# taz.de -- Zunehmende Repression in Ostafrika: „Es sind dunkle Zeiten, aber wir werden siegen“
       
       > Politische Freiräume in Kenia, Tansania und Uganda schwinden, mahnt
       > Menschenrechtsanwältin Martha Karua. Ugandas Wahlen am Donnerstag sind
       > ein Test.
       
 (IMG) Bild: Repression gegen Regierungskritiker: Martha Karua bei einer Gerichtsverhandlung gegen den kenianische Menschenrechtsaktivisten Boniface Mwangi
       
       taz: In den vergangenen Jahren wurden in Kenia und bei den Wahlen in
       Tansania Proteste der Generation Z mit Gewalt niedergeschlagen. Am 15.
       Januar stehen in Uganda Wahlen an. Fürchten Sie, dass das Szenario sich
       wiederholen wird? 
       
       Martha Karua: Ich bin sehr besorgt und befürchte, dass sich dieses Muster
       wiederholen könnte, da Uganda selbst sehr gewaltsam gegen seine Opposition
       vorgeht. Über 80 Anhänger und Funktionäre von Oppositionskandidat [1][Bobi
       Wine] befinden sich in Haft oder wurden wiederholt festgenommen. Uganda
       hält auch Ausländer fest, darunter Kenianer der Generation Z, die sich mit
       Bobi Wine koordinieren wollten.
       
       taz: Die junge Generation stellt die Mehrheit der Bevölkerung in allen
       Ländern Ostafrikas, die [2][Gen-Z-Proteste] koordinieren sich
       länderübergreifend. Führt dies auch zu einer engeren Zusammenarbeit der
       jeweiligen Regime? 
       
       Karua: Ugandas Präsident Yoweri Museveni fordert jetzt eine Regionalarmee.
       Diese Forderung zu diesem Zeitpunkt ist sehr aufschlussreich: Die drei
       Regime sehen ihre eigenen Staatsangehörigen als Bedrohung für ihren
       Machterhalt. Die grenzüberschreitenden Entführungen zeugen davon. Im Juli
       2024 wurden 36 Ugander, die Mitglieder von Oppositionsparteien sind, in
       Kenia entführt, nach Uganda überführt und dort einem Militärgericht
       vorgeführt. Die Entführungen erfolgten durch ugandische Sicherheitskräfte
       mehr als 100 Kilometer von der Grenze entfernt. Es ist ausgeschlossen, dass
       ugandische Sicherheitskräfte in Kenia ohne die Unterstützung ihrer
       kenianischen Kollegen operieren. Im November 2024 wurde Ugandas ältester
       Oppositionsführer, Kizza Besigye, ein persönlicher Freund von mir, in
       Nairobi entführt. Er wurde in seinem Hotelzimmer gekidnappt, nach Uganda
       gebracht und einem Militärgericht vorgeführt.
       
       taz: Wie beurteilen Sie die Meinungs- und Demonstrationsfreiheit in der
       Region? 
       
       Karua: Viele Menschen haben Angst. Es gibt viele Angriffe auf die
       Bürgerrechte. Die Zahl von 79 Toten bei der Niederschlagung der
       Gen-Z-Proteste in Kenia im Jahr 2024 ist nur eine Schätzung, da es in den
       Leichenhallen zu Fälschungen kam: Menschen mit Schussverletzungen wurden
       als Verkehrsunfallopfer dargestellt. Daher können wir die Zahlen nur
       schätzen. Im letzten Jahr waren es fast 100 Tote. Über 600 wurden verletzt,
       einige schwer. Das sind die bekannten Fälle. Nun hat sich das in Tansania
       vervielfacht. Dort haben nach den Wahlen Ende Oktober 2025 die
       Sicherheitskräfte die Straßen von Demonstranten geräumt, als wären es
       Ameisen. Wir haben Bilder von überfüllten Leichenhallen gesehen und wir
       haben von Massengräbern gehört. Aber in allen drei Ländern gibt es
       Widerstand. Wir haben mutige Tansanier gesehen, die die Welt mittels
       sozialer Medien an den Ereignissen teilhaben ließen. In Uganda sind mutige
       Menschen vor Gericht erschienen, um Kizza Besigye zu unterstützen. Mutige
       Tansanier setzen sich trotz der Gräueltaten ihrer Regierung für den vor
       Gericht angeklagten Oppositionsführer Tundu Lissu ein. Ich habe mutige
       Kenianer gesehen, die ihr Leben riskieren. Das macht Hoffnung, dass der
       Widerstandsgeist in Ostafrika nicht sterben wird. Das verdient Respekt,
       denn niemand wird für ihre Rechte kämpfen, wenn sie es nicht selbst tun.
       Wir können uns solidarisieren und gemeinsam für die Bürgerrechte kämpfen.
       
       taz: Ugandas Präsident Museveni hat gesagt, dass er nicht zulassen wird,
       dass die Generation Z hier „herumalbert“, und spricht von „ausländischen
       Mächten“, die sich einmischen wollen. Sehen Sie Maßnahmen, Proteste im
       Vorfeld zu verhindern? 
       
       Karua: Ich sehe einen Zusammenhang mit den politischen Prozessen in den
       Ländern. Dieses Jahr wurden die Kenianer Bob Njagi und Nicholas Oyoo
       entführt, die Ugandas Oppositionsführer Bobi Wine besucht hatten. Vor
       Gericht wurde ihre Entführung in eidesstattlichen Erklärungen geleugnet.
       Erst nach Intervention des ehemaligen kenianischen Präsidenten Uhuru
       Kenyatta wurden sie freigelassen. Der ugandische Präsident gab öffentlich
       zu, dass sie in Gewahrsam des Militärs waren.
       
       taz: Sie verteidigen nun in Uganda vor Gericht [3][Kizza Besigye],
       ehemaliger Vorsitzender der Oppositionspartei FDC (Forum für Demokratischen
       Wandel). Hat Ugandas Regierung versucht, Sie daran zu hindern? 
       
       Karua: Ich musste eine Anwaltszulassung in Uganda beantragen. So ist es
       gesetzlich vorgeschrieben. Diese wurde mir zunächst verweigert – auf eine
       sehr unhöfliche Art. Der Brief enthielt Anschuldigungen, ich sei aus
       politischen Gründen dort. Erst die Intervention der kenianischen, der
       ostafrikanischen sowie der ugandischen Anwaltskammer machte es möglich,
       dass mir die Zulassung schließlich erteilt wurde. Doch wir mussten
       feststellen, dass Ugandas Militärstaatsanwaltschaft kein Interesse daran
       hat, den Fall weiterzuverfolgen. Sie begnügten sich damit, die
       Anklagepunkte vorzulesen und den Prozess dann hinauszuzögern. Sie
       misshandelten einen seiner ugandischen Anwälte, Eron Kiiza, und
       inhaftierten ihn wegen angeblicher Missachtung des Gerichts, weil er auf
       einem ordnungsgemäßen Verfahren bestand. Er wurde zu einem Jahr Haft
       verurteilt. Wir haben letztlich kaum Erwartungen an ein faires Verfahren.
       Der Prozess war bisher unfair und sie weigern sich, die Angeklagten gegen
       Kaution freizulassen. Dabei ist das ugandische Gesetz eindeutig: Wer länger
       als sechs Monate in U-Haft ist, muss gegen Kaution freigelassen werden. Aus
       meiner Sicht ist klar, dass diese Anklagen dazu dienen, Besigye bis zu den
       Wahlen in Haft zu halten. Obwohl er dieses Mal nicht antritt, ist er in
       Uganda einflussreich.
       
       taz: In Tansania sitzt ebenfalls der wichtigste Oppositionsführer in Haft,
       [4][Tundu Lissu]. Ähnlich wie Besigye ist Lissu wegen Landesverrats
       angeklagt, worauf die Todesstrafe steht. Auch er konnte nicht an den Wahlen
       teilnehmen. Sehen Sie da Parallelen? 
       
       Karua: Für diesen Mann steht das Leben auf dem Spiel. Die beiden Prozesse
       in Tansania und Uganda sind nichts als eine Farce. Von einem ordentlichen
       Prozess kann man nicht sprechen, wenn man im Todestrakt sitzt und nicht
       einmal die Mittel zur angemessenen Verteidigung gewährt bekommt. In
       Tansania wurde Tundu Lissu festgenommen, weil er im Vorfeld der Wahlen
       Reformen gefordert hatte. Er sagte: „Keine Reformen, keine Wahlen.“ Er
       wurde verhaftet und wegen Hochverrats angeklagt. Zunächst weigerte man
       sich, ihn vor Gericht zu bringen. Ich flog zum ersten Mal am 24. April 2025
       nach Tansania, um ihn in seiner Verteidigung zu unterstützen. Man hatte ihn
       gezwungen, nur virtuell am Prozess teilzunehmen, doch er weigerte sich. Das
       Gericht gab letztlich nach und setzte die nächste Anhörung an, bei der er
       auch präsent sein sollte. Ich bin am 17. Mai dann noch einmal nach Tansania
       gereist, um daran teilzunehmen. Bei der Ankunft wurde ich [5][am Flughafen
       festgesetzt und zurückgeschickt]. Doch Strafprozesse in Uganda, Kenia und
       Tansania sind öffentlich. Wir waren also rechtmäßig dort. Kenias Regierung
       protestierte nicht gegen die Abschiebung. Man kann also die Zusammenarbeit
       zwischen diesen Staaten beobachten.
       
       taz: Fürchten Sie um Ihre eigene Sicherheit? 
       
       Karua: Nun, ich trage dasselbe Risiko wie jede andere Kenianerin. Doch ich
       werde nicht zulassen, dass die Angst mein Leben allzu sehr beherrscht. Ich
       werde tun, was ich tun muss. Ich werde nicht leichtsinnig sein, aber ich
       werde mich auch nicht einschüchtern lassen. Ich werde weiterhin nach Uganda
       reisen, um Besigye zu verteidigen. Ich werde weiterhin meine Stimme
       erheben. Ich werde mit den Freiheiten leben, die Gott uns geschenkt hat.
       Nicht der Staat gibt uns Freiheiten, er garantiert sie uns nur. Wir werden
       mit diesen Freiheiten geboren.
       
       taz: Was raten Sie Ugandas Jugend im Vorfeld der Wahl? 
       
       Karua: Es würde mir Angst machen, wenn die Jugend sich nicht gegen all die
       Ungerechtigkeit auflehnt. Wenn sich die Generation Z wehrt, dann sind es
       zwar dunkle Zeiten, aber wir werden siegen. Kein Diktator der Welt und der
       Geschichte konnte je den Willen des Volkes dauerhaft unterdrücken. Das geht
       nur eine Zeit lang. Die Frage ist also nicht, ob, sondern wann die Jugend
       siegen wird.
       
       11 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Uganda-nach-der-Wahl/!5742035
 (DIR) [2] /Kenianischer-Aktivist-ueber-Proteste/!6098194
 (DIR) [3] /Uganda-baut-Druck-auf/!6068604
 (DIR) [4] /Politische-Verfolgung-in-Tansania/!6085871
 (DIR) [5] /Politische-Verfolgung-in-Tansania/!6085871
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Kenia
 (DIR) Uganda
 (DIR) Tansania
 (DIR) Bobi Wine
 (DIR) Uganda
 (DIR) Tansania
 (DIR) Kenia
 (DIR) Tansania
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Wahlen in Uganda: Der alte Präsident und sein junger Herausforderer
       
       Ugandas Präsident Yoweri Museveni tritt nach fast 40 Jahren im Amt zur
       Wiederwahl an. Menschenrechtsgruppen sprechen von repressivem
       Wahlkampfklima.
       
 (DIR) Repression in Tansania: Verhaftungswelle statt Staatstrauer
       
       Infolge der blutigen tansanischen Wahlproteste häufen sich Verhaftungen im
       Land. Nun traf es auch den Vize-Generalsekretär der letzten
       Oppositionspartei.
       
 (DIR) Kenianischer Aktivist über Proteste: „Jeder getötete Mensch wird ein weiterer Weckruf sein“
       
       Kenias junge Protestbewegung „Generation Z“ muss sich noch besser
       organisieren, sagt Aktivist Njuki Githethwa. Dann könnte ihr ein Umbruch
       gelingen.
       
 (DIR) Martha Karua aus Kenia: Diese „Eiserne Lady“ kämpft für Menschenrechte in Ostafrika
       
       Am Wochenende wurde Martha Karua in Daressalam festgenommen. Die
       Rechtsanwältin verteidigt zwei Oppositionsführer aus Tansania und Uganda.