# taz.de -- Die Wahrheit: Ursuppe Zweipunktnull
       
       > Die Touristenlady hat nicht lange gewartet. Denn gleich kam eine
       > Push-Nachricht mit der Überschrift: „Ich sah das Fettmonster!“
       
       Als wir den Goetheplatz überquerten, raste ein orangefarbenes
       Kanalreinigungsmobil mit Tatütata und blinkendem Gelblicht vorbei und Theo
       meinte: „Warum muss heutzutage eigentlich jeder so ein Bohei um seine
       Arbeit machen? Demnächst wird sich sogar der Postbote mit einer Fanfare
       ankündigen lassen.“
       
       Der Wagen bog mit quietschenden Reifen in die Heinestraße ab. „Vielleicht
       ist ja das Fettmonster zum Leben erwacht“, murmelte Raimund. „Das – was?!“
       Wir starrten ihn an. „Das Fettmonster“, wiederholte er. „Nie was davon
       gehört? In jeder Stadt gibt’s einen riesigen Fettklumpen in der
       Kanalisation, weil die Leute Essensreste und Fettglipsch das Klo
       runterspülen. Stellt euch mal vor, wie’s da unten aussieht: gärende Jauche,
       Schaum und Schleim, ein blasenwerfender Fettklumpen – genau wie die
       Ursuppe, die vor Millionen Jahren über die Erde schwappte: Wenn da ein
       Blitz hineinfährt, erwacht das Fettmonster zum Leben!“
       
       Eine Touristin, die eben noch das geschmacklose Goethedenkmal fotografiert
       hatte, glotzte herüber. Sie hatte wohl mitgehört und richtete ihr Handy auf
       Raimund, und er rief: „Ja, ich bin Einwohner dieser linksgrün versifften
       Unistadt! Ich bin genetisch bedingt Anarchist und am liebsten fresse ich
       doofe Touristinnen, die in Airbnb-Wohnungen übernachten – harrr!“
       
       Er riss den Mund auf und hob die Arme, doch wir zogen ihn weiter und bogen
       gleichfalls in die Heinestraße ab. „Seht mal!“, sagte Luis. Das Kanalmobil
       war vorm Café Gum stehengeblieben, und das gelbe Blinklicht zuckte durch
       die hereinbrechende Dämmerung.
       
       ## Phett
       
       Wir gingen schneller, und Luis sagte: „Die Lady hat auf jeden Fall nicht
       lange gewartet.“ Er zeigte uns eine Push-Nachricht, in der unter der
       Überschrift „Ich sah das Fettmonster!“ ein Foto von Raimund mit
       aufgesperrtem Rachen und erhobenen Armen zu sehen war. „Na, bravo“,
       seu[1][[Link auf https://taz.de/Kai-Wegner-luegt/!6163314/]]fzte Raimund,
       „wahrscheinlich bin ich heute Abend schon in der ‚Tagesschau‘.“
       
       Wir erreichten das Gum. Petris, der Wirt, stand mit Taucherbrille und
       drohend erhobener Klobürste hinter der Theke. „Ich fass es nicht“, sagte
       Theo, „glaubst du auch an den Quatsch?“ Petris zeigte nur Richtung
       Bierlager, von wo wir es fluchen und schnaufen hörten. Drinnen beugten sich
       die Kanaljungs über den Gully im Fußboden. Sie schimpften und tobten, es
       spritzte und platschte, sie brüllten immer lauter und lauter, und wir
       traten mit gesträubten Haaren den Rückzug an und gingen hinter der Theke in
       Deckung.
       
       Plötzlich war Stille. Sie trugen einen zappelnden, tropfenden und
       übelriechenden Sack an uns vorbei und einer von ihnen sagte zu seinen
       Kollegen: „Keine Ahnung, wie lange das noch gutgeht. Sie werden immer
       größer und stärker.“ Dann verschwanden sie grußlos, und wir schauten ihnen
       verdattert nach, bis Raimund sagte: „Also, wenn jetzt nicht gleich jemand
       mit so 'nem Blitzdingsteil wie bei ‚Men in Black‘ reinkommt, krieg ich
       heute Nacht kein Auge zu.“
       
       19 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Kai-Wegner-luegt/!6163314
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Joachim Schulz
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Kolumne Die Wahrheit
 (DIR) Mischwasserkanalisation
 (DIR) Touristen
 (DIR) Fett
 (DIR) Kolumne Die Wahrheit
 (DIR) Rockmusik
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Die Wahrheit: Alarm, die Smombies kommen​
       
       Sind Handys noch für was gut? Oder killen sie die Unterhaltung in illustrer
       Gesellschaft? Ein Bericht aus dem Café Gum.
       
 (DIR) Die Wahrheit: Unendliches Missverständnis
       
       Wenn der eigene Nachbar einem sein Herz ausschüttet? Haltung zeigen! Doch
       ist der Nachbar wirklich auch der Nachbar?
       
 (DIR) Die Wahrheit: Rock ’n’ Rollator
       
       Am Tresen der Stammkneipe läuft in brüllender Lautstärke Musik von
       Rockdinos, womit nicht alle der Stammgäste uneingeschränkt einverstanden
       sind.