# taz.de -- Neue HipHop-Szene in Polen: Auf der grünen Wolke schweben
> Matcha-Rap, so wird eine städtisch geprägte Musikszene des polnischen
> HipHop bezeichnet, die vielfältig und sozialkritisch zu Werke geht. Ein
> Ortsbesuch.
(IMG) Bild: Matcha-Rap mit Schweinefinger: Das HipHop-Kollektiv Natura2000
Komm schon, beweg dich, denn die Nacht liegt vor uns“, säuselt AZ-YL ins
Mikro. Sie ist klein und steckt in einem riesigen Pelzmantel, hinter ihr
steht eine Reihe von Rappern, die auf der Bühne im Takt zum Song nicken.
Alle tragen Basecaps, Baggy-Hosen, Schnauzer, Vokuhila und dicke
Sonnenbrillen – der klassische Gen-Z-Look.
AZ-YL heißt eigentlich Agatha Zygmańska und ist Teil des Rap-Kollektivs
Natura2000. An diesem Abend vor einigen Wochen ist sie in Warschau, um im
Rahmen der Konzertreihe Hidden Gems aufzutreten. Natura2000, das
fünfköpfige Kollektiv aus Poznań, gehört zu einer jungen, aufstrebenden
Szene polnischer HipHop-Heads. Was sie alle eint: ein Sound, leichtfüßig,
mit eingängigen Beats und Reimen übers Feiern, die eigene Jugend und die
schönen Seiten des Lebens. Ihr Stil wird in Polen als „Matcha-Rap“
bezeichnet.
Die Dichte an Talenten, die sich mit dieser speziellen Art von HipHop-Sound
einen Namen in der polnischen Musikszene machen, führte dazu, dass
Kritiker*innen darüber diskutierten, ob das schon ein neues Subgenre
sei. Die HipHop-Memeseite „HIB HOB XD“ schuf schließlich die Bezeichnung
Matcha-Rap, postete Memes und eine Playlist mit Künstler*innen, die
stilmäßig dazugehören. [1][Auch das Kollektiv Natura2000 ist dabei].
Doch was macht Matcha-Rap aus? Ist es nur ein kurzlebiger Hype oder eine
Blaupause? Und welche Rolle spielt, dass die jungen, weitgehend unbekannten
Künstler*innen mit ihrer Musik die bislang stark patriarchal geprägte
polnische Rapszene verändern?
Matcha ist auch in Polen das Trendgetränk der vergangenen Jahre. Nicht nur
in den Großstädten finden sich an vielen Ecken Cafés, die es anbieten. Es
sind besonders junge, hip gekleidete Menschen, die es sich leisten können,
das eigentlich aus Japan stammende Teegetränk zu sich zu nehmen. Der
Teevergleich trifft durchaus zu, Matcha-Rap ist ein Tiktok-Trend, der bald
wieder verfliegen werde, prognostizieren manche Kritiker*innen.
## Es muss nicht immer tiefgründig sein
Zygmańska stört es aber nicht, dass die Musik ihres Kollektivs als
Matcha-Rap bezeichnet wird. „Ich kenne viele Künstlerkollegen, die sich
darüber ärgern. Aber wenn es einfach um Musik geht, zu der man Spaß hat,
dann verstehe ich die ablehnende Haltung daran nicht.“ Der Vorwurf, die
Reime von Matcha-Rap seien nicht sehr tiefgründig, perlt an der 22-Jährigen
ab. „Wir machen Musik, zu der man tanzen und dabei eine gute Zeit haben
kann. Und wenn mir mal ein ernstes Thema auf den Nägeln brennt, kann ich
immer noch einen eigenen Reim darauf machen und mich so verwirklichen“,
sagt die Künstlerin.
Zygmańska erlebt neben Kritik auch viel Zuspruch aus der Szene für ihre
Musik, doch von außen komme oft auch viel Neid. „Es ist so einfach, über
Tiktok 15-sekündige Snippets zu produzieren und sich als One-Hit-Wonder
feiern zu lassen. Das lockt auch Leute an, die nur wegen des Geldes Musik
machen“, sagt sie.
Einer der polnischen Künstler, die in den vergangenen Jahren vor allem
durch Social Media berühmt wurden, ist Hubert. Er ist einer der
bekanntesten Matcha-Rapper. Hubert stammt – genau wie Natura2000 – aus
Poznań und war Teil der Konzertreihe Hidden Gems. Einer seiner beliebtesten
Songs mit 18 Millionen Streams handelt von Spezialmixgetränken, sogenannten
Malibu-Mischen, Cannabis und hübsche Frauen kommen auch in seinen Songs
vor. „Heute wollen wir nur Spaß haben / Cotton Candy sind all unsere Joints
/ Zwei Züge und ich bin weg.“
## Besuch in Tempelhof
In seinem Song „Tempelhof“ hat Hubert seinen Besuch in der deutschen
Hauptstadt verewigt: „Sie spürt mich in diesem Cardigan / Ich verliere
meine Ausweise / Das macht nichts / Ich kümmere mich morgen früh darum.“
[2][Huberts Rapsound] fällt eindeutig auf die sanftere und entspanntere
Seite des polnischen HipHops. Auch er ist damit Teil eines Wandels, der
bereits vor Längerem begonnen hat.
Polnischer HipHop entwickelte sich als direkter Spiegel von Polens
politischer Transformation nach 1989. Die Rap-Pioniere beschrieben in ihren
Texten durchaus kritisch die sozialen Folgen des Systemwechsels:
wirtschaftliche Unsicherheit, Massenarbeitslosigkeit und
Perspektivlosigkeit. Offen wurde über Drogenprobleme geredet, Armut und den
Zerfall der alten Industriekultur. Rap wurde so wie andernorts auch zum
Sprachrohr jener, die unter dem Systemwandel des osteuropäischen Landes
litten.
Ab den Zehnerjahren entstand eine zweite polnische HipHop-Generation, die
bereits ohne direkte Erinnerung an den Kommunismus aufgewachsen war. Durch
einen der berühmtesten Künstler dieser Zeit und einen Vorboten des
Matcha-Raps verschob sich der Fokus vom Überleben hin zu Fragen moderner
Prekarität: [3][Taco Hemingway rappte] über unsichere Arbeitsverträge,
steigende Lebenshaltungskosten und Konsumdruck.
Gleichzeitig traten neue Klassenerfahrungen in den Vordergrund: Mit
„Patointeligencja“ beschreibt der Rapper Mata eindrücklich und erfolgreich
die wohlhabende Oberschicht mit Leistungsdruck, emotionaler
Vernachlässigung, Sucht und mentalen Krisen. Polen-Rap wurde nun zum Forum
für die Sorgen einer weniger prekären, aber innerlich zerrissenen jungen
Gesellschaft.
„Rap ist immer auch ein Spiegel der Gesellschaft, daher ist es nicht
verwunderlich, dass aktuell besonders viel über weniger machohafte Musik
gesprochen wird“, sagt Wojciech Kubus. Er promoviert an der Universität
Poznań zum Wandel männlicher Stereotype im polnischen Rap. „Die
Auseinandersetzung mit der eigenen Männlichkeit findet seit einiger Zeit
auch in der Sphäre des Rap statt.“ Als Beispiel nennt er die Zeilen von
Taco Hemingway aus dem Song „Männer weinen nicht“ (2019): „Jungs, wisst,
dass ihr fühlen dürft / Scheiß auf die Machokultur, Jungs / Lernt, Worte zu
benutzen.“
## Beim Heranwachsen überfordert
Ein Aufwachsen ohne Vaterfigur und die Überforderung mit den eigenen
Gefühlen als Heranwachsender sind Themen, die nun häufiger besprochen
werden. Durch die Coronapandemie habe es laut Kubus zudem einen Aufschwung
junger Talente gegeben, da sich Rap mittlerweile leicht im Homerecording
produzieren lasse und die [4][Krisenzeit zwischen 2019 und 2022] viele
junge Menschen in der Isolation geprägt habe.
Auch Zygmańska freut es, dass sich der polnische Rap über die Jahre
stilistisch und thematisch vielfältiger entwickelt hat. „Es berührt mich zu
sehen, wie Männer mittlerweile das Gefühl haben, über ihre Ängste und
Sorgen in Songs sprechen zu können.“ Doch bisher zeigt auch der Matcha-Rap
– ebenso wie die Künstler, die den Weg geebnet haben –, dass die Vielfalt
an Themen nicht unbedingt mit einer größeren Vielfalt der Künstler*innen
einhergeht.
„Ich bekomme viel Support von meinen Kollegen, doch ich sehe auch, dass Rap
in Polen immer noch männlich dominiert ist. Auf den Konzerten sind mehr
Männer, meine Hörerschaft ist überwiegend männlich.“ Umso mehr freut sie
sich über die Aufmerksamkeit, die Künstlerkolleginnen erhalten. Eine davon
ist Bambi. Die 21-Jährige singt und rappt zu Trapbeats und erhielt erst im
vergangenen Jahr den Award für die beste Rapperin bei den polnischen
HipHop-Awards 2025.
„Debatten über marginalisierte Gruppen, die Rechte queerer Menschen und von
Frauen in Polen werden inzwischen häufiger und sichtbarer geführt. All das
trägt dazu bei, dass einheimischer Rap vielfältiger und moderner klingt“,
sagt Kubus.
Trotzdem ist Matcha-Rap für ihn bislang noch kein eigenständiges Genre.
„Melodiöse Hooks und leichtgängige Reime von Rappern, die sich vulnerabel
zeigen, sind kein neues Phänomen. [5][Vieles erinnert musikalisch an
Cloudrap]“, erklärt Kubus. Künstler wie Hubert, Taco Hemingway und das
Kollektiv Natura2000 profitieren dennoch von der Aufmerksamkeit, die sie
durch eine vermeintlich neue Zuschreibung erhalten – und vom Zeitgeist, der
derzeit noch auf ihrer Seite zu sein scheint.
Kubus befürchtet, dass sich die zunehmende Popularität nationalistischer
Kräfte in Polen früher oder später auch in der Musik niederschlagen könnte
und in Zukunft wieder vermehrt Rapper auftreten, die konservative Ansichten
und traditionelle Männlichkeitsbilder propagieren.
29 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://soundcloud.com/natura2000-scmusic/sets/ostatni-mixtape-1
(DIR) [2] https://www.youtube.com/playlist?list=PLckFPaqNVxtTKYfsq01sGdC8r6f4xQ3mB
(DIR) [3] https://tacohemingway.com/
(DIR) [4] /Kulturszene-Polens-nach-der-Wahl/!5965046
(DIR) [5] /Cloudrap-in-Deutschland/!5447978
## AUTOREN
(DIR) Anastasia Zejneli
## TAGS
(DIR) Musik
(DIR) Reggae
(DIR) HipHop
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