# taz.de -- Zukunftspläne fürs RAW-Gelände in Gefahr: Der Deal zwischen Investor und Bezirk steht auf der Kippe
       
       > Seit Jahren könnte gebaut werden. Doch die Lage im RAW eskaliert.
       > Betreiber der soziokulturellen Einrichtungen haben Angst vor der Zukunft.
       
 (IMG) Bild: Stürzt der Adler? Oder steigt er auf? Kunst auf dem RAW-Gelände
       
       Am Wochenende geht es in den ansässigen Clubs auf dem RAW-Gelände in
       Friedrichshain hoch her. Touristen schauen gerne vorbei. Und bald kommt der
       Frühling, dann wird es auf dem Areal auch mit dem beliebten sonntäglichen
       Flohmarkt weitergehen. Alles scheint also seinen normalen Gang zu gehen auf
       dem weitläufigen, ehemaligen Industriegelände mit seinem etwas verlebten
       Charme und den mit Graffiti versehenen Gemäuern, die zum Teil unter
       Denkmalschutz stehen.
       
       Doch hinter den Kulissen brodelt es – und zwar gewaltig. Denn eigentlich
       hätte es mit der Gemütlichkeit auf dem RAW-Gelände längst vorbei sein und
       sich dort eine gewaltige Baustelle auftun sollen.
       
       Der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg hatte mit dem Eigentümer des
       überwiegenden Teils des Geländes bereits vor sieben Jahren [1][eine
       Vereinbarung] getroffen. Demnach dürfe die in Göttingen ansässige
       Immobilienfirma Kurth das Areal im großen Stil neu gestalten und bebauen,
       müsste sich dafür aber bereit erklären, bestimmten Akteuren auf dem Gelände
       eine Art Bleiberecht zu gewähren.
       
       Der Deal sieht vor: Kurth Immobilien darf Büros und sogar ein Hochhaus mit
       einem sehr ordentlichen Bauvolumen von insgesamt rund 150.000 Quadratmetern
       Geschossfläche errichten. Im Gegenzug sollen bestimmte soziokulturelle
       Einrichtungen wie Ateliers, ein ansässiger Kinderzirkus, Kneipen und die
       Skatehalle Bestandsschutz für mindestens 30 Jahre bekommen. Gewährleistet
       durch die Zusicherung, Mieten wie bisher weit unter dem Marktdurchschnitt
       zu halten.
       
       ## Eine ungewöhnliche Vereinbarung
       
       Eine derart ungewöhnliche Vereinbarung, die sowohl der Eigentümer Lauritz
       Kurth als auch Friedrichshain-Kreuzbergs Baustadtrat Florian Schmidt
       (Grüne) immer wieder als große und europaweit einmalige Errungenschaft
       angepriesen haben, erfordert eine sorgfältige Planung. Und so wartet der
       Eigentümer immer noch auf eine vertragliche Finalisierung des Deals,
       anstatt längst bauen zu dürfen. Bereits in den letzten Jahren beschwerte er
       sich darüber, alles würde zu langsam gehen. Kurth äußerte sich zunehmend
       frustriert über aus seiner Sicht ausbleibende Fortschritte bei den
       Verhandlungen.
       
       Und nun steht die ganze Vereinbarung auf der Kippe. Vielleicht gibt es sie
       sogar bereits gar nicht mehr. Das Vertrauen zwischen Kurth und dem Bezirk
       Friedrichshain-Kreuzberg scheint vollkommen zerrüttet zu sein. Das wird
       schnell klar, wenn man sich mit dem Fall befasst. Und die Betreiber der
       soziokulturellen Einrichtungen auf dem Gelände, die schon seit Jahren gerne
       wüssten, wie es mit ihnen weitergeht, haben aufgrund aktueller
       Entwicklungen inzwischen vom Angst- in den Panikmodus geschaltet. Mit der
       Ruhe auf dem RAW-Gelände ist für sie definitiv vorbei.
       
       Mitte Januar erhielten sie ein Schreiben, das der taz vorliegt, in dem
       ihnen im Nachgang mitgeteilt wurde, dass das Mietverhältnis Ende 2025
       ausgelaufen sei. Die kurzfristigen Mietverträge, die in den letzten Jahren
       immer neu verlängert wurden, seien damit beendet. Als kurze Begründung wird
       der ausbleibende Fortschritt im Bebauungsverfahren und bei den
       Verhandlungen um die Zukunft der Soziokultur genannt, für den der Bezirk
       verantwortlich gemacht wird. Nutzer, heißt es weiter in dem Schreiben,
       werden trotz des ausgelaufenen Mietvertrags bis auf Weiteres geduldet, von
       einem Räumungsverfahren werde vorerst abgesehen.
       
       Wie konnte es zu einer derartigen Eskalation kommen? Und vor allem: Wie
       geht es jetzt weiter in dieser völlig verfahrenen Situation?
       
       ## Alles viel zu schleppend
       
       Nimmt man Kontakt mit dem [2][Eigentümer Lauritz Kurth] auf, wirkt dieser
       ziemlich redebedürftig. Ausgiebig beantwortet er Fragen schriftlich und
       zeigt sich außerdem zu einem Telefongespräch bereit. Er bleibt immer
       höflich und vorsichtig in seiner Wortwahl, zeigt aber doch deutlich seinen
       Frust, dass aus seiner Sicht schon lange alles viel zu schleppend
       vorangehe.
       
       Angekündigtes werde vom Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg nicht umgesetzt,
       sagt er, „Termine werden kurzfristig abgesagt, vereinbarte Unterlagen nicht
       geschickt. Im Prinzip versackt das Ganze und versickert in den Mühlen der
       Bezirksverwaltung.“
       
       Zu Florian Schmidts Rolle in dem ganzen Prozedere teilt Lauritz Kurth mit:
       „Auch wenn er sich öffentlich so positioniert und sagt, er will das und
       steht dahinter, ist davon im Verfahren und besonders in den Ergebnissen
       nach über 10 Jahren nichts zu erkennen.“
       
       Bereits im Juni letzten Jahres hat Kurth von sich aus den
       Aushandlungsprozess mit dem Bezirk abgebrochen. Irgendwie ging es dann doch
       noch eine Weile weiter, man blieb im Gespräch – auch dank des Berliner
       Senats, der eine Zeit lang wie eine Art Mediator zwischen den beiden
       Parteien weiter vermittelte.
       
       Kurth äußert sich dann auch weitgehend wohlwollend über die Rolle des
       Senats und lässt durchblicken, lieber ausschließlich mit diesem
       weiterverhandeln zu wollen. Aber das würde eine Entmachtung des Bezirks
       bedeuten und gehörige Aufregung mit sich bringen, die der eh schon
       angeschlagene Berliner Regierende Bürgermeister Kai Wegner gerade
       wahrscheinlich nicht auch noch gebrauchen kann.
       
       ## Seit 10 Jahren Eigentümer
       
       Kurths schriftliche und mündliche Äußerungen lassen sich so zusammenfassen:
       Seit 10 Jahren ist man Eigentümer auf dem RAW-Gelände – nicht als Investor,
       sondern als Grundstücksbesitzer, der entwickeln und nicht etwa wie ein
       Spekulant weiterverkaufen möchte, wie er extra betont. Und fast so lange
       bemühe man sich um einen rechtssicheren Bebauungsplan. Aber es gehe einfach
       viel zu zäh voran und nun habe man eben einfach die Faxen dicke.
       
       Kurth wirkt ziemlich entschieden. Und die nicht verlängerten Mietverträge
       üben jetzt außerdem massiv Druck auf den Bezirk aus, der die Soziokultur
       weiterhin unbedingt erhalten möchte. Auf Anfrage teilt dessen Pressestelle
       der taz mit: „Das Bezirksamt steht hundertprozentig hinter dem Verfahren
       und ist bereit, alles Machbare für einen Erfolg zu tun.“ Der Erhalt der
       Soziokultur in seiner aktuellen Form sei immer noch „erklärtes und mehrfach
       durch die BVV bestätigtes Ziel des Aufstellungsbeschlusses zum
       Bebauungsplanverfahren.“
       
       Die Frage, die sich nun stellt, auch bei den Nutzern des RAW-Geländes, mit
       denen man sich unterhalten hat: Wie ernst ist es Kurth wirklich? Pokert er
       nur hoch? Verfolgt er längst andere Pläne?
       
       Würde der Deal jetzt tatsächlich endgültig platzen, könnten sich viele
       Einrichtungen die daraufhin sicherlich enorm steigenden Mieten, die derzeit
       immer noch sehr niedrig sind, nicht mehr leisten und würden verschwinden.
       Kurth hätte zwar insgesamt höhere Einnahmen dank finanzstärkerer Mieter,
       müsste sich aber wegen des geplatzten Deals einen Großteil seiner
       Bebauungsträume an anderen Stellen auf dem Gelände mit großer Sicherheit
       abschminken. Kann er das wollen?
       
       ## Jetzt auch Wohnungen bauen?
       
       Zu all dem kommt noch, dass Kurth inzwischen seine eigenen Pläne zur
       Entwicklung des Geländes teils revidiert hat. Das vor 7 Jahren erarbeitete
       Konzept schließt beispielsweise ausdrücklich den Bau von Wohnungen aus. Was
       auch dem Beschluss einer Bezirksverordnetenversammlung (BVV) in
       Friedrichshain-Kreuzberg entspricht. Seitdem habe sich die Welt jedoch
       geändert, argumentiert nun Kurth. Die Masse an geplanten Büros sei nicht
       mehr zeitgemäß, deswegen wolle er nun auch Wohnungen bauen, etwas über 300,
       gibt er an. Entstehen sollen sie in dem Bereich, in dem der jährliche
       Weihnachtsmarkt stattfindet.
       
       Die Pressestelle des Bezirksamts Friedrichshain-Kreuzberg teilt dazu mit,
       genau wie inzwischen auch die BVV generell durchaus offen zu sein für die
       neuen Wünsche Kurths. Das Erstellen von Schallgutachten sei deswegen in die
       Wege geleitet worden, um zu prüfen, ob sich der teils lautstarke Betrieb
       der soziokulturellen Einrichtungen mit einem direkt angrenzenden Wohngebiet
       vereinbaren ließe.
       
       Fast schon beschwichtigend in Richtung Kurth teilt das Bezirksamt mit: „Es
       wird intensiv an verschiedenen Themen zusammengearbeitet. Es zeichnen sich
       Lösungen ab, dennoch sind einige Themen herausfordernd und bedürfen einer
       sehr engen und wohlwollenden Zusammenarbeit der Partner.“
       
       ## Ringkampf um Zugeständnisse
       
       Joest Schmidt, der Geschäftsleiter der [3][Skatehalle Berlin], verzweifelt
       derweil als Beobachter und gleichzeitig passiver Teilnehmer dieses
       Ringkampfes um Zugeständnisse und Vereinbarungen. Er erkennt an, dass das
       Bezirksamt sorgfältig und juristisch sauber alles prüfen müsse und dafür
       auch Zeit brauche. Versteht aber auch Kurth, dem alles immer zu langsam
       geht. „Dazwischen aber stehen wir“, sagt Schmidt.
       
       Schon länger hätte man in seine teils marode Halle investieren müssen,
       Kredite habe man mit den immer nur kurzfristigen Mietverträgen jedoch nicht
       bekommen können. Und nun sei die Existenz bedroht – die der ganzen
       Soziokultur auf dem Gelände. „Wenn die aus Friedrichshain verschwindet,
       bleibt wenig von dem übrig, weswegen viele Friedrichshain so schätzen oder
       sogar dort hingezogen sind“, sagt Joest Schmidt.
       
       Bis Ende März, so inzwischen die Ansage Kurths, sollen eindeutig
       erkennbare, in seinem Sinne positive Ergebnisse erzielt werden. Dass er
       jetzt so massiv Druck macht, könnte auch daran liegen, dass er noch vor der
       nächsten Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus im September deutliche
       Fortschritte sehen möchte.
       
       Erkenntnisse zum Schallschutz beispielsweise will Kurth bis Ende März
       vorliegen haben. Bis dahin soll außerdem geklärt sein, wer nun überhaupt
       behördlich federführend Ansprechpartner für die Belange der Soziokultur
       beim geplanten 30-Jahre-Bestandsschutz-Deal ist – vorgesehen ist derzeit
       der landeseigene Immobilienverwalter BIM.
       
       Ansonsten – diese Drohung steht jetzt überdeutlich im Raum – sind die
       Verhandlungen aber so was von wirklich und endgültig tot. In dem Falle,
       befürchten viele Mieter auf dem RAW-Gelände, werde es nicht lange dauern,
       bis bei ihnen der Räumungsbescheid im Briefkasten liegt.
       
       8 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Entwicklung-des-RAW-Gelaendes/!6009591
 (DIR) [2] https://www.kurth-immobilien.de/
 (DIR) [3] https://skatehalleberlin.com/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Andreas Hartmann
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Stadtentwicklung
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 (DIR) Schwerpunkt Gentrifizierung in Berlin
       
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