# taz.de -- DVD „Cartoon Roots“ aus US-Zwanzigern: Eine Sadomaso-Beziehung zwischen Schöpfer und Geschöpf
> Max und Dave Fleischer waren vor Walt Disney Größen des
> US-Animationsfilms. „Cartoon Roots: Back to the Inkwell“ versammelt ihre
> trickreichen Clips.
(IMG) Bild: Ist das eigentlich Kunst? Szene aus „Cartoon Roots: Back to the Inkwell“
Es war das Jahr 1923. Die heute viel zu vergessene New Yorker
Filmproduzentin und -verleiherin Margaret J. Winkler war die wichtigste
Person in der Welt des Zeichentrickfilms. Als sie die Rechte an zwei ihrer
erfolgreichsten Cartoonserien zu verlieren drohte, kamen zwei völlig
unbekannte Brüder auf sie zu, Roy und Walt Disney, und präsentierten ihr
eine eigene Serie, Titel: „[1][Alice in Wonderland]“. Winkler war sofort
überzeugt und nahm die beiden unter Vertrag. Der Rest ist dann, wie man so
sagt, Geschichte, auch wenn es noch mehr als ein Jahrzehnt dauerte, bis
Disney zum dominierenden Animationsstudio wurde.
Bis in die Dreißiger waren zwei andere Brüder sehr viel berühmter als die
Disneys. Max und Dave Fleischers Cartoons unter dem Titel „Out of the
Inkwell“ waren eine der beiden Serien, an denen Winkler die Rechte im Jahr
1923 dann auch wirklich verlor. Die Serie existierte da schon seit ein paar
Jahren und wurde auch noch einige Jahre erfolgreich weitergeführt. Das
Prinzip war auf den ersten Blick simpel und immer dasselbe – wie bei den
meisten Cartoons von George Herrimans „Krazy Kat“ bis zu „Bugs Bunny“.
Stets sieht man in den fünf, sechs, sieben Minuten langen Filmen Max
Fleischer an seinem Zeichentisch, vor sich die leere Leinwand. Er tunkt
seinen Füller in ein Tintenfass (daher der Titel: „Aus dem Tintenfass“) und
schnell ist das weiße Blatt vor ihm belebt. Der Strip endet regelmäßig
damit, dass die gezeichnete Figur zurück ins Tintenfass springt. Der Clou
dabei, oder ein Clou von zwei oder drei: Der Zeichner selbst und sein
Studio sind real, mit einer 16-mm-Kamera aufgezeichnet. Animiert ist nur,
was auf der Leinwand passiert. Zumindest zunächst.
## Sabotage eines Rendezvous
Dann nämlich Clou Nummer zwei: Die Grenzen zwischen der realen und der
gezeichneten Welt erweisen sich stets als äußerst durchlässig. Nicht nur
bringt die zeichnende Hand mit Füller und Tinte Leben hervor. Die lebendige
Figur, ein immer wiederkehrender Clown (der irgendwann den Namen Koko
bekommt), verlässt regelmäßig sein Blatt und die gezeichnete Welt, um in
der realen Welt dem von sich selbst gespielten realen Zeichner Max
Fleischer teils recht übel mitzuspielen, etwa indem er ein Rendezvous per
Autofahrt sabotiert.
Der allerdings rächt sich und schont seine Figur keineswegs: Mal wird sie
entblößt, mal in Ketten gelegt, mal mit Fliegen gepiesackt. Eine
[2][Sadomasobeziehung, tricky und meta], noch dazu zwischen Schöpfer und
Geschöpf.
Clou Nummer drei: die von Max Fleischer entwickelte Technik der
„Rotoskopie“, die im Prinzip bis heute benutzt wird. Dafür wird per
technischer Vorrichtung eine real gefilmte Bewegung Bild für Bild
nachgezeichnet und so ungeheuer lebensnah und lebendig animiert. Koko der
Clown – real von Max’ Bruder Dave vorgespielt (der bei den Strips auch die
Regie geführt hat) – ist ein Wirbelwind sondergleichen: springt, rennt,
macht Salto, klettert animiert die reale Hauswand hinunter und wieder
hinauf, er ist als Animationsfigur quasi die Lebendigkeit selbst.
## Sex-Ikone „Betty Boop“
Auch nach „Out of the Inkwell“ hatten die Fleischers große Erfolge, von der
selbstbewusst-wilden Sex-Ikone „Betty Boop“ bis zu den ersten
Superman-Animationen in den frühen vierziger Jahren. Nicht zuletzt [3][der
Aufstieg der Disney-Studios] mit ihren viel braveren Filmen drängte die
Fleischer Studios zunehmend in den Schatten. In den vierziger Jahren gingen
sie in die Insolvenz.
Eine jetzt erschienene DVD mit restaurierten Versionen vieler „Out of the
Inkwell“-Filme konnte der Privatsammler Tommy José States nur per
Kickstarter finanzieren. Einen Eindruck von Fleischers Werken kann man sich
auf Youtube verschaffen. Aber der real deal ist die DVD.
10 Jan 2026
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## AUTOREN
(DIR) Ekkehard Knörer
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