# taz.de -- Anschlag auf Verdi-Demo in München: Angeklagter zeigt Tauhīd-Finger vor Gericht
       
       > Nach dem Anschlag in München mit zwei Toten und vielen Verletzten wurde
       > Farhad N. angeklagt. Vor Gericht schweigt er. 17 Nebenkläger sind
       > zugelassen.
       
 (IMG) Bild: Der Tauhīd-Finger ist eigentlich ein islamisches Glaubensbekenntnis, wird aber auch von Islamisten als Erkennungszeichen genutzt
       
       Der Gerichtssaal A 101 des Münchner Justizzentrums hat keine Fenster. Hätte
       er welche, könnte man mit etwas Glück vielleicht sogar vor bis zum
       Stiglmaierplatz sehen, von dort sind es nur noch ein paar Schritte bis zur
       Kreuzung Seidlstraße/Karlstraße, an der vor knapp einem Jahr ein Anschlag
       stattfand, der die Stadt erschütterte. [1][Zwei Menschen starben, Dutzende
       wurden verletzt]. Es sind zu Fuß keine fünf Minuten vom Gericht bis zum
       Tatort.
       
       Farhad N., der Mann, der den Anschlag verübte, wird am Freitag gegen 10.15
       Uhr von acht Polizisten in den Saal geführt. Der Prozessbeginn hat sich
       wegen des großen Besucherandrangs um eine Dreiviertelstunde verzögert. Der
       Angeklagte hält sich einen roten Schnellhefter vors Gesicht, setzt sich.
       Dann hebt er mehrfach die rechte Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger in
       Richtung der Fotografen und Kameraleute. Der sogenannte Tauhīd-Finger
       [2][entspricht zunächst einem islamischen Glaubensbekenntnis, wird aber vor
       allem auch von Islamisten benutzt], um ihre Verachtung der Demokratie zum
       Ausdruck zu bringen.
       
       Es war der 13. Februar 2025, ein Donnerstagvormittag, als Farhad N. sein
       Auto, einen Mini, von hinten ungebremst in eine Verdi-Kundgebung steuerte.
       Die Teilnehmer des Demonstrationszugs bewegten sich auf der Seidlstraße
       Richtung Stiglmaierplatz. Der Attentäter hatte die Polizeifahrzeuge, die
       den Demonstrierenden in Schrittgeschwindigkeit folgten, überholt und dann
       das Gaspedal durchgetreten. So raste er direkt in die Menschenmenge. Wie
       die Ermittler hinterher berechneten, fuhr er nach dem Zusammenstoß mit dem
       ersten Opfer noch 23 Meter, bis der Wagen zum Stehen kam – nicht weil
       Farhad N. gebremst hätte, sondern weil die Vorderräder wegen der unter und
       vor dem Auto liegenden Menschen in der Luft hingen.
       
       Amel S., eine Bedienstete der Stadt München, und ihre Tochter Hafsa wurden
       bei dem Anschlag frontal von dem Auto erfasst, rund zehn Meter weit durch
       die Luft geschleudert und so stark verletzt, dass sie [3][kurz darauf im
       Krankenhaus starben]. Amel S. war 37 Jahre, ihre Tochter zwei Jahre alt. 43
       Menschen wurden – zum Teil schwer bis lebensgefährlich – verletzt, eine
       weitere Person kam nur deshalb ohne körperliche Schäden davon, weil sie im
       letzten Moment aus dem Weg springen konnte. Auf den Bildern vom Tatort, die
       später in den Nachrichten gezeigt wurden, sah man häufig die Überreste des
       Kinderwagens, in dem Amel S. ihre Tochter auf der Kundgebung vor sich
       schob.
       
       ## Farhad N. schweigt vor Gericht
       
       Der erste Prozesstag ist kurz. Da sich Farhad N. weder zur Person noch zur
       Sache äußern will, ist die Verlesung der Anklageschrift der einzige
       inhaltliche Punkt, der heute auf der Tagesordnung steht. Die meiste Zeit,
       mehr als eine Viertelstunde, benötigt der Vertreter des
       Generalbundesanwalts, Oberstaatsanwalt David Rademacher, um aufzulisten,
       was den 46 Opfern an jenem Donnerstagvormittag widerfuhr. So ist etwa immer
       wieder von multiplen Prellungen, Hämatomen und Frakturen an Sprunggelenk
       oder Kiefer die Rede, von Angstzuständen und posttraumatischen
       Belastungsstörungen. Die Menschen mussten zum Teil wochenlang im
       Krankenhaus bleiben, sich ein oder zwei Operationen unterziehen. 17 der
       Opfer beziehungsweise Hinterbliebenen treten in dem Prozess als Nebenkläger
       auf.
       
       Der Angeklagte, kurzer Bart, olivgrüne Jacke, scheint dem Prozess eher
       teilnahmsvoll zu folgen. Mutmaßlich ein Tic lässt ihn immer wieder den Kopf
       ruckartig nach vorne bewegen und die Augen zukneifen. Vor ein paar Tagen
       ist er 25 Jahre alt geworden. Seine Untersuchungshaft verbrachte er wegen
       Auffälligkeiten zum Teil in der psychiatrischen Abteilung der
       Justizvollzugsanstalt Straubing. Ein Gutachten bescheinigt N. jedoch volle
       Schuldfähigkeit.
       
       Die Umstände seiner Tat scheinen sehr detailliert geklärt zu sein. Was noch
       immer im Raum steht, ist die große Frage nach dem Warum. Die schnelle
       Antwort darauf lautet: weil Farhad N., der 2016 als minderjähriger
       Flüchtling nach Deutschland kam, ein Islamist war. Lange Zeit zumindest
       fiel der junge Mann in keiner Weise auf, auch nicht als besonders religiös.
       Seine größte Begeisterung galt wohl dem Bodybuilding, er hatte einen Job
       als Sicherheitskraft und eine Wohnung.
       
       ## Islamistische Radikalisierung seit Herbst 2024
       
       Radikalisiert hat sich Farhad N. auch nach Auffassung der
       Bundesanwaltschaft erst relativ kurz vor der Tat. Der sunnitische Muslim,
       so heißt es in der Anklage, habe ab Herbst 2024 „übersteigerte religiöse
       Vorstellungen“ entwickelt, die mit der Überzeugung einhergegangen seien,
       dass die USA und andere westliche Staaten für das Leid der muslimischen
       Bevölkerung in Afghanistan und im Nahen Osten verantwortlich seien.
       
       Den entscheidenden Schub zur Radikalisierung gaben wohl islamistische
       afghanische Geistliche, deren Predigten er sich in sogenannten sozialen
       Medien ansah. Die Konsequenz, die N. in seinem plötzlichen religiösen Eifer
       ziehen zu müssen meinte: willkürlich möglichst viele Menschen in
       Deutschland anzugreifen und zu töten. Dafür war der Mann nach Ansicht der
       Bundesanwaltschaft auch bereit zu sterben. Seine Bereitschaft zu der Tat
       sei zudem durch „diffuse Ängste“ und seine persönlichen Lebensumstände
       verstärkt worden, die ihn wütend und enttäuscht gemacht hätten.
       
       Der Vorsitzende Richter hat für den Prozess zunächst 38 Verhandlungstage
       bis Ende Juni anberaumt.
       
       16 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Zwei-Todesopfer-nach-Anschlag-in-Muenchen/!6069735
 (DIR) [2] https://www.rnd.de/wissen/was-der-tauhid-zeigefinger-im-islam-wirklich-bedeutet-2WLUBFBG6ZBSJC5FWUUGNGVAKA.html
 (DIR) [3] https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/politik/muenchen-attentat-verdi-demo-marius-h-e133854/?reduced=true
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Dominik Baur
       
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