# taz.de -- Debatte um Genitalverstümmelung: Von allen guten Feministinnen verlassen
       
       > Weibliche Genitalverstümmelung und kosmetische Vulva-Operationen zu
       > vergleichen, ist fragwürdig. Genau das taten einige Feministinnen vor
       > Kurzem.
       
 (IMG) Bild: Endlich sicher! Im Winbridge Bildungszentrum im kenianischen Kajiado leben Mädchen, die vor Genitalverstümmelung weggelaufen sind
       
       Im September 2025 erschien im Journal of Medical Ethics ein Artikel über
       [1][„Negative Auswirkungen der aktuellen globalen Kampagne gegen FGM“]. FGM
       steht für Female Genital Mutilation, also weibliche Genitalverstümmelung.
       Darauf folgte eine Welle der Empörung über „woke Feministinnen“, die
       angeblich die Praxis der Genitalverstümmelung verteidigten.
       
       Bestenfalls alle zehn Jahre wird ein akademischer Artikel Gegenstand
       breiter Feuilletondebatten. Da der Text von Expert*innen stammt, sollten
       seine Argumente aber ernst genommen werden.
       
       Auffällig ist die ungewöhnlich hohe Zahl von 26 Verfasser:innen. Das
       Kollektiv betont dabei seine innere Uneinigkeit. Einige von ihnen lehnten
       „jedes genitale ‚Cutting‘ ab, das nicht freiwillig oder medizinisch
       notwendig ist“, während „andere“ der Ansicht seien, dass Eltern über ihre
       Kinder entscheiden und der Staat sich aus „kulturell bedeutsamen Praxen“
       heraushalten solle. Letzteres widerspricht der
       [2][UN-Kinderrechtskonvention]. Was kann derart diametrale Positionen
       verbinden?
       
       Die Kritik richtet sich gegen die WHO, NGOs und westliche Medien, die
       Fehlinformationen bezüglich der körperlichen und seelischen Schäden durch
       [3][FGM] verbreiteten. Ihr Blick sei rassistisch, da er sich nur gegen
       Praktiken des Globalen Südens richte, um „lokale Stimmen und Alternativen
       zu marginalisieren“. Den Begriff FGM lehnen die Autor:innen ab und
       schlagen „weibliche genitale Praxen“ vor. Denn im Globalen Norden
       praktizierte Vulva-OPs seien mit als FGM diffamierten afrikanischen und
       südostasiatischen Beschneidungspraktiken vergleichbar.
       
       Bei diesen handele es sich ebenfalls um mehrheitlich kosmetische Eingriffe
       mit dem Ziel geschlossener äußerer Labien (Schamlippen der Frau) und
       vollständig verdeckter innerer Labien und der Klitoris. Das
       pädophil-patriarchale Ideal einer präpubertär geschlossenen Vulva bei einer
       gebärfähigen Frau wird nicht hinterfragt.
       
       Aber sind FGM und kosmetische Genital-OPs soziologisch und juristisch
       wirklich vergleichbar? Letztere erfordern im Globalen Norden Volljährigkeit
       und Verstöße dagegen werden von den Autor:innen zu Recht ebenso
       kritisiert wie Operationen an intergeschlechtlichen Kindern, die diese
       binär normieren und häufig künftige sexuelle Empfindungsfähigkeit
       reduzieren. Dass sie spät (2021) verboten wurden beziehungsweise immer noch
       praktiziert werden, verstößt gegen Kinderrechte.
       
       Ob sich hingegen eine Volljährige eigeninitiativ die inneren Labien kürzen
       lässt – Klitorisentfernungen dürften die Ausnahme bilden – oder sie einer
       einwilligungsunfähigen Sechsjährigen von ihren „Angehörigen“ gekürzt
       werden, ist ein so zentraler Unterschied, dass die Miturheberschaft im
       Artikel durch Jurist:innen befremdet. Kinder werden zu Opfern, wenn
       Erwachsene nicht medizinisch notwendige Operationen an ihnen vollziehen –
       und nicht, wenn Kampagnen diese anprangern.
       
       Es ist fraglos edel von im Globalen Norden lebenden, nicht betroffenen
       Autorinnen, vor der heimatlichen Türe mit feinerem Besen zu kehren. Doch
       FGM zur Schönheits-OPs zu euphemisieren, ist weder juristisch noch
       gendertheoretisch schlüssig, zumal sich der Artikel nicht von
       Klitoris-Amputationen und Verkleinerungen der Vaginalöffnung distanziert.
       Wenn gar kindliche Opfer genitaler Manipulation im Globalen Norden als
       skandalöser eingestuft werden als im Globalen Süden, ist das dann friendly
       racism?
       
       Zu Recht wird auf fehlende Kritik an männlicher Beschneidung verwiesen.
       Doch statt für ein Verbot der Praxis zu votieren, wird „weibliche
       Beschneidung“ zu „Gendergerechtigkeit“ stilisiert.
       
       Dagegen, dass FGM für die Betroffenen eine tolle Sache ist, spricht, dass
       migrantische Communitys sie auch ohne staatlichen Druck überwiegend
       aufgeben. Dass deren Frauen unter geringer Bildung, Armut und Rassismus
       stärker leiden als unter den Narben ihres Genitalbereichs, macht diese
       nicht harmlos. Widersinnig ist, zugleich eine Traumatisierung durch
       erlittene FGM zu bestreiten und Kampagnen gegen sie „Retraumatisierung“
       anzulasten.
       
       Genderforschung hatte ursprünglich das Ziel, [4][geschlechtliche
       Unterdrückungspraktiken] aufzudecken und Individuen Entfaltungsraum gegen
       eine binär normierende Gesellschaft zu erstreiten. Die Sensibilisierung des
       Feminismus für intersektionale, rassistische Ausgrenzung ist bedeutsam.
       Doch derzeit erfolgt ein Tribal Turn, der rechtes und patriarchales
       Gedankengut in Gendertheorie einschleust.
       
       Tribal-kollektiv denkende Wisseschaftler:innen eint mit reaktionären
       Androzentrikern die gemeinsame Gegnerin: „Second Wave Western
       Feministinnen“, die eine angeblich westliche Idee individueller Freiheit
       als Brandfackel des Kolonialismus in Kulturen des Globalen Südens werfen,
       um Frauen ihren Ethnien zu entfremden.
       
       Weder werden Ideale wie Reinheit, Jungfräulichkeit und weibliche
       Unterordnung, die FGM fast überall begründen, kritisch hinterfragt, noch
       warum patriarchale Kulturen rund um den Globus den Zugriff auf das
       weibliche Genital beanspruchen. Stattdessen wird der Zusammenhang zwischen
       Patriarchat und FGM hinterfragt, da sie oft von Frauen ausgeführt wird.
       Dabei gehört zu den Erkenntnissen der Genderstudies, dass alle
       patriarchalen Kulturen sich auf (ältere) Frauen stützen, die weibliche
       Menschen kontrollieren.
       
       Unterschlagen wird auch, dass zahlreiche Regierungen des globalen Südens
       FGM verbieten. „Religiöse Kultur“ und „ethnische Community“ grundieren den
       Artikel, als sei Hegels Kugelmodell homogener Kulturen zurück. FGM wird zur
       Eintrittskarte in sie. Dabei ist die Ansicht, der „Körper“ gehöre zur
       „größeren Gruppe“ und Entscheidungen über ihn „oblägen eher deren
       Autoritäten als dem Individuum“, das eigentliche Skandalon des Textes.
       
       Legitim kann FGM, wenn überhaupt, nur dann sein, wenn sie auf Basis einer
       mündigen Entscheidung passiert. Wenn FGM als „Cutting“ analog zu anderem
       Piercing- und Cutting rehabilitiert oder als postkolonialer Widerstand
       inszeniert werden soll, sind Volljährigkeit und Freiwilligkeit
       Voraussetzung. Diese entscheidende Forderung fehlt in dem Artikel.
       
       9 Jan 2026
       
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