# taz.de -- Schützen belästigen Polizistin: Zwei Bussis zuviel
> In Hannover müssen Schützen zahlen, weil sie eine Polizistin geküsst
> haben. Gut so, denn solche Übergriffe geschehen aus einer gefühlten
> Machtposition.
(IMG) Bild: Zum Schutz da, nicht zum Küssen: Polizist:innen beim hannoverschen Schützenausmarsch 2025
Der Justizwachtmeister am Eingang hat eine klare Meinung zu der ganzen
Geschichte: „Da wird ein Aufriss von gemacht! Das war hier früher gang und
gäbe, dass die Polizisten geknutscht wurden! Hannover verkommt!“
Das kann ja heiter werden, denke ich. Stecke den Presseausweis wieder ein
und laufe zum Saal. Es ist – angeblich – einer der größten im Amtsgericht
Hannover, der bietet aber trotzdem nur Platz für rund 20 Zuschauer. Schon
der erste Blick in den Gang zeigt, dass der nicht reichen wird.
Der Fall, der hier am Donnerstag verhandelt werden soll – und am Ende doch
nicht verhandelt wird –, hat im Sommer 2025 schon für Aufsehen gesorgt und
diverse Kommentarspalten gefüllt. Zwei Mitglieder der Hildesheimer
Junggesellenkompagnie von 1831 sind beim großen Schützenausmarsch auf eine
Polizeikommissarin zugesprungen, die zur Sicherung der Veranstaltung am
Rand stand.
Sie haben sie am Oberarm festgehalten und ihr mit den Worten „Alter Brauch,
gute Sitten“ von beiden Seiten einen Kuss auf die Wange, nahe den
Mundwinkeln, gedrückt. Die Polizeikommissarin habe sich „emotional
überrumpelt“ gefühlt. So steht es in der Pressemitteilung des Gerichts.
## In letzter Minute akzeptierten sie den Strafbefehl
Während die beiden Männer im Alter von 33 und 43 Jahren fröhlich
weitermarschierten, gab die 29-jährige Polizistin ihren Kollegen Bescheid.
Die zogen die beiden wenig später aus dem Zug und stellten sie zur Rede.
Von einer sexuellen Belästigung wollten die Herren aber genauso wenig
wissen wie von einem Alkoholtest.
Es folgten: eine Anzeige, öffentliche Rückendeckung vom Polizeipräsidenten,
ein Ermittlungsverfahren und schließlich zwei Strafbefehle. 30 Tagessätze à
70 Euro, 2.100 Euro pro Mann, standen darin. Das war den Herren wohl zu
viel. Sie legten Einspruch ein, bestritten die sexuelle Absicht ihrer
Handlung.
Das Gericht beraumte also pflichtgemäß eine öffentliche Hauptverhandlung
an. Zu der auch gleich noch 14 Zeugen geladen wurden. Erst als sich schon
alle in dem zu kleinen Gerichtssaal drängen, wird bekannt: Die Verteidiger
der beiden Männer haben ihre Einsprüche in letzter Minute zurückgezogen.
Unklar bleibt leider, ob das jetzt eine späte Einsicht ist, ob ihnen der
öffentliche Rummel unheimlich wurde oder ob sie schlicht Angst hatten, dass
die Strafe noch höher ausfällt. Der Strafbefehl ist damit jedenfalls
rechtskräftig. Sie sind verurteilt und müssen zahlen.
## Sind Bussis eine Bagatelle?
Viel Lärm um – tja, was eigentlich? Wenn ich ganz ehrlich bin, war mein
erster Impuls bei diesem Fall der Gedanke: Ich hätte das nicht angezeigt.
Nicht weil ich es okay finde, wenn besoffene Schützen (oder Karnevalisten)
ungefragt alles besabbern, was ihnen vor die Flinte läuft. Sondern weil ich
mir den „Aufriss“ und die Debatten für so eine Bagatelle nicht hätte antun
mögen.
Aber darf ich das überhaupt sagen? Dass mir ein Bussi wie eine Bagatelle
vorkommt? Man gerät da natürlich ganz schnell in komisches Fahrwasser. „Nur
ein Bussi“, „gar nichts Sexuelles“ und „Tradition“ lautet ja auch die
Verteidigungslinie der Schützen.
Wobei man sich dann vielleicht schon einmal fragen lassen muss, wie oft
diese Tradition wohl den stiernackigen Mittfünfziger in Uniform trifft. Der
muss sich vermutlich allenfalls von Schützenfrauen busseln lassen. Wenn das
gar nichts Sexuelles ist, warum ist es dann so hetero?
Beim Stichwort „Tradition“ wird es noch hakeliger. In dem Dorf, in dem ich
aufgewachsen bin, gab es auch eine Junggesellenkompanie.
Soweit ich mich erinnere, sah die Tradition da ungefähr folgendermaßen aus:
sehr viel Schnaps trinken, durchs Dorf marschieren und „Oh Helene – du hast
so schöne Beene – aber Titten haste keene“ singen, der Bedienung im
Festzelt an den Arsch – besser noch unter den Rock – fassen, betrunken über
die Tanzfläche torkeln und „aus Versehen“ fremden Frauen ins Dekolleté
fallen, im Rausgehen eine andere Frau umklammern und ihr ins Ohr lallen,
wie schön sie sei, vom Freund einer dieser Frauen aufs Maul kriegen,
Filmriss. Am nächsten Tag Frühschoppen.
## Ist das wieder so ein Generationending?
Vielleicht kommt mir der Bussi auch deshalb wie eine Bagatelle vor.
Vielleicht ist das aber auch so ein Generationending. Wie die meisten
Frauen, die ein gewisses Alter erreicht haben, habe ich eine ganze Reihe
von Übergriffen erlebt.
Hände auf meinen Brüsten, meinem Hintern und zwischen meinen Beinen, die
ich da nicht haben wollte. Männer, die in öffentlichen Verkehrsmitteln
neben mir masturbieren. Obzöne Gesten und ekelige Sprüche aus
vorbeifahrenden Autos. Johlende Rudel, die meinen Weg blockieren. Angezeigt
habe ich nichts davon. Bringt doch eh nichts. Du musst dich vorsehen, nicht
die. So war das halt.
Wie die meisten Frauen kenne ich diese Momente, in denen man sich darüber
ärgert, nicht besser reagiert zu haben. Die Insta-/Tiktok-Psychobubble ist
voll von klugen Erklärungen dafür.
Da ist entweder der verdammte Instinkt schuld, der nur fight, flight or
freeze – also: kämpfen, flüchten oder totstellen – kennt. Wobei selten
plausibel erklärt wird, warum freeze so viel häufiger vorkommt. Oder diese
verdammte weibliche Sozialisation ist schuld, die uns darauf gedrillt hat,
gefällig und leise zu sein, die Bedürfnisse anderer über die eigenen zu
stellen – also auf keinen Fall „einen Aufriss“ zu machen.
Dazu kommt, dass du in solchen Situationen ja auch immer eine blitzschnelle
Gefahrenabschätzung vornehmen musst: Wie groß, kräftig, betrunken ist der
Vogel denn jetzt? Wie aggressiv wird der wohl? Wie viele potenzielle
Unterstützer hat der hier rumstehen? Was ist meine Position in dieser
Gruppe und wie ändert sie sich, wenn ich jetzt den Lauten mache? Gibt es
freie Fluchtwege?
## Hier wär ein bisschen Polizeigewalt doch schön gewesen
Es braucht eine Menge mieser Erfahrungen, ein gewachsenes Selbstvertrauen
und viel Training, um sich dagegen zu wappnen. Wenn du den Bogen raushast,
bist du so alt, dass du eh kaum noch ins Beuteschema fällst.
Ist es unredlich, sich von einer jungen Polizistin – quasi stellvertretend
– etwas anderes zu erhoffen? Nur ein klitzekleines bisschen Polizeigewalt
im richtigen Moment? Einen kräftigen Stoß, eine wohldossierte Maulschelle,
einen raffinierten Schmerzgriff?
Aber gut, man möchte sich ja auch nicht ausmalen, wie die öffentliche
Diskussion dann ausgefallen wäre. Und natürlich ändert so eine Reaktion gar
nichts daran, dass ein Übergriff eben ein Übergriff ist.
Eleganter wäre natürlich ein sehr großer, kräftiger, möglichst schwuler
Polizeikollege, der die beiden Junggesellen mal ganz energisch
zurückknutscht. Denn das ist ja der Denkfehler, den Männer oft machen, die
sagen: „Ich hätte kein Problem damit, wenn eine Frau so was bei mir macht.“
Sie können sich nicht vorstellen, wie sich das anfühlt, wenn einem jemand
kräftemäßig überlegen und die Zuwendung wirklich unerwünscht ist.
Aber so kleinliche Rachefantasien und das alte
Hätte-hätte-Fahrradkette-Spielchen helfen natürlich am Ende überhaupt
niemandem weiter. Vielleicht war es doch ganz gut, dass sich da mal eine
getraut hat, ein Exempel zu statuieren. Irgendetwas hat sich anscheinend
doch geändert.
Bleibt nur eine Frage übrig: Zählt das Ganze jetzt eigentlich in der
Statistik der zunehmenden Angriffe gegen Einsatzkräfte, die das
Innenministerium führt? Oder braucht es dafür zwingend Migranten mit
Silvesterraketen?
30 Jan 2026
## AUTOREN
(DIR) Nadine Conti
## TAGS
(DIR) Gerichtsprozess
(DIR) Hannover
(DIR) Schützenfest
(DIR) Belästigung
(DIR) Polizei
(DIR) Übergriffe
(DIR) Sexismus
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Sexismus
(DIR) Brauchtum
(DIR) Kolumne Provinzhauptstadt
(DIR) Kolumne Provinzhauptstadt
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Sexuelle Belästigung in Deutschland: „Für Betroffene ist das ein untragbarer Zustand“
Schutz vor sexueller Belästigung in Deutschland geringer als im Rest
Europas. Das zeigt ein Gutachten der Antidiskriminierungsstelle.
(DIR) Frauen dürfen nicht mitschießen: Schützen scheitern mit Mädchen-Moratorium
Keine Mädchen an der Waffe: Das hat die Schützengilde Wildeshausen erneut
entschieden. Der Versuch, es für Jahrzehnte festzuschreiben, ist
gescheitert.
(DIR) Mal wieder Ärger ums Schützenfest: Woke Schützen mit silbernen Krallen
Da redet dieser Ratsmensch von „bewaffneten Trachtenvereinen“ und
„Saufkapellen“ – dabei wollten die Schützen doch endlich mal alles richtig
machen.
(DIR) Streit um Schützenamt für Frauen: Die geborene Bruchmeisterin
Die Kolumnistin erinnert sich an Zeiten, als Schützenfeste noch wichtig
waren. Und fragt sich, was Bruchmeister eigentlich machen.