# taz.de -- Baumschutz in Osnabrück: Kampf um die Sägefreiheit
> Es geht um jeden Zentimeter: Nach fast einem Vierteljahrhundert hat die
> Stadt Osnabrück wieder eine Baumschutzsatzung. Womöglich gibt es sie nur
> kurz.
(IMG) Bild: Wenn der Stamm mindestens einen Meter Durchmesser hat, ist er künftig geschützt
Osnabrück gibt sich gern [1][stolz auf sein urbanes Großgrün]. Zum Beispiel
so: Für 300 Euro kann man hier [2][„StadtBaumPate“] werden. Die Kommune
pflanzt dann einen neuen Baum.
Andererseits: Wer in Osnabrück einen Baum fällen wollte, hatte es in den
vergangenen Jahrzehnten vergleichsweise leicht. Eine Baumschutzsatzung gab
es nicht. 2002 hatten CDU und FDP sie abgeschafft.
Jetzt gibt es wieder eine, nach harter Debatte. Mitte März geht ihr Entwurf
durch den Rat; zwei neue Vollzeitstellen entstehen. Der Anstoß kam von der
Ratsfraktion der Grünen. Die Situation der Stadtbäume habe sich in den
letzten Jahren „deutlich verschlechtert“, steht in ihrem
Wiedereinführungsantrag.
„Das ist multifaktoriell“, sagt Volker Bajus der taz. Er ist Ratsmitglied
der Grünen. „Durch die Klimakrise kommt es zu Dürre. Viele Kastanien sind
durch die Miniermotte geschädigt. Lange waren Luftschadstoffe ein großes
Thema. Viele Grundbesitzer fällen leider Bäume, weil sie kein Laub harken
wollen, weil ihnen sterile Schottergärten lieber sind als Natur, weil sie
von der Vorgeneration einen Garten geerbt haben und ihn ganz nach ihren
eigenen Vorstellungen gestalten wollen.“
## Jeder Baum ist wertvoll
Die neue Satzung habe „nicht nur eine ordnungsrechtliche Dimension“, betont
er. „Es geht stark um Beratung. Viele BürgerInnen sind ja unsicher, auch
was Baumkrankheiten angeht, den Beschnitt. Hier können unsere
MitarbeiterInnen helfen.“
Zu den Gegnern der neuen Satzung zählen die Gegner der alten, zudem die
AfD. Auch Oberbürgermeisterin Katharina Pötter (CDU) reiht sich hier ein.
„Das ist aus der Zeit gefallen“, wundert sich Bajus. „[3][Jeder Stadtbaum
ist ja zunehmend wertvoll]. Wegen seiner Filterwirkung. Weil er die Stadt
belüftet, im Sommer die Temperatur senkt. Einer Oberbürgermeisterin müsste
ja an alldem gelegen sein, was Gesundheit und Wohlbefinden der BürgerInnen
verbessert.“
Die meisten Osnabrücker Bäume stehen auf Privatgrund, waren bisher also
ungeschützt, wenn nicht als Naturdenkmal ausgewiesen, nicht im
Bebauungsplan als erhaltenswert eingetragen. Nur das Naturschutzrecht
griff, keine Kommunalregularie. Jetzt zieht Osnabrück mit seinen
Nachbarstädten wieder gleich: Überall Baumschutzsatzungen, von Münster bis
Oldenburg, teils schon lange.
Im Prinzip ist in Osnabrück künftig jeder Baum ab einem Mindest-Stammumfang
von 100 Zentimetern gegen willkürliche Entfernung geschützt. Das
Umweltforum Osnabrücker Land findet das zu viel: „Viele ökologisch
wertvolle Bäume fallen damit durchs Raster.“ In Bremen beginnt der Schutz
schon bei 80 Zentimetern, in Hannover bei 60 Zentimetern.
Bemüht, auch die unwahrscheinlichste Eventualität abzudecken, liest sich
der Satzungsentwurf teils skurril: Was, zum Beispiel, wenn der Stammumfang
standardmäßig 100 Zentimetern über dem Erdboden zu messen ist, Hauptäste
aber bereits niedriger aus dem Stamm herauswachsen?
## Im Herbst könnte die Satzung schon wieder weg sein
Haarspaltereien, könnte man denken. Aber je genauer die Regeln fürs Absägen
oder Stehenlassen, desto unbestreitbarer. Und vieles, das ab jetzt
ordnungsrechtlich tabu ist, war es, theoretisch, eigentlich schon immer,
durch die Vernunft: Man kappt keine Wurzeln innerhalb des Kronenbereichs.
Man engt keinen Baum durch Kabelbinder ein. Man lagert keine Schadstoffe
unter ihm.
„Eigentum verpflichtet“, begründet Heiko Panzer, Sprecher für Umweltpolitik
der SPD-Fraktion, die neue Satzung. Deren „Eingriff“ werde „nicht
gewünscht“, kontert „Haus und Grund Osnabrück“, ein Verein der Haus-,
Wohnungs- und Grundeigentümer. Dem Umweltforum wiederum geht der Eingriff
nicht weit genug: Bäume vieler Grünflächen und Einzelhöfe bleiben
ungeschützt, kritisiert es; der Satzungsentwurf gelte nur für „besiedelte
Bereiche“.
Die Lebensdauer der neuen Satzung könnte übrigens kurz sein: Im Herbst 2026
sind in Niedersachsen Kommunalwahlen. „Wenn CDU, FDP und AfD das im
Wahlkampf hetzerisch zum Thema machen“, sagt Bajus, „könnte das übel
werden.“
Pötters Haltung ist klar: Der Fachbereich Klima, Natur und Umwelt habe „vor
der Einführung einer Baumschutzsatzung gewarnt“, weil er eine „massive
Zunahme von Baumfällungen im Vorfeld“ befürchte, schreibt sie der taz.
„Dieser Einschätzung habe ich mich angeschlossen, und leider scheinen sich
ebendiese Befürchtungen aktuell zu bestätigen.“ Konkrete Anreize zu
Baumpflege und Baumerhalt wären „der deutlich bessere Weg gewesen“.
28 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Bebauung-von-Osnabruecker-Gruenflaechen/!6057542
(DIR) [2] https://nachhaltig.osnabrueck.de/de/engagieren-mitmachen/stadtbaumpate/
(DIR) [3] /Klimaanpassung-im-urbanen-Raum/!6102634
## AUTOREN
(DIR) Harff-Peter Schönherr
## TAGS
(DIR) Bebauung
(DIR) Schwerpunkt Klimawandel
(DIR) Schwerpunkt Fridays For Future
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