# taz.de -- Ganztagsschule in Niedersachsen: Ministerium soll nachsitzen
> Rechtsanspruch auf Ganztag ab 2026: In Niedersachsen formiert sich
> massiver Widerstand gegen die Pläne der Landesregierung.
(IMG) Bild: Schlecht ausgestattet könnten Schulen ihren Bildungsauftrag nachmittags nicht erfüllen, warnen Verbände
Auch am Nachmittag gemeinsam spielen und lernen: Ab dem Schuljahr 2026
haben Erstklässler:innen bundesweit [1][einen Rechtsanspruch auf einen
Ganztagsschulplatz]. Wenige Monate vor dem Start ist in Niedersachsen neuer
Streit über einen Erlass des Kultusministeriums ausgebrochen. Mehrere
Schul- und Bildungsverbände werfen dem Ministerium vor, die „Bodenhaftung
verloren“ zu haben.
„Die Einführung des Rechtsanspruchs auf ganztägige Betreuung im
Grundschulalter ist eine der größten bildungspolitischen Reformen der
kommenden Jahre – für Schulen, Familien und unsere gesamte
Bildungslandschaft“, [2][sagte Niedersachsens Kultusministerin Julia Willie
Hamburg (Grüne) im Dezember].
Der Landtag hatte sich im November zum wiederholten Mal mit Fragen zur
Gestaltung des Ganztags befasst, es ging – wie seit Jahren – um Details zur
personellen und finanziellen Ausstattung. Aus Sicht der Opposition läuft es
nicht gut für die rot-grüne Regierung: „Der Ganztag kommt – aber Rot-Grün
hat keinen Plan“, so der CDU-Bildungsexperte Jörn Schepelmann. „Schulen und
Gemeinden brauchen Klarheit, nicht offene Fragen.“
Die Antworten wollte das Land mit einem neuen Erlass geben. Zum Start des
Anhörungsverfahrens versprach Ministerin Hamburg mehr Personal. Mindestens
zehn Lehrkraftstunden mehr pro Woche soll es geben, auch für kleine und
kleinste Schulen. „Mit diesem Sockelbetrag sorgen wir gezielt dafür, dass
gerade Standorte im ländlichen Raum nicht benachteiligt werden“, so
Hamburg. „So wird Ganztag überall in Niedersachsen möglich.“
## Sorge vor Flickenteppich
Dabei muss nicht jede Schule nach den Plänen der Landesregierung ein
eigenes Ganztagsangebot machen. Denkbar ist zum Beispiel, dass mehrere
Schulen sich zusammentun und ein gemeinsames Nachmittagsprogramm
aufstellen. „Die Schulträger entscheiden im Rahmen ihrer Zuständigkeiten“,
heißt es [3][in der Antwort des Ministeriums auf eine Anfrage der CDU].
Auch wer – neben den Lehrkräften – welche Angebote am Nachmittag macht,
bleibt den einzelnen Schulen und Stadt- und Gemeinderäten der Kommunen
überlassen. Die Schulen können das Geld, das ihnen für Extrapersonal
zugewiesen wird, auch an freie Träger wie Sportvereine oder Musikschulen
vergeben.
Doch der Erlass sei unklar, der Bildungs- und Erziehungsauftrag trete
hinter reiner Betreuung zurück, heißt es in einem offenen Brief. Zudem
drohe, [4][wie in anderen Bundesländern], ein Flickenteppich.
Hinter dem Schreiben stehen der Schulleiterverband Niedersachsen, der
Verband der Leitungen Niedersächsischer Grundschulen (LNGS e. V.), die
Gemeinnützige Gesellschaft Gesamtschule (GGG e. V.) und die Gewerkschaft
Erziehung und Wissenschaft (GEW).
Sie kritisieren, dass die Hinweise und Vorschläge, die sie im Rahmen des
Anhörungsverfahrens eingereicht hatten, nicht in das Papier einflossen und
es auch keine Reaktion aus dem Ministerium dazu gab. Das gesamte Verfahren
sei eher „Partizipationstheater“ gewesen.
Dabei ist Ganztag eigentlich nichts Neues mehr: Im Schuljahr 2023/24 boten
bereits 1.910 der insgesamt 2.534 allgemeinbildenden Schulen in
Niedersachsen eine Betreuung am Nachmittag an, das entspricht 75 Prozent.
Im folgenden Schuljahr stellten weitere 41 Schulen den Antrag, sich zur
Ganztagsschule umzuwandeln. Die meisten Schulen machen offene Angebote, die
Eltern und Kinder freiwillig annehmen können.
Doch durch den Rechtsanspruch entsteht Druck auf die Städte und Gemeinden,
die für den Betrieb der Schulen zuständig sind. Ziel der Regelung ist es,
Kinder auch am Nachmittag zu fördern – idealerweise soll damit ausgeglichen
werden, dass in Familien unterschiedlich viel Zeit und Möglichkeit für
Hausaufgabenhilfe und außerschulische Bildung vorhanden ist.
„[5][Ganztagsschule ist so eine gute Idee“], heißt es in der Stellungnahme
der niedersächsischen Verbände. „Wer seine Schulen aber so ausstattet wie
das Land Niedersachsen, entfernt sich vom Qualitätsanspruch.“
21 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Rechtsanspruch-auf-Ganztagsbetreuung/!5942550
(DIR) [2] https://bildungsportal-niedersachsen.de/index.php?eID=dumpFile&t=f&f=14086&token=06088e5201f64d25d411afc06e2c7532909e93ab
(DIR) [3] https://www.landtag-niedersachsen.de/drucksachen/drucksachen_19_10000/09001-09500/19-09123.pdf
(DIR) [4] /Streit-um-Ganztagsbetreuung/!6091748
(DIR) [5] /Hamburger-Schulessen-wird-wieder-teurer/!6102035
## AUTOREN
(DIR) Esther Geisslinger
## TAGS
(DIR) Ganztagsschule
(DIR) Bildungspolitik
(DIR) Bildung
(DIR) Schule
(DIR) Niedersachsen
(DIR) Social-Auswahl
(DIR) Schule
(DIR) Bildung
(DIR) Ganztagsschule
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Zähneklappern im Klassenzimmer: Marode Schulen und keine Lösung in Sicht
In Schleswig-Holstein fehlt das Geld für Schulsanierungen. Die
Bildungsministerin verweist auf Bundesmittel, doch die sind für den
Ganztagsausbau.
(DIR) Hamburger Schulessen wird wieder teurer: „Einseitige Belastung der Familien“
Hamburgs Schulessen soll nach den Ferien fünf Euro pro Mahlzeit kosten. Die
Elternvertreter sind besorgt. Aber die Schulbehörde will sparen.
(DIR) Streit um Ganztagsbetreuung: Schleswig-Holstein muss noch Hausaufgaben machen
Schleswig-Holsteins Konzept für die Ganztagsbetreuung für
Erstklässler:innen stößt auf Kritik: zu wenig Fachkräfte, zu viel
Flickenteppich.