# taz.de -- SPD hat eine fixe Idee: Superreiche zur Kasse, bitte!
       
       > Mit ihrer „inhaltlich dünnen Klassenkampf-Rhetorik“ greift die SPD in die
       > Mottenkiste der antikapitalistischen Rhetorik, meint Udo Knapp. Einer
       > Stärkung ihrer Position werde das nicht helfen.
       
 (IMG) Bild: Erwartbar, wie ineffektiv: Reichensteuern sind ein Trick aus der Mottenkiste, meint unser Kolumnist
       
       [1][taz FUTURZWEI] | Die [2][SPD] entdeckt, wohl aus Verzweiflung über die
       schlechten Umfragewerte, ihre linkspopulistischen Wurzeln. Die Superreichen
       sollen endlich ordentlich zur Kasse gebeten werden.
       
       Das ist ein symbolpolitisches Signal, mehr nicht. Das Befeuern von
       Neidinstinkten wird sozialdemokratische Politik.
       
       Wenn schon der [3][Kapitalismus] und seine Reichtumsverteilung hingenommen
       werden müssen, dann soll wenigstens deren Fortschreiben über Generationen
       hinweg mit einer verschärften Erbschaftsteuer für die Milliardäre eingehegt
       werden. Aus dem Erbe der Milliardäre soll die Ebbe in den öffentlichen
       Haushalten ausgeglichen werden.
       
       Eine Million Euro „Lebensfreibetrag“ für jeden Bürger, fünf Millionen Euro
       Freibetrag für Unternehmenserben und Stundungsmöglichkeiten über 20 Jahre:
       Im Vergleich zur geltenden Regelung ist das eher eine Entlastung der
       Reicheren im Mittelstand. Die SPD hofft also auf zusätzliche Milliarden nur
       aus den ganz großen Vermögen.
       
       Nun muss man wissen, dass die Erbschaftsteuer allein den Ländern zufließt.
       Sie können frei entscheiden, wie sie zusätzliche Steuereinnahmen einsetzen
       wollen. Dass die Länder, wie von der SPD erhofft, mit den höheren Einnahmen
       in die Bildung investieren werden, ist vor dem Hintergrund ihrer chronisch
       unterfinanzierten Haushalte eher zu bezweifeln.
       
       Laut des [4][Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung] (DIW) werden
       jährlich zwischen 300 und 400 Milliarden Euro vererbt. Die Höhe der zu
       erwartenden Einnahmen bleibt jedoch unerheblich. 2024 wurden 113,2
       Milliarden an Erbschaften und Schenkungen von den Finanzämtern veranlagt,
       die Steuereinnahmen daraus betrugen im gleichen Zeitraum 10 Milliarden
       Euro.
       
       Die Differenz zwischen den vererbten Vermögen und der Veranlagung entsteht,
       weil heute schon Betriebsvermögen unter 26 Millionen Euro kaum
       Erbschaftssteuer zahlen müssen und die anderen über eine
       „Verschonungsbedarfsprüfung“ (ein ertragreicher Arbeitsauftrag für kreative
       Steuerberater) dafür sorgen können, dass auch sie kaum Erbschaftsteuer
       zahlen.
       
       Ob sich daran mit dem SPD-Vorschlag etwas ändern wird, bleibt offen, zumal
       das Bundesverfassungsgericht zur aktuell geltenden Regelung im Lauf des
       Jahres entscheiden wird. Kann durchaus sein, dass der Politik die Frage
       vorgelegt werden wird, ob es überhaupt Sinn macht, [5][Erbschaftssteuer] zu
       erheben, wie auch immer reformiert.
       
       ## Koalitionspoker und absehbare Reaktionen
       
       Bemerkenswert an dem SPD-Vorschlag ist auch, dass auf eine Angabe zur Höhe
       von Erbschaftssteuern bei den nach ihrem Vorschlag zahlungspflichtigen
       „Superreichen“ verzichtet wird. Es scheint der SPD eher um Koalitionspoker
       und dessen öffentliche Wirkung zu gehen, als um die Staatsfinanzen. Im
       Koalitionsvertrag von [6][Union] und SPD ist zudem jede Steuererhöhung
       ausgeschlossen. Warum die Union davon abweichen sollte, bleibt
       unerfindlich.
       
       Der Aufschrei der potentiellen Erbschaftssteuerzahler war absehbar, vor
       allem der mittelständischen Familienbetriebe. Sie drohen damit, ihre
       Betriebe zu schließen, zu verkaufen oder ins Ausland zu verlagern,
       Arbeitsplätze abzubauen. Das ist ein beliebter Kalauer.
       
       Einen Weltmarktführer aus dem Mittelstand in Kisten zu verpacken und in
       einem völlig anderen gesellschaftlichen Umfeld wiederaufzubauen, ist
       wirtschaftliches Harakiri. Ob möglicherweise niedrigere Löhne und
       Steuervorteile langfristig so bleiben und zu höheren Erträgen führen
       werden, ist eher unwahrscheinlich.
       
       Das gilt auch für einen Umzug nach [7][Italien], [8][Österreich] oder in
       die [9][Schweiz]. Sie erheben fast keine Erbschaftsteuern, sind aber in
       ihrer gesamtwirtschaftlichen Kraft mit den Möglichkeiten und Chancen in der
       Bundesrepublik nicht zu vergleichen.
       
       ## Erbe als Faktor unter vielen
       
       Generell gilt: Zu erwartende Erbschaftsteuern spielen bei langfristigen
       Planungen und Investitionen keine entscheidende Rolle. Sie sind nicht mehr
       als ein betriebswirtschaftlicher Faktor unter anderen, der einzupreisen
       ist. Was verantwortungsbewusste Unternehmer auch tun.
       
       Die SPD könnte auch ohne jede Erbschaftssteuer die weit gespreizte
       Einkommensverteilung nutzen, um die Finanzierungsdefizite in den
       Sozialsystemen gezielt zu reduzieren. Zum Beispiel durch die Aufhebung der
       Beitrags-Bemessungsgrenzen in der Sozial-, Kranken und
       [10][Pflegeversicherung], durch die Abschaffung der privaten
       Krankenversicherung, durch die Einbeziehung aller Erträge aus
       Kapitalanlagen und Aktiengeschäften in die Einkommensteuer.
       
       Auch linear durchgetaktete, erhöhte Abgaben und Beiträge nach
       Einkommenshöhe bei der Nutzung von öffentlichen Leistungen, die Schließung
       von Schlupflöchern bei den geltenden Steuergesetzen, sowie eine schärfere
       Besteuerung von Familienstiftungen und anderen Steuervermeidungsmodellen
       wären ein Beitrag für eine höhere Steuergerechtigkeit.
       
       Die geplante Frühstart-Rente, 10 Euro monatlich für jedes Kind bis zu
       seinem 18. Lebensjahr, schafft eine Basis für eine selbstverantwortete
       Alterssicherung neben der gesetzlichen Rente. Wie in der Schweiz könnte sie
       mit Abschluss des 18. Lebensjahres um 10.000 Euro ergänzt werden.
       
       Damit würde die ohnehin kaum aufzuhebende Reichtums-Verteilung über das
       ganze Leben hinweg in ihrer Wirkung abgemildert. Beide Leistungen könnten
       aus unbegrenzt, linear steigenden Steuerabgaben für alle gefördert werden.
       So könnte ein erneuertes sozialdemokratisches Versprechen auf soziale
       Sicherheit und ein Mindestmaß an [11][Chancengleichheit] eingelöst werden.
       
       ## Gefühle statt Mottenkiste
       
       Im Übrigen sei der SPD ein genauer Blick auf die Gefühlslage der Leute
       empfohlen. Sie sparen auch und gerade für ihre Kinder und Enkelkinder. Es
       gehört heute zur gezielt angestrebten Lebensleistung, durch vererbbaren
       Besitz auch nach dem eigenen Tod für deren sichere Zukunft jenseits immer
       schwieriger werdenden Lebensverhältnisse zu sorgen. Diese Gefühle werden
       verletzt, wenn die menschliche Sorge für die eigenen Nachkommen als
       ungerechter Reichtum gesehen wird, der gefälligst besteuert gehört.
       
       Mit ihrer [12][Klassenkampf]-Rhetorik zur Erbschaftssteuer greift die SPD
       in die Mottenkiste und holt ihre antikapitalistische Kritik heraus an einer
       Teilung der Gesellschaft in ein ungerechtes Oben und Unten, die angeblich
       nur durch eine Nivellierung zugunsten der arbeitenden Massen eingeebnet
       werden könnte.
       
       Anstatt realpolitisch den von ihr durchgesetzten historischen Ausgleich von
       [13][Kapital] und Arbeit im [14][Sozialstaat] zu schützen und weiter
       auszubauen. Das mag einigen aus der politischen Seele sprechen. Wachsende
       Zustimmung für die Sozialdemokratie wird damit nicht zu gewinnen sein.
       
       🐾 Lesen Sie weiter: Die Ausgabe N°35 unseres Magazins taz FUTURZWEI mit dem
       Titelthema „Das Wohnzimmer der Gesellschaft“ ist [15][erhältlich im taz
       Shop].
       
       20 Jan 2026
       
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