# taz.de -- Winterwetter und andere Widrigkeiten: Keine Panik vor Eisbären
       
       > Kaum schneit es mal stärker, wird in den Baumärkten das Streusalz knapp.
       > Warum es weniger Aufregung braucht – und mehr Solidarität.
       
 (IMG) Bild: Wir können uns nicht mehr vorstellen, dass Dinge schiefgehen können: Wer hat schon für einen Blackout Kerzen und Konserven im Keller?
       
       Dem Fernsehmoderator stand das Entsetzen ins Gesicht geschrieben: „Morgen
       werden es in Berlin minus 5 Grad!“, sagte er mit schreckgeweiteten Augen.
       Es heißt „Schneechaos“, wenn die weiße Pracht mehr als Weihnachtsdeko ist.
       Alle bibbern vor einem „Wintereinbruch“, als kämen da die Einbrecher.
       
       Früher gab es dafür ein Wort: Winter. Heute ticken alle aus, wenn es eine
       Woche lang friert, wenn im Juli die Sonne brennt, wenn ein Sturm Bäume
       entwurzelt oder ein Dauerregen die Vorgärten unter Wasser setzt. Und dann
       kommt noch ein saudummer Anschlag auf die Stromversorgung im Berliner
       Südwesten dazu, der angeblich gegen die klimaschädliche Gasversorgung der
       Reichen gerichtet ist – aber Pflegeheime und Krankenhäuser in Not bringt
       und den Einsatz von noch klimaschädlicheren Diesel-Notstromaggregaten
       erfordert. Und schon sagen Leute: „Das ist hier wie im Krieg!“
       
       Bei allem Mitgefühl mit Menschen, die in kalten und dunklen Wohnungen
       sitzen oder ausziehen müssen – mit dieser Lage würden Millionen von
       Menschen in der Ukraine oder in Gaza wohl sofort tauschen. Wir sind nicht
       im Krieg, wenn im Land mit der weltweit sichersten Stromversorgung mal
       irgendwo die Lichter ausgehen. Wir sind nicht in Saudi-Arabien, wenn in
       unseren ansonsten sehr gemäßigten Breiten im Sommer mal 35 Grad im Schatten
       sind. Und wo rund um die Uhr Skifahren, Rodeln und Biathlon im Fernsehen
       läuft, bedrohen uns keine Eisbären, wenn es mal ein paar Tage friert.
       
       Die Hysterie zeigt aber: Jede Störung unseres Alltags wird als Angriff auf
       unser Menschenrecht auf sorglosen Konsum wahrgenommen. In unserem
       gemütlichen Leben im Schlaraffenland von Frieden, Freiheit und Wohlstand
       können wir uns nicht mehr vorstellen, dass Dinge richtig schiefgehen
       können: Wer hat schon für einen Blackout Kerzen und Konserven im Keller?
       Wer weiß, in welche kühlen Räume man Oma bei einer Hitzewelle bringen kann?
       Wer hat konkrete Pläne, wie man sich gegen eine AfD-Landesregierung
       verteidigt? Wo sind die Strukturen für Millionen von politischen
       Flüchtlingen aus den USA?
       
       Um fair zu bleiben: Es gibt eine Menge Menschen, die helfen und sich
       organisieren, in Behörden, Vereinen, Kirchen, Kiezen, Bürgerinitiativen.
       Die wissen, dass wir etwas dafür tun können und müssen, um unser im
       weltweiten Maßstab einzigartig gutes Leben zu verteidigen – sei es gegen
       Kälte und Hitze, mit ehrgeiziger sozialer Klimapolitik, mit Stärkung
       unserer liberalen Demokratie und Kampf gegen eingebildete (AfD) oder echte
       (Putin, Trump) Tyrannen. Und die wissen, dass man meckernden Maulhelden,
       die eine Rundum-sorglos-Versorgung erwarten, widersprechen muss. Aber dass
       man vor allem gemeinsam die richtigen Entscheidungen fällen muss. Mit
       kühlem Kopf, auch bei Minusgraden.
       
       Das bedeutet auch, nicht bei jedem Schneefall hysterisch den Weltuntergang
       herbeizufantasieren. Auf meiner schönen roten Teetasse aus London steht das
       Motto der Briten im Zweiten Weltkrieg: „Keep calm and carry on“. Das ist
       doch mal ein Anfang.
       
       10 Jan 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Bernhard Pötter
       
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