# taz.de -- Exoskelett im Sport: Als Cyborg auf der Skipiste
> Kaputte Gelenke, schlappe Muskeln – bringt ein Exoskelett die Freude am
> Skifahren zurück? Ein Selbstversuch.
(IMG) Bild: Die Beine stecken heute nicht nur in Winterunterwäsche und dicker Hose. Sie haben auch eine Art federndes Stützkorsett
Oh je, wieder keine Schlange am Lift. Drehkreuz, Förderband, Sessel. Man
flutscht in Sekunden durch, es bleibt kaum Zeit zu zappeln. Aber zappeln
ist nötig, also abwechselnd die Beine anheben und schwungvoll strecken,
bevor es in die Zeblasbahn in Ischgl geht. Nur so kann man sich wieder in
einen Menschen zurückverwandeln. Sonst bleibt man ein Cyborg und als
solcher ist die Fahrt im Lift unangenehm, ja sogar anstrengend.
Die Beine stecken heute nicht nur in Winterunterwäsche und dicker Hose. Sie
haben auch eine Art federndes Stützkorsett erhalten. Ein künstliches
Kniegelenk ist neben dem echten platziert, Ober- und Unterschenkel sind von
Streben flankiert. Man schnallt sich die Dinger um, hängt sie an einem
Hüftgurt ein und verbindet sie mit einer Spezialvorrichtung am Skischuh,
bevor man die Piste hinunterfährt. Metallfedern fangen das Gewicht jedes
Mal ab, wenn man in die Knie geht.
Der Hersteller beschreibt das Prinzip so: „[1][Exoskelette] zur
Unterstützung der Anstrengung sind mechanische Strukturen, die das
menschliche Skelett nachahmen und ihm physische Fähigkeiten verleihen, die
es nicht hat oder nicht mehr hat.“ Das Versprechen lautet: weniger
Belastung für Gelenke und Muskeln, mehr Spaß auf der Piste. Halten die
Dinger, was sie versprechen?
Die erste Erkenntnis ist: Die Bewegungen auf der Abfahrt fallen zwar nicht
federleicht, aber der positive Effekt ist bereits bei den ersten Schwüngen
spürbar. Man muss sich nicht so sehr anstrengen wie sonst. Wehe aber, man
kommt an den Lift oder steigt vor einer Hütte aus den Skiern. Dann fühlt
man sich wie ein Roboter, der hilflos durch die Gegend stakst, weil nicht
mehr alle Körperteile gehorchen. Man muss die Beine also mit Wucht
strecken, um die Federn zu lösen.
## Reicht ein Exoskelett?
Das sieht nicht nur komisch aus, sondern fühlt sich auch so an. Es klappt
auch nie beim ersten Mal, weswegen einen die Begleiter heute nur
Zappelphilipp nennen. Reicht die Zeit zur Deaktivierung nicht, sitzt man
wie eine gespannte Feder in der Bahn und hat das Gefühl, dass einen die
Go-Go-Gadget-O-Beine aus dem Sessel katapultieren wollen.
Inspektor Gadget aus der gleichnamigen Zeichentrickserie löste in den 80ern
mit diesem Spruch aus, [2][dass seine Beine, Arme oder sein Hals wie ein
Teleskop ausfuhren]. Lange her. Genauso wie die Zeiten, in denen man wild
die Piste runterdüste und am nächsten Morgen schmerzfrei aufstand, um
erneut möglichst viele Abfahrtskilometer zu sammeln. Heute bedeuten zwei
Tage Skifahren drei Tage Pause, um wieder der Alte zu sein. Kaputte Gelenke
und schlappe Muskeln erfordern entsprechende Regeneration. Oder reicht ein
Exoskelett?
In jedem Fall ist man nicht allein. Schon beim Ausleihen [3][im Skiverleih
an der Silvrettabahn] war ein Niederländer mit grauen Haaren aufgetaucht.
„Knie heilt nie“, hatte er gesagt und seine Narben unter dem Exoskelett
versteckt. Für die Konfiguration muss man am Anfang rund 30 Minuten
einplanen. Kosten: 35 Euro pro Tag. Während der Pause auf der Hütte
begegnet man einem Mann aus Norddeutschland, der das Exoskelett sogar über
der Skihose trägt. Seines ist schwarz, bei unserem Modell hat der Designer
offenbar einen Safari-Urlaub gemacht, bevor er sich das auffällige
Leopardenmuster einfallen ließ, das man nicht unbedingt offen zur Schau
tragen will.
Der Norddeutsche sagt jedenfalls: „Ohne die Dinger könnte ich nicht mehr
Skifahren.“ Auf der Terrasse kommentiert ein Mann aus Bayern: „Vor 20
Jahren wären wir auch noch da unten rumgehupft.“ Er blickt auf die Menge
unter uns, die zum fragwürdigen Hit „Arsch im Schnee“ tanzt und der
Aufforderung des DJs nachkommt: „Alle auf die Knie!“ Hinknien kann sich
hier auf der Terrasse keiner mehr. Der Bayer sagt: „Ich habe auch darüber
nachgedacht, mir so ein Teil für die Gelenke zu kaufen. Aber jetzt habe ich
mir beide Knie machen lassen.“
## Skifahren im Laufe der Jahrhunderte
Am zweiten Tag begleitet uns Gottlieb Jehle. Eigentlich kennt man ihn nur
als „Zither Gottl“, weil er 40 Jahre lang in Hotels zwischen dem Allgäu und
dem Arlberg sein Instrument gezupft hat. Heute hält er jedoch zwei selbst
gebastelte Skistöcke in den Händen, die einst zu einem Baum gehörten. Er
trägt Lodenkleidung und einen Hut. Auf seinen Schultern liegt ein
speckiger, alter Rucksack, in dem ein 100 Jahre altes Fernglas steckt.
Neben ihm der komische Typ, der immer wieder seine Beine schüttelt – wir
fallen auf während der langen Abfahrt hinunter ins schweizerische Samnaun.
Einer fragt, was wir hier machen. Gottlieb: „Wir sind auf der historischen
Schmugglerrunde und ich erkläre, wie das früher lief. Mein Begleiter trägt
heute ein Exoskelett und fühlt sich wie ein Roboter.“ Der Mann schaut
zweifelnd und fährt weiter.
Die Tour mit Gottlieb stimmt nachdenklich. Die vielen Gegensätze, die Armut
früher, unser Reichtum heute. Da ist er, der Schmuggler, der historisches
Gewand trägt und seine Ausrüstung dafür extra downgegradet hat. Daneben der
Gelenkkranke, der Hightech unter der Hose hat, damit er die Skirunde
überhaupt schafft.
Gottlieb erzählt Geschichten wie diese: „Die Leute sind früher in einer
Nacht von Ischgl nach Samnaun und wieder zurück, um Fleisch oder Zucker zu
schmuggeln.“ In den Bergen lauerten Zöllner, man musste unauffällig sein.
Auch heute kontrollieren sie, ob jemand eine Flasche Schnaps zu viel dabei
hat. In Samnaun kann man seit 130 Jahren zollfrei einkaufen, aber keine
Unmengen rüberbringen. „Früher haben die Leute geschmuggelt, um zu
überleben. Heute, um ein paar Euro zu sparen“, sagt Gottlieb.
Man kann sich nur schwer vorstellen, wie das früher war und realisiert, wie
verweichlicht man heute auf die Piste geht: Unsereins trägt beheizte
Handschuhe und Silikonpflaster an den Füßen gegen die Druckstellen vom
Skischuh. Protektoren sollen einen etwaigen Sturz abmildern, das Handy
zeichnet Leistungsdaten auf und warnt vor Überlastung. Und dieses Mal auch
noch das Exoskelett, das einem durch die Ski-Arena mit ihren 45 Bahnen und
Liften hilft. So lassen sich die 240 Kilometer Piste erschließen, die
wiederum von 1.200 Schneekanonen beschneit werden, damit die Saison schon
im November starten kann.
Zurück in Ischgl, Zeit fürs Fazit: So ein Exoskelett hat Tücken bei der
Bedienung. Aber die Effekte sind erstaunlich, auf verschiedenen Ebenen: Man
kann längere Fahrten ohne Pause machen. Die Schenkel brennen nur noch
selten, die Gelenke tun kaum mehr weh. Über den Tag verteilt macht man so
auch mehr Kilometer – und das schmerzfrei. Abends und morgens zwickt und
zwackt kaum noch etwas. Der Entlastungseffekt ist groß.
Ein Exoskelett lässt sich auch ein wenig mit einem E-Bike vergleichen: Man
schafft längere Strecken mit weniger Anstrengung und braucht deswegen
weniger Regenerationszeit. Dennoch führt uns der Weg an Tag drei in die
Therme. Aber nur aus purer Lust am Schwimmen und Schwitzen – und nicht,
weil die Gelenke und Muskeln schlapp sind.
Die Reise wurde unterstützt vom Verein Österreich Werbung und vom
Tourismusverband Paznaun-Ischgl.
21 Feb 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Exoskelett-fuer-Querschnittsgelaehmte/!6066683
(DIR) [2] /Mobililtaet-von-Morgen/!6116264
(DIR) [3] https://silvrettasports.com
## AUTOREN
(DIR) Christian Schreiber
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