# taz.de -- rechtsgeöffnet: Patriotische Gesellschaft knüpft an ihre Anfänge an
       
       > Interkulturalität nach Hamburger Art: Mit einem Gespräch unter alten,
       > weißen Männern fördert die Patriotische Gesellschaft
       > Kolonial-Revisionismus.
       
 (IMG) Bild: Brutaler Schutz: Die deutschen Truppen und ihre örtlichen Helfer trugen schicke Uniformen. Andere Einheimische wurden misshandelt
       
       Am Dienstag hatte die Patriotische Gesellschaft zu einer Debatte über den
       Umgang mit der Hamburger Kolonialgeschichte eingeladen. In der historischen
       Hauptstadt des deutschen Kolonialismus ist das begrüßenswert.
       
       Irritierend war jedoch die Besetzung: Der Arbeitskreis Interkulturelles
       Leben stellte dem ausgewiesenen Experten Dietmar Pieper den politischen
       Polemiker Mathias Brodkorb gegenüber. Bloß warum? Wozu? Diese Fragen
       blieben nach dem Abend unbeantwortet zurück.
       
       Pieper zeichnete analog zu seinem Buch „Zucker, Schnaps und
       Nilpferdpeitsche“ die kolonialen Verstrickungen Hamburger Kaufleute nach.
       In dem ordnet er den deutschen Kolonialismus vor allem als wirtschaftliches
       Projekt ein. Brodkorb hingegen, ehemaliger SPD-Finanz- und Kulturminister
       in Mecklenburg-Vorpommern, nutzte den Abend für einen persönlichen Feldzug
       gegen postkoloniale Perspektiven.
       
       Er beschwor angebliche „Umbenennungsorgien“ und ließ sich über museale
       Restitutionsdebatten aus – selektiv, vereinfachend und ohne erkennbaren
       Willen, sich mit dem Stand der Forschung zu beschäftigen. Seine
       [1][ebenfalls als Buch publizierten Thesen] wurden [2][vielfach widerlegt].
       Ihr Zweck liegt offenkundig nicht in Erkenntnis, sondern in
       Delegitimierung.
       
       Sie mobilisieren ein diffuses bürgerliches Unbehagen. Statt
       Dekolonisierungsdebatten als Auseinandersetzung mit historischer Gewalt
       wahrzunehmen, stellt er sie als Bedrohung einer vermeintlich rationalen,
       aufgeklärten Ordnung dar. Der ehemalige Landesminister und – vom Parteibuch
       her – Sozialdemokrat [3][sucht und findet mit dieser Rhetorik Beifall] in
       jenen rechten Milieus, die Kolonialismus nicht aufarbeiten, sondern zur
       Chiffre eines Kulturkampfs machen.
       
       Dem konnte Pieper wenig entgegensetzen. Sein Auftritt diente vor allem der
       Legitimation eines schon vom Setting her nicht sonderlich ausgewogenen
       Formats, bei dem zwei weiße Männer über Kolonialismus plauderten –
       interkulturelles Leben, wie man es sich nur wünschen kann.
       
       Laut Ankündigung sollte die Veranstaltung [4][„dem verbreiteten Vorwurf
       entgegenwirken, in unserem Land herrschten Denk- und Sprechverbote“]. Doch
       statt gesellschaftlicher Spaltung etwas entgegenzusetzen, bereitete die
       Patriotische Gesellschaft Brodkorbs Ressentiments eine Bühne.
       
       Dies muss als bewusste Entscheidung für Polemik und gegen produktive
       Auseinandersetzung gelten. Das wurde spätestens in der Abmoderation
       deutlich.
       
       ## Arnold Alscher vergisst den Völkermord
       
       Deutlich wurde das spätestens in der Abmoderation: Arbeitskreis-Sprecher
       Arnold Alscher verwies auf Widerstände von Teilen der lokalen Bevölkerung
       gegen die [5][Umbenennung der Region um die namibische Hafenstadt Lüderitz
       in!NamiǂNûs]. Diese wären ihm zufolge ein Zeichen dafür, dass [6][der
       Kolonialismus so schlimm wohl doch nicht] gewesen sein könne. Den ersten
       Völkermord des 20. Jahrhunderts, zu dem die kaiserlichen Truppen von
       Hamburg aus aufbrachen, hatte er dabei offenbar [7][nicht mitbedacht.]
       
       Hamburg ist in den Debatten viel weiter. Das Erinnerungskonzept „Hamburg
       dekolonisieren!“ ist dank zivilgesellschaftlichem Engagement inzwischen
       Senatsbeschluss. Die [8][Auflösung der Forschungsstelle Postkoloniales
       Erbe], der [9][Umgang mit dem sogenannten „Tansania-Park“] oder die
       [10][gescheiterte Neukonzeption des Bismarck-Denkmals] treiben viele in
       einer Stadt um, die sich bis heute als Tor zur Welt begreift – und die
       damit Reproduktionsort globaler kolonialer Verhältnisse ist.
       
       Diese virulenten Debatten hätte auch die Patriotische Gesellschaft
       aufgreifen können, etwa indem sie sich mit den kolonialen Verstrickungen
       des eigenen Klientels befasst. Indem sie stattdessen einen Promi-Autor
       einlädt, der wenig mehr zu bieten hat, als die Bewegung der Dekolonisierung
       zum Feindbild aufzublasen, knüpft sie bloß an ihre eigenen Ursprünge an.
       Vor über 260 Jahren war sie von Kaufmannseliten gegründet worden. Und
       [11][die europäischen kolonialen Aktivitäten,] gleich ob die der Briten in
       Harburg oder jene der Dänen in Altona, die lagen ganz in deren Interesse.
       
       Hinweis der Redaktion: Der Artikel war zunächst mit einer inhaltlich
       falschen Bildunterzeile ausgestattet gewesen. Diese wurde korrigiert.
       
       14 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
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 (DIR) [5] /Post-koloniale-Identitaeten/!5060852
 (DIR) [6] https://www.namibiana.de/namibia-information/pressemeldungen/artikel/swapo-benennt-stadt-luederitz-in-nami%C7%82nus-um.html
 (DIR) [7] /Genozidgedenken-in-Namibia/!6145229
 (DIR) [8] /Koloniales-Erbe-der-Hansestadt/!6032829
 (DIR) [9] https://www.tansaniaparkjenfeld.org/
 (DIR) [10] /Kontextualisierung-des-Bismarck-Denkmals/!5947947
 (DIR) [11] https://kolonialismus.blogs.uni-hamburg.de/2024/03/12/hamburg-und-die-sklaverei-1-eine-schwerwiegende-verbindung/
       
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