres kommt der Streikbewegung
       damit sehr gelegen. Auf Einladung zur Streikkundgebung kamen im voll
       belegten Münzbergsaal am Franz-Mehring-Platz die Linke Spitzenkandidatin
       Elif Eralp und die SPD-Co-Vorsitzende Bettina König. Auch Christoph Wapler,
       arbeitspolitischer Sprecher der Grünen, guckte auf ein Grußwort vorbei.
       Lediglich die CDU ließ sich nicht blicken.
       
       SPDlerin Bettina König merkte man bei ihrem Grußwort dann auch deutlich an,
       dass ihr die scheinbar unendliche Geschichte der Wiedereingliederung
       merklich peinlich ist: „Es steht weiter ganz oben auf unserer Agenda“,
       versprach König. Sie werde dafür sorgen, dass „bald, zeitnah, konkrete
       Realität wird“. Bei den Beschäftigten sorgte das für wenig Anklang. „Das
       erzählt ihr uns schon seit acht Jahren! Bis es so weit ist, bin ich in
       Rente“, kommentierte eine ältere Frau in Verdi-Warnweste die Rede.
       
       Die Linke Spitzenkandidatin Elif Eralp tat hingegen so, als wären es nicht
       SPD und Linke gewesen, die die Auslagerungen in den 2000er Jahren
       ermöglicht und dann die Wiedereingliederung bis zum CDU-Wahlsieg 2023
       verschlafen hatten. „Outsourcing ist ein Instrument der Lohndrückerei“,
       sagte Eralp, eine Angleichung der Löhne sei das Mindeste, eine Frage der
       Gerechtigkeit. Einer Umsetzung der Wiedereingliederung stehe nichts im
       Wege. „Rot-Rot-Grün hat eine Mehrheit, wir können die Schritte gehen.“
       
       Gewerkschaftssekretärin Frizzi Ruschka ist trotzdem optimistisch, dass eine
       schnellere Angleichung an den TVöD erreicht werden kann. „Die Chancen
       stehen gut, wenn die Kolleg:innen richtig Druck machen.“
       
       9 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jonas Wahmkow
       
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 (DIR) Krankenhausreform
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