# taz.de -- Die Wahrheit: Grünkohl von Gottes Gnaden
       
       > Auf der alljährlichen Riesenparty der globalen Gottheiten war wieder die
       > Hölle und Margot Luther Käßmann los.
       
 (IMG) Bild: Andere zu umarmen ist Lakshmis größte Leidenschaft Foto: Imago
       
       Aua, aua, aua! Gott erwachte mit dem schlimmsten Kater seit zweitausend
       Jahren. Bis in jede einzelne weiße Bartspitze hinein spürte er den
       vehementen Schmerz. Doch in seinem Innersten bahnte sich eine weitaus
       dramatischere Katastrophe an. Tief in ihm rumorte eine Melange aus Korn und
       Bier, Wurst und Speck, Kassler und Pinkel und vor allem Grünkohl. Gekrümmt
       wie ein altes Mütterlein ließ Gott einen gewaltigen Fleischfurz fahren, der
       mindestens bis zum Planeten Beteigeuze an der Schulter des Orion zu hören
       war.
       
       Die Antwort kam prompt und leise: ein Stöhnen, Seufzen, Schnarchen.
       Vorsichtig lupfte der Allmächtige die Bettdecke. Ein diabolischer
       Eigengestank schlug ihm entgegen. Er erstarrte. Denn neben ihm lag nackt
       schlafend wie betäubt Lakshmi, die indische Göttin des Glücks und des
       Wohlstands. Lakshmi! Nackt! In! Seinem! Bett!
       
       Bruchstückhaft erinnerte er sich an achtarmige, kamasutratechnisch
       ordnungsgemäß durchgeführte Umklammerungen, die ihm, der sonst mit dem
       Thema Ehehygiene und artverwandten Verrichtungen wenig anfangen konnte,
       jetzt einen wohligen Schauer den verschwitzten Rücken hinabjagten. Am
       liebsten aber hätte er das Mosaik der Ereignisse nicht vervollständigt,
       denn langsam wurde ihm gewahr, was am Abend zuvor Unglaubliches geschehen
       war.
       
       Turnusgemäß war er in diesem Jahr zuständig für das alljährliche Fest der
       globalen Gottheiten, bei dem nicht nur die Monos von Allah bis Manitou,
       sondern auch die Philos, also sämtliche Götterfamilien der nordischen Asen,
       der griechischen Olympier oder der indischen Trimurti und ihre Sippen
       heranrauschten und bis zum Gehtnichtmehr feierten. Von den Inkarnationen
       und Halbgöttern, Religionsstiftern und Naturwesen ganz zu schweigen, die
       zarathustrahart auf die Party des Jahres drängten.
       
       ## Spektakuläre Spiele
       
       Wer zur Hölle aber war bloß auf die Schnapsidee mit dem norddeutschen
       Protestantismus gekommen? Na klar! Der alte Petrus, der längst schon kein
       Fels mehr im Paradiesgeschäft war und auch sonst kaum mehr bei Sinnen,
       hatte ihm für die Organisation des Programms einen erfahrenen Engel namens
       Ahlenfelder empfohlen. Petrus zufolge stammte der rundliche Cherubim von
       der Bremer Wolke sieben und kannte sich aus mit spektakulären Spielen, denn
       das sollte es werden: ein Spektakel! Wenn Gott schon die Mega-Sause
       ausrichtete, dann musste es auch richtig funzen. Die Riesenparty voriges
       Jahr in Mekka, bei der Allah alles aufbot, was die Kaaba hergab, wollte
       Gott unbedingt übertreffen. Deshalb hatte dieser dicke Ahlenfelder
       vorgeschlagen, ein Grünkohlessen mit Pinkel zu veranstalten. Und als
       Höhepunkt des Abends gebe es etwas ganz, ganz Besonderes.
       
       Fröstelnd zog Gott die Bettdecke bis zum Hals und traute seinen Augen
       nicht. Ein weiterer zierlicher Fuß kam zum Vorschein. Aber selbst Lakshmi
       hatte nur zwei Fersen, und gewiss keine satanischen. Gott hob die Decke
       erneut leicht an und riss die Augen auf wie ein Erdhörnchen vor einem
       Wiesel. Neben Lakshmi lag schnorchelnd hingegossen Margot Luther Käßmann.
       In voller Pracht! Im Evakostüm! Nicht einmal ein Feigenblatt zierte den
       unverhüllten Körper der Altbischöfin, die sich an Lakshmi schmiegte.
       
       Schlagartig fiel Gott ein, was geschehen war. Erst gab es reichlich
       Grünkohl nach Oldenburger Art mit Kartoffeln, Kassler und Kochwurst und
       Pinkel von der Fleischerei Meerpohl, was selbst den mäkeligen Indern
       durchaus gemundet hatte, danach Alten Hullmann. Und der 35-prozentige Korn
       ließ alle Dämme brechen. Der Partyplaner Ahlenfelder hatte sich nämlich als
       Showact tatsächlich etwas ganz Besonderes ausgedacht.
       
       ## Diakonische Schule
       
       Alle Gottheiten wurden ins niedersächsische Rotenburg an der Wümme gekarrt.
       Erstmals wurde dort eine diakonische Schule nach Margot Luther Käßmann
       benannt, der einstigen Hannoveraner Landesbischöfin und Ratsvorsitzenden
       der Evangelischen Kirche in Deutschland. Die neuen Unterrichtsfächer
       Ampelüberfahren und Dauerlabern in Talkshows hatten heute in der frisch und
       fromm getauften Käßmann-Schule Pause, dafür floss zu Ehren der
       protestantischen Halbgöttin bei der ganz und gar nicht puritanisch
       schlichten Feierstunde der Hullmann in Strömen. Als auch noch Schwester
       Käßmann auf Vorschlag von Zeus zur Grünkohlkönigin gewählt wurde, war es
       mit dem Frieden unter den Göttern vorbei.
       
       Eifersüchtig schleuderte Hera, die den royalen Posten für sich selbst
       beanspruchte, einen der Blitze ihres Gatten Zeus, der als Stier Margottchen
       hinterherschnaubte, auf die Queen of Green, die sich in die Arme Gottes
       rettete. Der Blitz verfehlte Käßmann nur knapp, setzte jedoch Wotans
       rauschenden Bart in Flammen, der sich und sein Gesichtsgewächs nur durch
       einen beherzten Sprung in die Wümme retten und löschen konnte. Über den
       Rest der Nacht und wie Lakshmi den flotten Dreier auf den Weg brachte, legt
       des Bänkelsängers Höflichkeit hier besser das Schweigen des
       Wintermäntelchens.
       
       Gott allerdings war sich sicher, dass der Teufel hinter Ahlenfelders
       Grünkohlplan steckte. Das Letzte, an das er sich erinnerte, war das
       sardonische Lachen des kugelrunden Engels zur Geisterstunde um Mitternacht,
       als das Chaos seinen Höhepunkt erreichte und die Diakonissen von Rotenburg
       mit den höheren Wesen der jenseitigen Welt beim Ententanz die Löcher aus
       dem Käse fliegen ließen.
       
       Aua, aus, aua! Gottes Schädel brummte, in seinem Bauch rumpelte es.
       Behutsam stahl er sich aus dem Bett und steuerte die Toilette an, wo er
       seinen Lieblingsroman von H. P. Lovecraft in die Realität umsetzte: „Berge
       des Wahnsinns“.
       
       27 Jan 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Michael Ringel
       
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