# taz.de -- Hommage an Westberliner Kneipen: Untermalt von geisterhaftem Gelächter
       
       > Nach umfangreichen Recherchen am Tresen hat Marcel Nobis ein Buch über
       > die Westberliner Kneipenkultur zwischen APO und Mauerfall verfasst.
       
 (IMG) Bild: Das Risiko in der Kreuzberger Yorckstraße existierte bis 1988
       
       Das Berliner Nachtleben ist in den letzten Jahren in einer Reihe von
       Büchern kanonisiert worden. Stilbildende Clubs vom Zodiac über Dschungel
       und Metropol bis [1][Tresor], Bar 25 und Berghain sind in zahlreichen
       Coffeetable-Books ausführlich gewürdigt worden, seit [2][Nico Mesterharm]
       mit dem Buch „Berlin Technology“ 1997 die Disziplin der Berliner
       Tanzflächenforschung begründet hat.
       
       Der Berliner Kneipenszene ist bisher weniger Aufmerksamkeit geschenkt
       worden. Das mag damit zu tun haben, dass die Westberliner Kneipen weniger
       mit Underground-Musikkulturen verbunden sind als mit Blödelbarden wie
       Insterburg & Co. und den Gebrüdern Blattschuss, die mit „Kreuzberger
       Nächte“ den passenden Evergreen geschrieben haben.
       
       Aber wie das Buch „Echt progressiv bis voll krass. Die unkonventionelle
       Kneipenkultur West-Berlins 1968–1989“ von Marcel Nobis zeigt, haben die
       Kneipen eine wichtige Rolle für die Kunst- und Kulturszene Berlins
       gespielt. Das beginnt mit Läden wie der Kleinen Weltlaterne oder dem
       Leierkasten, Treffpunkt der Kreuzberger 60er-Jahre-Boheme, zu der Künstler
       wie [3][Kurt Mühlenhaupt], Robert Wolfgang Schnell oder Günter Bruno Fuchs
       gehörten.
       
       ## Ideale der Studentenbewegung
       
       Stampen, Pinten und andere Bierschwemmen hatten freilich in der
       proletarischen deutschen Hauptstadt schon seit dem Kaiserreich eine
       bedeutsame soziale Rolle inne. Doch Nobis geht es um die Kneipen, die nach
       1968 entstanden: „Es ist wohl nicht zu viel gesagt, dass in der
       beschriebenen Kneipenszene die Ideale der Studentenbewegung ihre Entfaltung
       in Richtung Mitte der Gesellschaft fanden.“
       
       In der Mauerstadt, in der es keine Sperrstunde gab, dafür aber viele
       Bundeswehrflüchtlinge und andere Bohemiens und Lebenskünstler, fehlte es
       nicht an Publikum für mit Trödel und Plüsch eingerichtete Kneipen mit Namen
       wie Tarantel, Walhalla, Black Corner, Tremens oder Beautiful Balloon.
       
       Aber keine Sorge, Nobis’ Buch ist keine akademische Abhandlung, sondern ein
       materialreiches, lebenspralles Alphabet der wichtigsten Berliner Kneipen,
       das aus teilnehmender Beobachtung an deren Theken entstanden ist. Nobis
       will alle der knapp 100 beschriebenen Kneipen besucht haben, manche
       offenbar so gut wie jeden Abend.
       
       Bei der Recherche assistiert hat ihm dabei eine umfangreiche
       Tresenmannschaft, die Anekdoten, verschwommene Erinnerungen und auch
       historisch wertvolle Fotografien zu seinem Buch beisteuerte.
       
       ## Socken-Paul und Taxi-Elke
       
       Und so erhebt sich aus dem Buch eine lange untergegangene Welt von
       Zigarettenqualm-umwehten Typen mit Matten und Vollbärten, Fellmänteln und
       Bundeswehrparkas, mit Spitznamen wie Socken-Paul oder Taxi-Elke, Die Gräfin
       oder Der Hosenträger. Die machten in [4][Westberliner Mythen] wie der
       „Ruine“ am Winterfeldtplatz die Nacht zum Tage: „Nicht nur das Haus war
       eine vom Krieg schwer beschädigte Ruine, das Leben und die Gesundheit
       mancher Gäste war längst zerrüttet, wurde hier, untermalt von geisterhaftem
       Gelächter, endgültig zugrunde gerichtet“, schreibt Nobis.
       
       Neben Klassikern wie Ex & Pop oder Exil, Yorkschlösschen oder Quartier
       Latin, SO 36 oder Zwiebelfisch, die zum Teil bis heute existieren, punktet
       Nobis mit vollkommen vergessenen Kifferkneipen aus den frühen 1970er Jahren
       wie dem Unergründlichen Obdach für Reisende, Mr. Go oder dem Delirium.
       
       Auch die Punk- und New-Wave-Periode ist mit zum Teil extrem kurzlebigen
       Etablissements wie dem Shizzo oder dem Chaos vertreten; etwas kurz kommen
       die Kaschemmen der Hausbesetzer. Aber was er über frühe Lokalitäten der
       Berliner Queerszene wie Blocksberg oder Pelze schreibt oder seine
       Recherchen zu Serien-Kneipier Jürgen Grage – das ist dann schon richtige,
       bislang unerzählte Stadtgeschichte.
       
       13 Jan 2026
       
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