# taz.de -- Religion in Russland: Stoßgebete gegen Abtreibungen
       
       > Die Russisch-Orthodoxe Kirche predigt neuerdings Mutterfreuden. Das ist
       > ganz auf Kreml-Linie. Denn auch der bemüht sich, die Geburtenrate zu
       > steigern.
       
 (IMG) Bild: Eine russisch-orthodoxe Gläubige zündet während einer Gedenkfeier für Abtreibungsopfer in einer Kirche in Moskau am 1. Juni 2006 eine Kerze an
       
       In zahlreichen Kirchen Russlands haben Gläubige in der vergangenen Woche
       erstmals ein Anti-Abtreibungs-Gebet gesprochen. Anlass war der einstige
       Kindermord in Bethlehem. Biblischer Überlieferung zufolge soll König
       Herodes der Große seinerzeit die Tötung aller männlichen Kleinkinder
       angeordnet haben, um sich Jesus von Nazaret zu entledigen.
       
       Den Text des Gebets hatte die Synode der Russisch-Orthodoxen Kirche (RPZ)
       auf ihrer Synode am 26. Dezember 2025 abgesegnet. Darin heißt es unter
       anderem: „Lasst uns zum Herrn beten, dass unsere Brüder und Schwestern, die
       von dem sündhaften Gedanken an eine Kindstötung besessen sind, zur
       Besinnung kommen und aus dieser sinnlosen Finsternis befreit werden sowie
       zur Buße und zum Verständnis der Wahrheit gelangen.“
       
       Zusätzlich zu dem Gebet waren der Kreativität der Priester keine Grenzen
       gesetzt, um das Anliegen unter ihre Schäfchen zu bringen. In einer Kirche
       wurden Flugblätter und Fahnen der Pro-Life-Bewegung verteilt, in einer
       anderen Embryos in verschiedenen Entwicklungsstadien in Form von Puppen
       vorgeführt.
       
       In der Stadt Kirillow im Gebiet Wologda bemühte der ortsansässige
       Erzpriester Wladimir Kolossow in seiner Rede Wladimir Lenin. „Wir gedenken
       unserer unschuldig ermordeten Kinder, die aus Torheit, insbesondere in der
       Sowjetzeit, von unseren Eltern und ungläubigen Verwandten getötet wurden.
       Der erste Erlass Lenins, jenes atheistischen Kommunisten, der Russland
       zutiefst hasste – lautete, russische Kinder zu töten und die Abtreibung zu
       legalisieren. Und dann floss Blut“, sagte er.
       
       ## Mangelnde Gebärfreudigkeit
       
       Dass die RPZ offensiv wider Abtreibungen predigt, ist ganz im Sinne des
       Regimes. Denn um die demografische Entwicklung steht es nicht zum Besten,
       die Gebärfreudigkeit der Russinnen hält sich in Grenzen. Dabei versucht
       auch Präsident Wladimir Putin so einiges, um seinen Landsfrauen
       Mutterfreuden schmackhaft zu machen. Anlässlich des Internationalen
       Frauentages 2024 bezeichnete er Mutterschaft als eine wunderbare Bestimmung
       für Frauen.
       
       Doch das zog offensichlich nicht – genausowenig wie der Orden der
       „heldenhaften Mutter“, der bei zehn oder mehr Kindern verliehen wird.
       Aktuell liegt die Geburtenrate bei 1,47 Kindern pro Frau. Damit liegt die
       Russische Föderation weltweit auf Platz 179. Im Jahr 2023 betrug die Zahl
       registrierter Schwangerschaftsabbrüche rund 1,2 Millionen.
       
       Laut der russischen oppositionellen Zeutung Novaya Gazeta Europe hat die
       Gesamtzahl der Abtreibungen in Russland in den vergangenen 25 Jahren die
       Marke von 50 Millionen überschritten. „All dies passt schlecht in das Bild
       eines Landes als Hort ‚traditioneller Werte‘, das versucht, diese seinen
       Nachbarländern aufzuzwingen“, so Novaya Gazeta Europe.
       
       Übrigens: Gottesdienste gegen Abtreibungen waren auch in Kirchen im von
       russischen Truppen völkerrechtswidrig besetzten ukrainischen Gebiet Donezk
       angekündigt. Ob und wie viele Menschen kamen, ist nicht überliefert.
       
       17 Jan 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Barbara Oertel
       
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