# taz.de -- Box-WM im Halbmittelgewicht: Im Hauptberuf Außenseiter
> Abass Baraou ist auf eigene Faust einziger deutscher Weltmeister im
> Profiboxen geworden. Nun steht er in Puerto Rico vor einem echten
> Megafight.
(IMG) Bild: Entspannt optimistisch: Abass Baraou vor seiner bislang größten sportlichen Herausforderung
In den Hinterhof des Gegners gehen: So heißt das im Branchensprech, wenn
ein Berufsboxer sich für den nächsten Kampf in einen fremden Wirkungskreis
begibt. Wo nicht er, sondern der Kontrahent die Zuschauer in seiner Ecke
weiß – und leider oft genug auch Ring- und Punktrichter. Es braucht schon
etwas Mut und Selbstgewissheit für solche Ausflüge. Aber daran hat es
[1][Abass Baraou] noch nie gemangelt. Sonst wäre der Mann aus Oberhausen
vor knapp zwei Jahren in London kaum Europameister geworden, im Duell mit
einem englischen Profi. Sowie auch Interims-Champion der World Boxing
Association (WBA), nachdem er letzten August in Florida einen hoch
gehandelten Kubaner über die volle Distanz bezwang.
„Vielleicht ist da manchmal ein Heimvorteil“, resümiert Baraou, „aber im
Ring ist jeder allein. Deshalb mach ich mir keine große Platte. Ich
vertraue auf meine Fähigkeiten, und ich habe sehr viel Erfahrung.“
Das gilt auch für den wichtigsten Vergleich in seiner Karriere. Der steigt
diesen Samstag im Coliseo de Puerto Rico in San Juan, einer Großarena für
bis zu 18.000 Zuschauer. Dort kämpft der 31-jährige, hauptsächlich in
Oberhausen aufgewachsene Sohn togolesischer Eltern gleich um zwei
anerkannte WM-Titel im Halbmittelgewicht (bis knapp 70 Kilo). Den einen
(WBA-Verband) hat man ihm als Interims-Champion am grünen Tisch verliehen,
weil der reguläre Weltmeister [2][Terence Crawford] seine Laufbahn beendet
hat. Den anderen (WBO) stellt Xander Zayas, sein um acht Jahre jüngerer
Widersacher aus dem karibischen Freistaat, zur Disposition. Der gilt mit
seinem makellosen Rekord (22 Kämpfe, 22 Siege) als nationaler
Hoffnungsträger.
Wieder der Typ in der anderen Ecke, wieder Gast im Hinterhof sein: Offenbar
ist das die Rolle, die Baraou im wenig transparenten Boxbusiness zugedacht
bleibt. Auf den 18 Stationen seiner denkwürdigen Reise (17 Siege, 1
Niederlage nach Punkten) hat der technisch so versierte Profi zwischen
Klagenfurt und Koblenz, Orlando und Dubai seit seinem Debut 2018 drei
Kontinente besucht. Und sich weder von coronabedingten Kampfpausen noch von
der Flaute seines Sports in Deutschland ausbremsen lassen. „Ich musste
einfach loslegen und den harten Weg gehen“, fasst er seine Achterbahnfahrt
zusammen – von dem einen Promoter zum nächsten, von diesem Gym zu jenem
oder wieder zurück.
## Als „Free Agent“ erfolgreich
Manchen würde das über die Jahre zermürben, aber der eigenwillige
Rechtsausleger ist dadurch im Zweifel noch zielstrebiger, noch hungriger
geworden. Den festen Willen dazu hat er sich wohl von der alleinerziehenden
Mutter abgeschaut, wie er in seinem Trainingscamp in Florida am Telefon
vermutet: „Sie hatte immer drei Jobs gleichzeitig, um uns über Wasser zu
halten.“ Außerdem ist Boxen trotz allem „meine Leidenschaft“ geblieben. Und
ist er nicht gerade jetzt, als aktuell einziger deutscher Inhaber eines
WM-Titels, in einer sehr lukrativen Ausgangsposition? „All die
Möglichkeiten und Kämpfe zu sehen, die sich mir bieten“, schwärmt Baraou,
„das ist einfach unglaublich.“
Möglichkeiten: Sie waren bereits zu erahnen, als der Youngster in seiner
geschmeidigen Art bei den Amateuren reüssierte. Beim [3][Chemiepokal] in
Halle kürten ihn Experten zweimal zum besten Stilisten; 2017 wurde er
sowohl Europameister als auch Dritter bei der Heim-WM in Hamburg. Als er
2018 bei der deutschen Sauerland-Promotion einen Profivertrag abschloss,
schien sich die Karriere stringent fortzusetzen. Dann wurde der Boxstall
samt dem Vertrag mit ihm an ein US-amerikanisches Unternehmen verkauft;
dort stand Baraou selten im Mittelpunkt. Also ließ er den Kontrakt
auslaufen und suchte sich als „Free Agent“ neue, erfahrene Partner. Wie
etwa den irischen Manager Paul Gibson und den renommierten US-Coach George
Rubio.
Entscheidend aber war die Metamorphose im Ring. Während der 1,76 Meter
große Athlet zunächst mehr auf seine ausgefeilte Technik gesetzt hat, ist
er inzwischen ein aggressiver „Pressure Fighter“ geworden, der seine Gegner
unermüdlich in den Schlagabtausch zwingt. Das ist eine so zehrende wie
erfolgreiche Strategie, wie Baraou aus Erfahrung weiß: „Viele Boxer haben
Probleme mit Druck, und ich bin gut darin, nach vorne zu gehen.“ So könnte
der konstante Vorwärtsgang bei der Doppel-WM in San Juan „der Schlüssel“
sein, wie er schätzt. Zumal er überzeugt ist, dass er sein volles Potenzial
„noch nicht ausgeschöpft“ hat, und seinen Kontrahenten aus früheren,
gemeinsamen Sparringsrunden im Gym von George Rubio kennt.
Im Erfolgsfall könnte „der unbekannte Champion“, so das Fachblatt [4][Ring
Magazine], über Nacht Geschichte schreiben: Er wäre dann der erste deutsche
Profi, der einen „Unification Bout“ in Übersee für sich entschieden hat.
Unter solchen Vorzeichen ist für den boxenden Vagabunden vieles
vorstellbar, einschließlich einer Heimkehr: „Mal gucken, was man dann in
Deutschland machen kann …“
30 Jan 2026
## LINKS
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(DIR) [2] /Boxen-ganz-oben/!6110177&s/
(DIR) [3] /Ehemaliger-Profiboxer-ueber-Amateure/!5583875
(DIR) [4] https://www.ringmagazine.com/news/unknown-champion-abass-baraou-ready-to-break-through-vs-xander-zayas-5W8tzRr0yaJjnqhiBdvTMf
## AUTOREN
(DIR) Bertram Job
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