# taz.de -- Jugendzentren streiten mit Nachbarn: Angst macht taub
> Potse und Drugstore haben vor acht Jahren ihr Zentrum verloren. Nun will
> der Bezirk ein neues Haus bauen. Die Nachbarschaft empört sich aus Angst
> vor Lärm.
(IMG) Bild: Paul (links) und Domi posieren in der Eingangstür zum Jugendzentrum Drugstore
Die Hintertür des Drugstores steht offen. Nur durch die offene Tür dringt
Licht von außen ins Innere. Im hinteren Raum stehen ein Kicker, zwei
Ledersofas und ein kleiner Holztisch. Einige Wände, Tür und Tisch sind mit
Aufklebern übersät. Im Hauptraum steht eine Bühne für Konzerte. Hier haben
Jugendliche und Ehrenamtliche ein Zebramuster in hellem Lila und schwarz
auf die Wand gemalt. Hinter einem Bartresen stapeln sich Kästen mit Spezi,
Mate und alkoholfreiem Bier.
Drugstore und Potse sind Berlins älteste selbstverwaltete Jugendzentren.
Domi arbeitet ehrenamtlich im Drugstore, das 1972 gegründet wurde, sieben
Jahre bevor die Potse entstand. In der Potsdamer Straße 180 residierten
beide Zentren jahrzehntelang, bis 2018 der Mietvertrag auslief. Spätestens
ab da wurde es kompliziert.
Erst besetzte die Potse das Jugendzentrum, in dem der Mietvertrag
ausgelaufen war. In der neuen Unterkunft, in der Zollgarage auf dem
ehemaligen Flughafen Tempelhof, kann sie aber keine Konzerte mehr abhalten.
Der Eigentümer verbietet es wegen fehlenden Schallschutzes. Dazu kommt,
dass die Mietverträge für die Zwischennutzung bald erneut auslaufen.
## „Reiner Existenzkampf“
Seit Potse und Drugstore nicht mehr gemeinsam unterkommen, hat das
Drugstore einen Standort im Rockhaus in Lichtenberg. Es ist ein Haus mit
vielen Probenräumen, das in der Buchberger Straße 6 liegt. Einen weiteren
Standort hat es in der Potsdamer Straße 134, in der der Vertrag auch bald
ausläuft. Das Bezirksamt für Tempelhof-Schöneberg hat mit dem „Haus der
Jugend“ nun einen Neubau im Werner-Voß-Damm 47 angekündigt. Doch viele in
der Nachbarschaft sind dagegen.
Domi und Paul arbeiten ehrenamtlich in den Jugendclubs, ihre vollen Namen
möchten sie nicht in der Zeitung lesen. Die beiden sitzen auf einer Couch
im Drugstore. „20 bis 30 Prozent unserer Arbeit ist reiner Existenzkampf“,
sagt Paul von der Potse. Seitdem der gemeinsame Mietvertrag 2018 auslief,
sind die Zentren auf der ständigen Suche nach einem unbefristeten Vertrag.
Das Haus der Jugend soll ihnen ab 2030 einen sicheren Ort bieten, sagt
Oliver Schworck (SPD). Er ist der für die Jugend zuständige Stadtrat im
Bezirk Tempelhof-Schöneberg. Doch in der Nachbarschaft gibt es Unmut. Als
diese von den Plänen mitbekam, gründete sie im September eine Initiative
gegen den Bau.
Bis zum Einzug 2030 stehen noch einige Etappen an: „Ende 2025 startete der
Architekturwettbewerb“, listet Schworck für die taz auf, „ab 2026 starten
die Bodenuntersuchungen, Ende Mai stellt die Jury dann das Büro vor, das
bauen darf. Womöglich kann der Bau schon Ende 2027 beginnen.“
## Der Schall und die Anwohnerschaft
Karin Lukoschus wohnt rund 400 bis 500 Meter entfernt von dem geplanten
Haus, erzählt sie der taz. „Oliver Schworck wird pünktlich zum Wochenende
Beschwerden bekommen, dass es zu laut ist“, sagt sie. „Wie soll das im
Sommer werden?“, fragt sie sich als Mitglied der Initiative. „Die
Jugendlichen sind ja nicht nur im Haus, der Schall wird in die umliegenden
Wohnhäuser dringen.“
Stadtrat Schworck reagiert auf die Befürchtungen der
Nachbarschaftsinitiative mit Unverständnis. „Ich ringe um Fassung“, sagt
er. „Wir haben keine Aufenthaltsräume draußen. Es wird nicht notwendig
sein, die Fenster zum Lüften zu öffnen, da wir eine Belüftungsanlage
einbauen“, versichert der Stadtrat. Es werde kein Lärm aus dem Haus
dringen. „Die Jugendlichen werden wahrscheinlich leiser sein als die
benachbarte Kleingartenkolonie.“
Auch Domi und Paul versichern: „Wenn das Haus der Jugend steht, werden die
Jugendlichen ein Interesse an seinem weiteren Bestehen haben.“ Sie gehen
deshalb davon aus, dass sich die jungen Erwachsenen entsprechend verhalten
werden. Zudem liegt der geplante Standort nur rund 200 Meter entfernt vom
Bahnhof Südkreuz. Es sei eine per se laute Gegend, meint Paul und betont,
dass dieser Standort ihre einzige Möglichkeit sei: „Wenn die
Nachbarschaftsinitiative den Bau verhindert, dann verhindert sie aktiv
Jugendarbeit.“
Die beiden Ehrenamtlichen verdeutlichen die Relevanz ihrer Zentren. „Es
sind Orte der Selbstverwirklichung, an denen man neue Hobbys finden kann.
Da unsere Angebote kostenlos sind, ist der Zugang sehr niedrigschwellig“,
erzählt Domi. Die charakterliche Entwicklung, die Meinungsbildung, das
Gemeinschaftsgefühl und das Erlernen von Empathie seien, laut Domi, auch
wichtige Punkte, die die Jugendzentren bieten. Paul fügt hinzu: „Seit 10
Jahren kommen deutlich mehr queere Jugendliche, die zu Hause oder in der
Schule Diskriminierung erfahren. Die Potse ist ihr einziges sicheres
Wohnzimmer.“
„Der Knackpunkt ist die fehlende Partizipation“, meint dagegen Anwohnerin
Lukoschus. Sie fühle sich übergangen und vor getroffene Entscheidungen
gestellt. Am 6. November veranstaltete das Bezirksamt einen
Informationsabend zu dem Bau. „Ich habe versucht, die beiden Mädchen
(darunter Domi vom Drugstore – Anm. d. Autorin) anzusprechen, aber es war
kein Kontakt möglich“, behauptet Lukoschus. Domi könne das so nicht
bestätigen, womit Aussage gegen Aussage steht.
Aufgeheizte Stimmung
Die Jugendzentren-Leute erzählen vom Gegenteil und Domi betont: „Wir sind
wirklich gesprächsbereit.“ Paul sagt, er habe bei dem Informationsabend
aktiv das Gespräch mit der Nachbarschaft gesucht und auch gefunden: „In
Arbeitsgruppen konnten wir viele Ängste der Nachbarn entkräften.“ Die
Ehrenamtlichen hoffen, dass die Nachbar:innen den Bau doch noch als
Chance für einen neuen Nachbarschaftsort sehen können.
Doch bei dem Informationsabend sollen einige Nachbar:innen die Reden der
Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen mit Zwischenrufen
unterbrochen haben. „Sie haben ihren Frust abgeladen“, meint Paul. Domi
zeigt sich verständnisvoll, teilweise: „Wir verstehen ihren Frust. Wir
kennen Existenzängste.“ Sie versuche, es nicht persönlich zu nehmen, aber:
„Wenn man da steht, so ein Jugendzentrum repräsentiert, und dann gibt es
Leute, die einem alles Mögliche an den Kopf werfen; das geht auch nicht
spurlos an einem vorbei.“
Auch wenn sich Domi und Paul auf das Haus der Jugend freuen, stehen soll es
erst ab 2030. Aktuell residiert die Potse noch in der Zollgarage, doch der
Vertrag läuft Ende September dieses Jahres aus. „Da müssen wir gucken, wie
wir eine weitere Zwischenlösung für eine leise Nutzung finden“, sagt
Schworck. An eine Lösung für die ursprünglich laute Nutzung mit Konzerten
sei wohl gar nicht zu denken.
Alle, die in den selbstverwalteten Jugendzentren arbeiten, machen dies
ehrenamtlich. In der Potse seien 10 Ehrenamtliche fest dabei und 20 bis 30
würden immer mal wieder helfen, erläutert Paul. „Bei der schieren Masse an
Aufgaben haben wir in den Zentren eindeutig zu wenig Ehrenamtliche“,
beklagt Domi. Seit 19 Jahren arbeitet sie ehrenamtlich fürs Drugstore, bei
Paul sind es ungefähr 13 Jahre.
Gegenwind nicht nur aus Nachbarschaft
Domi und Paul übernehmen auch viel Pressearbeit und bürokratische Aufgaben,
etwa Fördergelder zu beantragen. Das Drugstore bekommt eine jährliche
Förderung vom Jugendamt, damit es alle Veranstaltungen kostenlos anbieten
kann. Dahinter stecke aber viel bürokratischer Aufwand, sagt Domi. „Das
Drugstore muss monatlich einen Steuerordner abgeben, eine Mengenmeldung
schreiben, jährlich einen Sachbericht und eine Zielvereinbarung alle zwei
Jahre.“
„Es fallen immer mehr soziale Räume weg, die selbstverwaltet und
niedrigschwellig sind, zum Beispiel die Liebigstraße“, bedauert Domi. „Es
gibt viel Stress, weil die Nachbarschaft immer bürgerlicher und spießiger
wird.“ Das Drugstore würde deshalb immer mehr Anfragen bekommen. „Da müssen
wir als Kollektiv aufpassen, dass wir uns nicht kaputt machen neben unserer
eigenen Lohnarbeit“, schildert die Ehrenamtliche die Lage.
Neben der Nachbarschaftsinitiative würden auch Politiker:innen gegen
die Jugendzentren Stimmung machen. Die CDU, konkret Jan-Marco Luczak und
Frank Luhmann, habe an Anwohnende eine Bürgerbefragung verteilt. Darin
schreiben sie, ein überzeugendes Schutzkonzept gegen Lärm würde fehlen.
Diese Aussage steht der von Schworck gegenüber. Auf der Befragung kann nur
ein „Ja“, das den Standort gutheißt oder ein „Nein“, mit dem man sich gegen
den Standort positioniert, angekreuzt werden.
Ein Anwohner habe die Befragung erhalten, ein Schreiben an Luczak gesendet
und an die Jugendzentren weitergeleitet. Darin schreibt er: „Der
Informationsbrief ist unsachlich und enthält Suggestivfragen.“ Der Anwohner
beschreibt das Vorgehen der CDU als „populistisch“. Domi erklärt sich das
Anliegen der CDU wie folgt: „Wir sind ein explizit unkommerzielles
Jugendzentrum. Mit uns kann man kein Geld verdienen.“
Trotzdem Good News
Trotz allen Hin und Hers, der hohen Arbeitsbelastung und des Streits, sei
das Bauvorhaben an sich zu begrüßen. „Es ist eine krasse Sache, dass das
Haus der Jugend gebaut werden soll. Seit 2017 ist es nur eine
Traumschloss-Idee der Politiker:innen gewesen“, sagt Paul.
Bis zum Einzug werden die Jugendzentren in ihren Übergangsstandorten ihre
Angebote weiterführen. In der Potse gibt es ein wechselndes Programm:
montags Zirkus, mittwochs Trommeln, donnerstags Plena von
antifaschistischen Gruppen, freitags Filmabend, sonntags Sport; an den
Dienstagen halten die Jugendzentren ihre eigenen Plena ab.
Das Drugstore im Rockhaus versammelt montags eine Spielgruppe und hier
können, anders als in der Potse, auch Konzerte stattfinden. Für die
nächsten Jahre bleibt nur auf einen guten Austausch zwischen Jugendzentren
und Nachbarschaft zu hoffen.
8 Apr 2026
## AUTOREN
(DIR) Marlene Thaler
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