# taz.de -- Gedenken an den Holocaust: Öffnet die Kartons auf dem Dachboden
> Das institutionelle Gedenken an die Schoah bleibt wichtig. Doch es wird
> zu wenig über die Verstrickungen ganz normaler Deutscher geredet.
(IMG) Bild: Der Effekt einer direkten emotionalen Konfrontation bei Jugendlichen ist unklar
Eine großangelegte [1][Umfrage im Auftrag der Jewish Claims Conference] hat
im vergangenen Jahr herausgefunden, dass das Wissen über den Holocaust
gerade unter Jüngeren sinkt. Anlässlich der Gedenkstunde im Bundestag am
Mittwoch und einer durchaus umfangreichen Erinnerungsinfrastruktur im Land
ist zu fragen, warum das so ist – und wie sich die Entwicklung aufhalten
lässt angesichts der Tatsache, dass die letzten Überlebenden inzwischen
sehr alt sind.
Eine These: Der Effekt einer direkten emotionalen Konfrontation bei
Jugendlichen ist unklar [2][und möglicherweise sogar kontraproduktiv]. Eine
zehnte Klasse fährt in eine KZ-Gedenkstätte, es fließen Tränen. Oder es
werden Witze gemacht, auch um die eigene Unsicherheit oder Überforderung zu
überspielen. Nachhaltiger und besser ist – und das wird an vielen Orten ja
bereits gemacht –, in die lokale Geschichte hineinzugehen: Welche jüdischen
SchülerInnen waren auf der eigenen Schule 1938 plötzlich nicht mehr da, was
passierte mit ihnen? Fortgesetztes Unrecht nach 1945 ist auch ein
Recherchethema: Warum haben die Nachkommen des ermordeten jüdischen
Ladenbesitzers nach dem Krieg nicht ihr Geschäft zurückbekommen?
Zu wenig geredet wird über die konkreten Verstrickungen ganz normaler
Deutscher. Da warten in den Familien noch viele Kisten und Kartons auf dem
Dachboden darauf, geöffnet zu werden: Was ist auf den Fotos eigentlich
genau zu sehen, die der Urgroßvater und Wehrmachtssoldat von der Ostfront
mitbrachte? Warum brennt da im Hintergrund eine Scheune? Sind dort Menschen
drin? Solche verstörenden Bilder gibt es. Oft sind es erst nachkommende
Generationen, die ohne blinden Fleck auf Zeitdokumente blicken.
Digitalisierte Archivbestände und digitale Ortserkennung bieten
Recherchemöglichkeiten, die es noch vor 10 Jahren nicht gab. Die
Verstrickung der Wehrmacht – allein schon dadurch, dass sie Gebiete
besetzte, in die die Mordtruppen der SS nachrücken konnten – ist seit den
1990er Jahren gut dokumentiert.
Oder die Zusammenhänge an der „Heimatfront“: Warum bekamen die ausgebombten
Großeltern in Berlin oder Frankfurt am Main eigentlich so schnell eine neue
Wohnung? Nicht unwahrscheinlich, dass ihr die Wohnung einer deportierten
jüdischen Familie zugewiesen wurde. Und die schöne Kommode, [3][die die Oma
bei einer „Judenauktion“ günstig erstand] und die jetzt bei der Enkelin
steht, wäre auch mal ein familiäres Recherchethema.
## Gaza und Holocaust
Ein großes Thema in der Geschichtspädagogik ist, wie jungen Leuten mit
Einwanderungsgeschichte der Holocaust vermittelt werden kann; hier fehlt
die unmittelbare Verbindung. Nicht wenige LehrerInnen dürften den Satz „Was
die Deutschen mit den Juden gemacht haben, machen die Israelis doch auch
mit den Palästinensern“ gehört haben. Hier ist es angebracht, bei
16-Jährigen nicht mit dem Antisemitismusvorwurf zu kommen, das macht ein
solches Gespräch mit dem Holzhammer kaputt. Sondern die deutlichen
Unterschiede zwischen dem Holocaust und dem Gazakrieg – den Nazis ging es
um die industrielle, planmäßige Vernichtung eines ganzen Volkes über Jahre
– klar zu benennen, Gaza aber an anderer Stelle genug Raum zu geben.
Die Erinnerung an das deutsche Menschheitsverbrechen Holocaust hat kein
Ablaufdatum. Aber weil wir über die Mechanismen der Judenvernichtung und
ihre Profiteure mehr wissen als noch vor 30 Jahren, darf die
Erinnerungsarbeit nicht in Ritualen erstarren.
28 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.claimscon.org/country-survey/
(DIR) [2] /NS-Forscher-ueber-Gedenkkultur/!6144298
(DIR) [3] https://www.mdr.de/geschichte/ns-zeit/holocaust/die-versteigerer-juedisches-eigentum-juden-im-dritten-reich-100.html
## AUTOREN
(DIR) Gunnar Hinck
## TAGS
(DIR) Holocaust-Gedenktag
(DIR) Auschwitz
(DIR) Antisemitismus
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