# taz.de -- Die Wahrheit: Rock ’n’ Rollator
       
       > Am Tresen der Stammkneipe läuft in brüllender Lautstärke Musik von
       > Rockdinos, womit nicht alle der Stammgäste uneingeschränkt einverstanden
       > sind.
       
       Theo hatte sich die Finger tief in die Ohren gestopft, aber Rudi, der
       Blödmann, schob Petris grinsend einen weiteren Zehner über die Theke, und
       der Wirt des Café Gum nickte und drehte die Lautstärke auf.
       
       „Verräter!“, zischte Theo ihm zu und zog die Finger aus den Ohren. Petris
       hob unschuldig die Schultern. „Weißt du, Philos, wir Griechen sind arm und
       müssen nehmen, was wir kriegen“, sagte er: „Wir haben diese Urangst, dass
       plötzlich ein deutscher Finanzminister auftaucht und unsere Inseln an die
       Chinesen verkauft, bloß weil wir nicht flüssig sind.“
       
       Theo seufzte. Er blickte hasserfüllt zu Rudi hinüber, der bei einem
       halblegalen Versender ein Bootleg der letzten Stones-Tournee in Europa
       gekauft hatte, das jetzt aus den Boxen des Café Gum dröhnte.
       
       „Seit sechzig Jahren derselbe Dumpfstampf“, fauchte Theo. „Noch heute hört
       sich jeder Song wie ‚Satisfaction‘ an, und das war damals schon flach.“ –
       „Sei nicht so hart“, sagte Luis, „die Jungs haben auch gute Stücke gemacht,
       ‚Angie‘ zum Beispiel oder ‚You Can’t Always Get What You Want‘.“ – „Phh!“,
       machte Theo.
       
       Es war unter seiner Würde, sich auf Differenzierungen einzulassen. „Was
       machst du denn!?“, herrschte er stattdessen Raimund an, da er bemerkte,
       dass der im Takt mitwippte. „Ich? Äh … Nix“, stotterte Raimund und
       schüttete sein Bier vor Verlegenheit auf ex hinunter.
       
       Rudi kriegte das alles nicht mit. Er schaute sich versunken Fotos auf
       seinem Smartphone an. Theo kuckte ihm über die Schulter. „O Gott“, keuchte
       er: „Oben auf der Bühne Greise an den Gitarren; unten im Publikum Greise,
       die Rollatorpogo tanzen und Blutdruckpillen einwerfen!“
       
       Es waren Fotos, die Rudi beim Konzert auf der Waldbühne in irgendeinem
       Sommer gemacht hatte. Die meisten Menschen im Publikum waren nicht sehr
       viel jünger als ihre Helden. Sie sahen aus wie ältliche Chefärztinnen oder
       verknitterte Rechtsanwälte, zappelten aber verschwitzt und halb entblößt
       herum wie damals mit siebzehn.
       
       „Absolut würdelos!“, schnaubte Theo. „Wahrscheinlich haben sie bei der
       Zugabe sogar ihre Unterhosen auf die Bühne geworfen.“ Rudi focht das nicht
       an. „Ageist!“, knurrte er. – „Eitschist?“, sagte Theo. – „Ageism“, erklärte
       Luis: „Altersdiskriminierung.“ – Raimund kicherte. „Greisenrock ist hip“,
       sagte er: „Überall leeren sich die Altersheime, weil die Bands sich noch
       mal vereinen und die alten Fans die Konzerte stürmen. Und spätestens, wenn
       die ‚Doors‘ wieder auf Welttournee sind, wirst auch du dir heimlich eine
       Karte besorgen.“
       
       „Quatsch“, schnappte Theo: „Außerdem ist Morrison mausetot. Das wird nix
       mehr mit Welttournee!“ – „Mit Avataren ist vieles möglich, denk an Abba“,
       sagte Luis: „Du wirst hingehen.“ – „Niemals!“, rief Theo bestimmt, doch
       Petris, der Mann, der nur todsichere Wetten einging, schob ihm die Zehner
       hin, die er von Rudi bekommen hatte, und sagte: „Drei zu eins, dass doch,
       Philos!“
       
       27 Jan 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Joachim Schulz
       
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