# taz.de -- Frauke Brosius-Gersdorf im Gespräch: „Sagt den Töchtern, sie können alles werden“
> Eine rechte Kampagne verhinderte, dass Brosius-Gersdorf
> Verfassungsrichterin wurde. Wie sie heute darauf blickt – und was sie
> sich für die Zukunft wünscht.
(IMG) Bild: Sie sei durch die Ereignisse im Sommer 2025 politischer geworden, sagt Frauke Brosius-Gersdorf
taz: Frau Brosius-Gersdorf, wie linksradikal sind Sie?
Frauke Brosius-Gersdorf: Ich habe in den letzten Monaten fast jede
Beschreibung abbekommen, von linksradikal über neoliberal bis hin zu
faschistisch. Wenn es nicht so traurig wäre, wäre es lustig. Letztlich kann
ich nur alle ermuntern, JournalistInnen wie die Öffentlichkeit, sich
sachlich zu informieren und ein vollständiges Bild über eine Person zu
machen.
taz: Wie schauen Sie heute auf den [1][vergangenen Sommer] zurück?
Brosius-Gersdorf: Einerseits mit Erleichterung, dass es vorbei ist. Das war
schon ein [2][Ausnahmezustand in meinem Leben]. Wochenlang Gegenstand der
Berichterstattung und der politischen Debatte zu sein, das muss man erst
mal aushalten. Niemand hatte vor meiner Nominierung mit so etwas gerechnet,
ich auch nicht. Andererseits ist da aber auch Entsetzen. Gerade im
Nachhinein ist klar geworden, wie wirkmächtig Kampagnen von verschiedenen
Seiten ineinandergegriffen und die Politik vor sich hergetrieben haben.
taz: Wie organisiert war, was da passiert ist?
Brosius-Gersdorf: Der Thinktank Polisphere hat herausgearbeitet, dass –
schon bevor mein Name allgemein publik wurde – verschiedene Kräfte getestet
haben, welches meiner Themen in Politik und Öffentlichkeit besonders
zündet. Als man merkte, dass sich das AfD-Verbotsverfahren nicht so gut
eignete, kam der Schwangerschaftsabbruch. Das verfing besonders in
Unionskreisen, also hat man das Thema groß gemacht. Das zeigt den
Kampagnencharakter deutlich.
taz: Von wem gingen diese Kampagnen aus?
Brosius-Gersdorf: Es waren sehr stark rechtsnationale Kreise, die gegen
mich agitiert haben. Man hatte Sorge, dass ich als Mitglied des Zweiten
Senats des Bundesverfassungsgerichts mitzuständig sein würde für ein
mögliches AfD-Verbotsverfahren. Leider war die Fähigkeit dieser Kreise, zu
verstehen, was ich gesagt hatte, offenbar eingeschränkt. Denn ich habe
immer auf die hohen Hürden und Risiken hingewiesen, die mit einem
Parteiverbotsverfahren verbunden sind.
taz: Wer steckte noch dahinter?
Brosius-Gersdorf: [3][Katholische Kreise], die auf verschiedenen Wegen
versucht haben, Einfluss auf die Politik zu nehmen. Ein Erzbischof sagte,
ich sei ein Abgrund an Intoleranz und Menschenverachtung. Wir haben später
telefoniert, er hat seine Aussage bedauert. Aber da ist insgesamt viel
Unchristliches geschehen.
taz: Abgeordnete des Bundestags haben von einer Flut von Mails berichtet.
Gingen die auch an Sie?
Brosius-Gersdorf: Die E-Mails mit der Aufforderung, mich nicht zu wählen,
gingen an Accounts der Unionsfraktion. Vieles ging aber auch an meinen
Lehrstuhl. Ich habe zum Beispiel anonym einen Haufen Bibeln geschickt
bekommen, damit ich doch noch auf den rechten Weg zurückfinde. Die Hoffnung
sollte man ja nie aufgeben. Und es wurden auch in sozialen Medien
Unwahrheiten über meine wissenschaftlichen Positionen verbreitet, zum
Beispiel zum Schwangerschaftsabbruch. Auch einzelne Leitmedien haben die
Kampagne mitbetrieben. All das führte dazu, dass sich Abgeordnete der
Unionsfraktion – einige, nicht alle – davon haben treiben lassen. Sie haben
es nicht geschafft, sich sachlich zu informieren.
taz: Ist die Union noch Mitte der Gesellschaft?
Brosius-Gersdorf: Natürlich bewegen sich viele Abgeordnete in der Mitte und
haben sich auch ein differenziertes Bild von mir gemacht. Aber es gibt eben
auch Bestrebungen, liberale Tendenzen, die mir zugeschrieben wurden,
abzulehnen. Getreu dem Motto: Merkel is over, jetzt wird wieder richtig
konservative Politik gemacht. In diesem Machtkampf innerhalb der Union bin
ich zwischen die Fronten geraten.
taz: Hatte die Kampagne eine misogyne Komponente?
Brosius-Gersdorf: Ich sehe das heute immer stärker. Ich sage Ihnen ganz
offen: Ich wollte am Anfang nicht, dass das Ganze zu sehr auf die
Frauenschiene rutscht. Ich hatte Sorge, dass damit das eigentliche Problem
– die Politisierung der Richterwahl – in den Hintergrund rückt. Aber
natürlich gab es stark frauenfeindliche Komponenten. Sie müssen sich nur
anschauen, wie in sozialen Medien gegen mich gehetzt wurde und wird.
taz: „Die Richterin des Grauens“, die „verbrannte Hexe“?
Brosius-Gersdorf: Da gibt es noch Schlimmeres, zutiefst sexistische und
widerwärtige Äußerungen, die ich hier nicht wiedergeben werde. Gleichzeitig
muss man sagen, dass es in der Kampagne zum Teil nicht um mich als Person
ging.
taz: Sondern?
Brosius-Gersdorf: Man hat versucht, die bestehende Regierung
auseinanderzutreiben. Wäre die Koalition zerbrochen, hätte die Option
bestanden, dass die Unionsfraktion eine Minderheitsregierung bildet oder in
eine Koalition mit der AfD gedrängt wird. Man wollte die Unionsfraktion
dazu bringen, mich nicht zu wählen, während die Fraktionen der SPD, Grünen
und Linken geschlossen hinter mir standen. Ich habe meine Kandidatur auch
deshalb zurückgezogen, weil ich verhindern wollte, dass die Regierung
scheitert. Denn: Was wäre dann gekommen?
taz: Einer der Punkte, an denen sich die Kampagnen gegen Sie aufhängten,
war der Schwangerschaftsabbruch. Ab März 2023 waren Sie Mitglied einer
[4][ExpertInnen-Kommission], die die Ampelregierung eingesetzt hatte. Die
Kommission empfahl, dass Abbrüche in den ersten zwölf Wochen legal sein
sollten. Hätten Sie sich damals vorstellen können, dass das Thema später so
brisant für Sie werden könnte?
Brosius-Gersdorf: Nein, dazwischen lag ja einige Zeit. Vonseiten einzelner
Abgeordneter der Unionsfraktion kam zwar schon damals Widerspruch gegen
unseren Kommissionsbericht. Zwei Abgeordnete warfen uns vor, wir hätten
geliefert wie bestellt …
taz: … etwa die heutige [5][Forschungsministerin Dorothee Bär] von der CSU
…
Brosius-Gersdorf: … was eine Unverschämtheit gegenüber der Wissenschaft
ist. So ist das eben, wenn man unabhängige Wissenschaft beauftragt: Da
kommt manchmal etwas raus, was der Politik nicht passt. Aber damals wusste
ich ja noch nicht, dass ich je für eine Richterinnenstelle und die
Vizepräsidentschaft am Bundesverfassungsgericht nominiert werden würde.
Deshalb gab es da für mich keinen Zusammenhang. Zumal ich mich mit dem
[6][Thema Schwangerschaftsabbruch] vorher nicht beschäftigt hatte. Ich
setze mich eher mit solchen Dingen wie Sozialversicherungsrecht, Schulrecht
und dem demografischen Wandel auseinander.
taz: Haben Sie mal bereut, zu Abbrüchen gearbeitet zu haben?
Brosius-Gersdorf: Das werden Sie nicht gerne hören, aber mich hat das Thema
gar nicht so sehr interessiert. Ich fand dann allerdings die Arbeit, die
wir als Kommission geleistet haben, interessant und wichtig. Ich habe in
der intensiven Diskussion mit den hochkarätigen Kolleginnen auch
dazugelernt, und ich stehe hinter jedem Punkt des Berichts.
Wissenschaftlich bereue ich die Arbeit also nicht. Aber letztlich war das
der Grund, dass ich nicht ans Bundesverfassungsgericht gekommen bin. Tja.
taz: Ist Ihre wissenschaftliche Position zu Abbrüchen auch Ihre private?
Brosius-Gersdorf: Ich war als Wissenschaftlerin zu dem Punkt gefragt und
habe darauf eine rein juristische Perspektive – die, die ich
verfassungsrechtlich für richtig halte.
taz: Die Kommission hat aufgezeigt, dass die ersten drei Monate einer
Schwangerschaft in Deutschland verfassungsrechtlich nicht stimmig geregelt
sind. Ein Abbruch ist derzeit illegal, bleibt aber unter bestimmten
Auflagen straffrei.
Brosius-Gersdorf: Aus Sicht unserer Kommission besteht da Korrekturbedarf.
Das ist das Ergebnis einer sehr komplexen Güterabwägung zwischen den
Grundrechten der Schwangeren und denen des Embryos.
taz: Wollten die Deutschen einfach nicht hören, dass die Schwangere und der
Embryo nicht zu jedem Zeitpunkt dieselbe Garantie auf Menschenwürde haben
können?
Brosius-Gersdorf: Wir haben es als Kommission gewagt, auf ein Dilemma
hinzuweisen: Die Menschenwürdegarantie gilt als unabwägbar. Wenn sie
allerdings für das ungeborene Leben ab Einnistung gilt, wäre ein
Schwangerschaftsabbruch in keinem Fall zulässig, auch dann nicht, wenn das
Leben der Mutter in Gefahr ist. Der Abbruch bei medizinischer Indikation
ist aber schon nach geltender Rechtslage zulässig, und zwar zeitlich
unbeschränkt. Die Menschenwürdegarantie muss also entweder abwägbar sein
oder für das ungeborene Leben nicht gelten. Es ist schade, dass es nicht
gelungen ist, der Politik dieses Dilemma zu vermitteln.
taz: Repräsentative Umfragen zeigen, dass die überwiegende Mehrheit der
Deutschen die Kommissionsempfehlung teilen, dass Abbrüche in den ersten
zwölf Wochen legal und straffrei sein sollten.
Brosius-Gersdorf: Es sind etwa drei Viertel der Bevölkerung, und zwar über
Parteigrenzen hinweg, auch unter AnhängerInnen der AfD. Mit wem auch immer
ich aus der Bevölkerung gesprochen habe: Die haben unseren Vorschlag, den
Schwangerschaftsabbruch in den ersten zwölf Wochen rechtmäßig zu stellen,
und die Gründe dafür verstanden. Das Problem war, dass das Unionskreisen
teilweise nicht gelungen ist.
taz: Wie groß schätzen Sie den Einfluss der AfD auf die Unionsfraktion ein?
Eine zentrale Figur der sogenannten Lebensschutzszene ist [7][Beatrix von
Storch], die Kanzler Friedrich Merz im Plenum unter Druck gesetzt hat, als
es um Ihre Wahl ging.
Brosius-Gersdorf: Die AfD hat kräftig mitgemischt bei der Verhinderung
meiner Richterwahl. Frau von Storch hat eine aktive Rolle gespielt.
taz: Sehen wir an den Ereignissen, dass die Wahl der
VerfassungsrichterInnen reformiert werden muss?
Brosius-Gersdorf: Meine gescheiterte Wahl hat gezeigt, wie problematisch
das jetzige Verfahren sein kann. Vorher bestand der politische Konsens,
dass die KandidatInnen der anderen Fraktionen gewählt werden – es sei denn,
es bestehen gravierende fachliche oder persönliche Einwände gegen sie, die
dann frühzeitig geäußert wurden. Ich bin zwar mit Zweidrittelmehrheit durch
den Richterwahlausschuss gekommen, trotzdem wurde die Wahl im Plenum
abgesagt. Weil man die Befürchtung hatte, dass sie scheitert.
taz: Wie ließe sich das ändern?
Brosius-Gersdorf: Bis 2015 hat nur der Richterwahlausschuss des Bundestags
die RichterInnen gewählt. Die Frage ist, ob man zu diesem Verfahren
zurückkehrt. Es könnte vorteilhaft sein, weil dann ausschließlich
FachpolitikerInnen, also JuristInnen, über die Wahl entscheiden würden. Es
geht ja nicht um ein politisches, sondern um ein juristisches Amt bei einer
Richterstelle am Bundesverfassungsgericht. Das Gegenargument ist, dass dann
die breite demokratische Legitimation aus dem Plenum fehlte.
taz: Wenn zu lange gezögert wird, besteht die Gefahr, dass es kommt wie in
den USA: Dort hat eine autokratische Regierung die [8][Besetzung des
Obersten Gerichts] beeinflusst, das dann unter anderem das Recht auf
Schwangerschaftsabbruch gekippt hat.
Brosius-Gersdorf: Es gäbe noch einen anderen Weg als Reformen: dass wir
zurückkehren zum früheren politischen Konsens. So würden weder das
Bundesverfassungsgericht noch die KandidatInnen beschädigt. Aber Sie haben
recht: Wenn jetzt nichts geschieht, besteht die Gefahr, dass wir bei der
nächsten Wahl in einigen Jahren sehen werden, welcher Schaden im letzten
Sommer tatsächlich entstanden ist.
taz: Schon jetzt wird sich doch etwa keine Wissenschaftlerin mehr
aufstellen lassen, die sich mit Abbrüchen beschäftigt hat.
Brosius-Gersdorf: Das ist die große Gefahr. Möglicherweise kommen keine
WissenschaftlerInnen mehr ans Gericht oder nur sehr leise, angepasste Leute
ohne kritikfähige Thesen. Aber was nützt eine Wissenschaft ohne Thesen? Mir
wurde ja unter anderem vorgeworfen, dass ich meine wissenschaftlichen
Positionen thesenstark in die Öffentlichkeit gebracht habe. Letztlich ist
das eine Delegitimierung von Wissenschaft.
taz: Die nächste Wahl fürs Bundesverfassungsgericht ist erst 2030.
Vielleicht gibt es aber schon im Herbst ein Problem: Dann sind Wahlen in
Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt. Die AfD könnte in den Landtagen
dort mehr als ein Drittel der Sitze bekommen. Was bedeutet das für die
Verfassungsgerichte in den Ländern?
Brosius-Gersdorf: Es könnte dazu führen, dass Richterwahlen durch die AfD
blockiert werden, wie es bereits in Thüringen passiert ist. Wir müssen
darüber nachdenken, wie das verhindert werden kann. Aber es gibt da eine
Schwierigkeit.
taz: Welche?
Brosius-Gersdorf: Nicht nur das Wahlverfahren, auch das Vorschlagsrecht
muss möglicherweise reformiert werden, auch für das
Bundesverfassungsgericht. Bisher dürfen nur Union, SPD, Grüne und FDP
KandidatInnen für das Bundesverfassungsgericht vorschlagen. Dabei ist die
FDP gar nicht mehr im Bundestag.
taz: Was schlagen Sie vor?
Brosius-Gersdorf: Man kann die Auffassung vertreten: Jede Fraktion, die im
Bundestag ist, muss ein Vorschlagsrecht haben. Diese Frage stellt sich
entsprechend auch auf Landesebene. Aber das ist ein Tabu. Wenn man das
anspricht, wird man in die rechte Ecke gerückt.
taz: Sie fordern, dass AfD und Linke ein Vorschlagsrecht für neue
VerfassungsrichterInnen haben sollten?
Brosius-Gersdorf: Bei der AfD ist die Antwort nicht so einfach, weil sie
vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuft wurde.
Aber sie ist eben nicht vom Bundesverfassungsgericht verboten, es gibt
nicht einmal einen Verbotsantrag. Für die Linke: Ja. Die hätte im letzten
Sommer übrigens gute Gründe gehabt, meine Wahl zu instrumentalisieren, das
hat sie aber nicht getan.
taz: Welche Gründe meinen Sie?
Brosius-Gersdorf: Kurz vorher war eine Abgeordnete der Linken nicht ins
Parlamentarische Kontrollgremium gewählt worden, also in das Gremium, das
unsere Nachrichtendienste und das Bundesamt für Verfassungsschutz
kontrolliert. Es ist deshalb in meinen Augen aktuell verfassungswidrig
besetzt.
taz: Würden Sie der Linken empfehlen, dagegen zu klagen?
Brosius-Gersdorf: Ja, zumal die Wahl nun schon ein zweites Mal nicht
geklappt hat. Natürlich kann es Gründe geben, KandidatInnen abzulehnen. Es
geht schließlich um die Kontrolle der Geheimdienste, das müssen absolut
vertrauenswürdige Personen sein im Ausschuss. Aber wenn man Zweifel daran
hat, muss man die Gründe benennen und nicht einfach auf die sogenannte
Brandmauer zur Linken verweisen. Im Grundsatz gilt nach unserer Verfassung,
dass die Ausschüsse des Bundestags spiegelbildlich zur Stärke der
Fraktionen im Plenum besetzt werden müssen.
taz: Zurück zu Ihnen: Sind Sie heute eine andere Person als vor dem
vergangenen Sommer?
Brosius-Gersdorf: Ich bin eine politischere Person geworden.
taz: Haben sich auch Ihre Positionen verändert?
Brosius-Gersdorf: Das nicht. Aber ich nehme mit noch mehr Interesse und
noch kritischer wahr, was in der Tagespolitik vor sich geht. Ich bin
übrigens nie Mitglied einer Partei gewesen, um das auch mal klarzustellen.
Ansonsten, hoffe ich, bin ich einigermaßen dieselbe geblieben. Das war mir
wichtig: mir als Mensch treu zu bleiben.
taz: Haben Sie abgeschlossen mit der Richterwahl?
Brosius-Gersdorf: So schnell kann ich damit nicht abschließen, nein. Aber
ich habe kein großes Bedürfnis mehr, noch viel darüber zu sprechen, was
letztes Jahr passiert ist. Ich finde viel wichtiger, was wir daraus lernen
können.
taz: Was denn?
Brosius-Gersdorf: Wir haben alle gemerkt, was nicht gut läuft in diesem
Land. Dass Debatten mitunter nicht sachlich geführt werden, hat man neben
der Aufregung um mich auch am [9][Umgang mit Dunja Hayali nach ihren
Äußerungen zu Charlie Kirk] gesehen. Auch der [10][Umgang mit Sophie von
der Tann], die aus dem Nahen Osten berichtet, zeigt das. Wir brauchen eine
andere Diskussionskultur. Das kann auch gelingen.
taz: Wie?
Brosius-Gersdorf: Soziale Medien müssen stärker reguliert und kontrolliert
werden, auch einzelne Leitmedien müssen sich hinterfragen, ob sie noch
Qualitätsjournalismus machen und faktenbasiert berichten. Und wir alle
sollten mit mehr Achtung und Respekt Andersdenkenden begegnen. Die Politik
hat sich treiben lassen, auch von rechtsnationalen Kräften. Es ist gut,
dass wir da aufgewacht sind und gemerkt haben, dass unsere Demokratie in
Bedrängnis geraten kann.
taz: Haben Sie weiter vor, sich öffentlich einzumischen?
Brosius-Gersdorf: Ich habe meine Professur in Potsdam, die ich wieder mit
Freude ausübe. Aber ich bin keine Wissenschaftlerin im Elfenbeinturm, die
nur im stillen Kämmerlein vor sich hin forscht. Das muss nicht jeder so
halten, aber ich persönlich finde die Transferfunktion der Wissenschaft
wichtig. Sie können sicher sein, dass ich mich auch weiter einbringe.
taz: Stünden Sie noch als Richterin in herausgehobener Stellung zur
Verfügung?
Brosius-Gersdorf: Eine Richterinnenstelle am Bundesverfassungsgericht wird
wohl nicht mehr in Betracht kommen. Aber für interessante Positionen stehe
ich selbstverständlich weiter zur Verfügung, vor allem, wenn das unserem
Land nützt. Ich finde es wichtig, dass das, was ich erlebt habe, mich und
andere nicht mundtot macht, gerade als Frau nicht. So leicht lasse ich mich
nicht einschüchtern. Darf ich noch einen Wunsch äußern?
taz: Bitte!
Brosius-Gersdorf: Als ich ins Fernsehen gegangen bin, war das auch für alle
Frauen im Land. Ich wollte keine sein, die wochenlang mit dem Rücken an der
Wand steht und sich mit Mist beschmeißen lässt. Ich wünsche mir, dass sich
junge Frauen nicht entmutigen lassen von dem, was mir passiert ist. Das
darf nicht wieder passieren. Ich sage meinen Studierenden weiter: Steckt
euch eure Ziele hoch! Und arbeitet hart dafür. Mir haben viele Eltern
geschrieben, die sehr unglücklich waren mit meinem Rückzug. Sie haben
gesagt: Was soll ich meinen Töchtern sagen?
taz: Was sagen Sie denen?
Brosius-Gersdorf: Ich wünsche mir, dass sie ihren Töchtern sagen: Sie
können immer noch alles werden und erreichen in Deutschland.
Verfassungsrichterin oder Bundeskanzlerin oder Vorstandsvorsitzende. Von
dem, was mir passiert ist, sollte sich niemand entmutigen lassen. Jetzt
erst recht.
30 Jan 2026
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