# taz.de -- Arbeitsbedingungen auf Schiffen: Mehr als 6.000 Seeleute im Stich gelassen
> Manche Matrosen bleiben ohne Unterhalt oder Heuer an Bord, kritisierten
> Gewerkschafter. Der Großteil der betroffenen Schiffe liegt in der Türkei.
(IMG) Bild: In fremden Häfen weit von der Heimat entfernt: Frachter vor der Küste Indiens
In fremden Häfen weit von der Heimat entfernt, ohne Heuer und Perspektive:
Immer wieder werden Seeleute von ihren Reedern im Stich gelassen, beklagt
die [1][Internationale Transportarbeiter-Föderation (ITF)]. Für 2025
verzeichnete der in London ansässige Gewerkschaftsverband mit 6.223
sogenannten abandoned seafarers, übersetzt „im Stich gelassenen Seeleuten“,
einen neuen Höchststand.
Im Stich lassen bedeutet hier, dass ein Reeder entgegen seinen Pflichten
beispielsweise die Kosten für die Heimschaffung seiner Seeleute verweigert,
ihnen Unterhalt und Unterstützung wie Essen und Wasser verwehrt oder auf
andere Art „einseitig seine Beziehungen zu den Seeleuten beendet hat“. Das
umfasst das Schuldigbleiben der Heuer für wenigstens zwei Monate. So ist es
im Seearbeitsübereinkommen von 2006 definiert. Oft sitzen die Seeleute dann
fest. Ihre Chancen auf die Heuer verringern sich, wenn sie von Bord gehen.
Zudem kann es Probleme mit dem Hafenstaat geben, wenn sie dort das Schiff
verlassen müssten, um heimzukommen.
Die Organisation schildert beispielhaft den Fall eines indischen Seemanns,
der seit Juni 2025 mit drei Kollegen auf einem Schiff vor der Küste
Nigerias ausharre. „Jeden Monat haben wir das Unternehmen gebeten, unsere
Löhne zu zahlen und uns nach Hause zu schicken, aber es ist ihnen egal“,
wird der Mann zitiert, der aus Sorge vor Vergeltung anonym bleibt. Die Lage
sei „schlimmer als die Hölle“.
Das Schiff wird von der ITF als „Eleen Armonia“ identifiziert.
Schifffahrts-Apps zufolge lag ein Frachter solchen Namens unter
liberianischer Flagge Ende Januar in der Nähe des nigerianischen Port
Harcourt. Die Reederei Eleen Marine in Bulgarien antwortete auf Anfragen
der taz für eine Stellungnahme nicht.
## Opfer vor allem aus Indien
Die meisten betroffenen Crewmitglieder stammten 2025 laut ITF aus Indien,
gefolgt von Philippinern und Syrern. Sieht man sich die Lokalität der 410
Schiffe an, so lagen sie am häufigsten in der Türkei. Die ITF sieht den
Haupthebel für Verbesserungen allerdings bei den Flaggenstaaten. Hier
führte Panama mit 68 betroffenen Schiffen die Negativliste an, gefolgt von
46 Fahrzeugen ohne bekannte Zugehörigkeit und 41 unter Tansanias Flagge.
Die ITF fordert: Flaggenstaaten sollten verpflichtet werden, den
wirtschaftlichen Eigner (beneficial owner) eines Schiffes einschließlich
seiner Kontaktdaten als Voraussetzung einer Registrierung zu
protokollieren. Schiffe, die wiederholt in Fälle verwickelt sind, sollten
auf nationaler Ebene auf schwarze Listen kommen; hier führt die ITF eine
indische Regelung als beispielhaft an. Zudem sollten Staaten die Nutzung
von Billigflaggen untersuchen, wie es derzeit in den USA geschehe.
Allgemein plädierte ITF-Generalsekretär Stephen Cotton zudem dafür, dass
die Internationale Seeschifffahrtsorganisation (IMO) mehr Befugnisse
erhalte, um die Bekämpfung von Im-Stich-Lassen zu koordinieren.
Der Verband Deutscher Reeder (VDR) kritisierte das Phänomen auf Anfrage
ebenfalls. Zugleich machte Sprecher Carsten Duif deutlich, dass Deutsche
mutmaßlich nicht involviert seien: „Fälle des Zurücklassens von Seeleuten
ohne ausreichende Versorgung, Lohnzahlung oder Heimreisemöglichkeit sind in
jeder Form klar zu verurteilen. Es handelt sich dabei um schwerwiegende
Verstöße gegen internationale arbeits- und seerechtliche Standards. Nach
unserer Kenntnis betrifft das keine deutschen Seeleute und keine deutschen
Reedereien. Solche Vorfälle betreffen andere Weltregionen und Akteure, die
sich bewusst außerhalb etablierter Kontroll- und Haftungsstrukturen
bewegen.“
29 Jan 2026
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(DIR) Phillipp Steiner
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