# taz.de -- Die Wahrheit: Gesichtsmatratzen rasieren
       
       > Warum die Wahrheit und die Mullahs nie Freunde wurden und niemals werden.
       > Zum Iran-Krieg 2026 eine Reminiszenz an die „Ajatollah-Affäre“ im Jahr
       > 2000.
       
 (IMG) Bild: Chamenei und Chomeini – Brüder im düsteren Geiste Foto: ap
       
       Nachdem ich am 1. Februar 2000 als Wahrheit-Redakteur meine Stelle antrat,
       dauerte es genau eine Woche bis zum ersten Skandal: die „Ajatollah-Affäre“.
       Was hatte der Ajatollah Chomeini vor seinem Machtantritt 1979 im Pariser
       Exil getrieben? Dieser Frage ging der Wahrheit-Autor Gerhard Henschel nach
       und [1][dachte sich allerhand aus:] In einem Revuetheater namens Chez ma
       Cousine hätte Chomeini SM-Orgien beigewohnt und sich die Kante gegeben, wie
       ein Türsteher des Etablissements dem französischen Satiremagazin Le Canard
       enchainé gesteckt hätte.
       
       [2][Henschel] schrieb seit 1995 für die Wahrheit-Seite der Berliner
       Tageszeitung taz. Gemeinsam mit [3][Wiglaf Droste] veröffentlichte er 1996
       auf der Seite als Vorabdruck den satirischen Roman [4][„Der Barbier von
       Bebra“], in dem ein Bartmörder ostdeutsche Bürgerrechtler auf bizarre Art
       um die Ecke bringt. Daraufhin riefen die Bundestagsabgeordneten Vera
       Lengsfeld und Konrad Weiß, die damals für die Bündnisgrünen im Parlament
       saßen, zum Boykott der taz auf. Die taz wies diesen Versuch einer Zensur
       entschieden zurück.
       
       Die Satire über Chomeini in Paris griff die extrem gewalttätigen Ereignisse
       im Iran auf und suchte ihre psychologischen Ursachen in der Person des
       schiitischen Religionsführers, der den britisch-indischen Schriftsteller
       [5][Salman Rushdie wegen seines Romans „Die satanischen Verse]“ mit einer
       Fatwa belegt hatte, was zu weltweiten Protesten von Muslimen führte.
       
       Henschels Satire über Chomeinis Sadomaso-Vorlieben schlug zumindest hohe
       Wellen im Kleinen. Kurz nach der Veröffentlichung protestierte die
       iranische Botschaft in Berlin gegen den Text, sodass sich die Chefredaktion
       der taz gezwungen sah, eine Erklärung abzugeben, um die Lage zu beruhigen,
       denn die iranischen Diplomaten stießen massive Drohungen aus.
       
       ## Ein Konflikt zwischen Ernstlern und Humoristen
       
       Aber auch innerhalb der Redaktion gab es Unmut. Die damalige
       Frankreich-Korrespondentin Dorothea Hahn rief in der Wahrheit an und
       beschwerte sich über die Verletzung des Gebietsschutzes. Als
       Korrespondentin hätte sie allein das Recht, in ihrem Berichtsgebiet Artikel
       zu verfassen, außerdem hätte sie recherchiert, dass es gar kein
       Revuetheater Chez ma Cousine gebe, und beim Canard wisse man nichts von
       einem Türsteher, der Interna über Chomeini ausgeplaudert habe.
       
       Ob ihr klar sei, dass der Text komplett fiktiv sei, fragte ich sie. Nach
       einem sehr lange Sekunden währenden Schweigen legte sie auf, schrieb aber
       später eine Mail, in der sie wissen wollte, „welche Vorteile daraus für die
       Zeitung und ihre Mitarbeiter erwachsen“. Schließlich wollte sie wissen,
       „was die Leserinnen davon haben“.
       
       Die Leser hielten sich ebenfalls nicht zurück, wie ein exemplarischer
       Leserbrief zeigte: „Wer solche erfundenen Skandalgeschichten lanciert,
       verfolgt damit ganz bestimmt Absichten, nämlich in diesem Falle den sich
       anbahnenden Dialog mit den VertreterInnen der Politik und Kultur Irans zu
       sabotieren. Es geht Ihnen darum, die Entdämonisierung des ‚Mullahregimes‘
       um jeden Preis zu verhindern, und sei es mit Verleumdungen auf primitivstem
       Niveau.“ Primitive Sabotage bei der Entdämonisierung vom Massenmördern –
       auch eine Art, die satirische Arbeit der Wahrheit zu beschreiben. Wir
       würden es eine derbe Art der Aufklärung über scheinheilige Heilige nennen.
       Oder: Gesichtsmatratzen rasieren.
       
       Wie danach des Öfteren entwickelte sich die Affäre zu einem Konflikt
       zwischen Ernstlern und Humoristen, dessen Antipoden das Auslandsressort und
       die Wahrheit-Redaktion sind. Das Ausland fürchtete sich, ihre durch
       exzellente Expertise gewonnene Reputation und die daraus gewonnenen
       Möglichkeiten der Berichterstattung zu verlieren, die Wahrheit fürchtete
       sich vor nichts. Oder wie es ein ehemaliger taz-Medienredakteur einmal
       sinngemäß beschrieb: Die Hardliner verzweifelten an ihrer
       Wirkungslosigkeit, während den Radaubrüdern von der Wahrheit ihre Wirkung
       egal war, was sie umso wirkungsvoller werden ließ.
       
       Tatsächlich hatte die Ajatollah-Affäre erhebliche Auswirkungen: Die taz
       konnte keinen Korrespondenten für den Iran mehr akkreditieren. Selbst der
       WDR-Korrespondent Björn Blaschke mit Sitz in Amman, der für die Wahrheit zu
       dieser Zeit [6][wundervolle Kolumnen] über den Alltag im Nahen Osten
       verfasste, bekam Probleme. Und auch ein Auslandsredakteur, der private
       Beziehungen nach Teheran hatte, war in seiner Lebensplanung betroffen,
       wollte er doch als Berichterstatter in die iranische Hauptstadt gehen, was
       ihm nun verwehrt blieb.
       
       ## Die „Mullah-Affäre“
       
       Nach mehreren Telefonaten mit dem Bundesaußenministerium, das die
       iranischen Geschäftsträger darauf hinwies, dass es in Deutschland
       Pressefreiheit gebe, entschloss sich die Chefredaktion, zur Abkühlung der
       Gemüter eine Abbitte zu veröffentlichen: „Die Redaktion wollte durch den in
       der taz vom 7. 2. 2000 erschienenen Artikel von Gerhard Henschel (‚Was der
       Ajatollah Chomeini in Paris trieb‘) nicht den Eindruck erwecken, Chomeini
       sei ein sadistischer, sex- und trunksüchtiger Mann gewesen. Keines der in
       dieser Satire beschriebenen Ereignisse in Paris hat tatsächlich
       stattgefunden. Sämtliche angeblichen Zitate aus der französischen Zeitung
       Le Canard enchainé waren komplett erfunden.“
       
       Ein Kompromiss, mit dem alle Beteiligten leben konnten, auch der iranische
       Botschafter, dem die seinerzeit großartigen Geschäfte zwischen dem Iran und
       Deutschland letztlich wichtiger waren als ein unbedeutender Artikel in
       einer unbedeutenden Zeitung, wie sie es offenbar ihrer Kommandozentrale zu
       Hause verkauften.
       
       Auch der Autor Henschel war mit dieser Erklärung sehr einverstanden,
       erreichte sie doch eigentlich das Gegenteil, wie er in seinem 2025
       erschienenen „Großstadtroman“ mit Rückblick auf die Affäre schrieb: „Womit
       der Sadist Chomeini gleich noch einmal in den Ruch der Sex- und Trunksucht
       gerückt wurde, aber so hatten es die Mullahs ja gewollt.“
       
       Damit wäre gut eine Ruhe im Islamisten-Fach gewesen, wäre nicht ein Jahr
       später am 13. Februar 2001 die „Mullah-Affäre“ losgebrochen. Ein obszöner
       Vers über das Gesäß Allahs führte zu tausenden Leserbriefen,
       Unterschriftenlisten in ägyptischen Moscheen, einer Titelseite in der
       türkischen Boulevard-Zeitung Hürriyet und zu einer Bombendrohung per Mail:
       „taz wird in die Luft springen. Versprochen.“ Absender:
       „Osama@binladen.com“. Und das war noch vor dem 11. September!
       
       Und wieder musste ich als Wahrheit-Redakteur alles erklären, was in den
       heute gern zitierten Satz mündete: „Es gibt ein Menschenrecht auf
       Meinungsfreiheit und Albernheit.“
       
       Die Wahrheit und die Mullahs wurden niemals Freunde. Chomeini, Chamenei,
       bin Laden – heute sind sie aus ihrem Gesichtsmatratzen-Paradies vertrieben
       und tot. Veritas omnia vincit. Die Wahrheit überlebt sie alle.
       
       3 Mar 2026
       
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