# taz.de -- Psychologe über Gemeinsinn: „Was Besseres als den Tod finden wir überall“
       
       > Warum Thomas Gottschalk für Verbundenheit sorgte, KI-Gespräche zu
       > Schizophrenie führen könnten und was Donald Trump und Benjamin Blümchen
       > gemeinsam haben. Stephan Grünewald im taz-FUTURZWEI-Interview.
       
 (IMG) Bild: Mit der KI im Selbstgespräch zu sein, schadet der Entwicklung eines demokratischen Gemeinsamen.
       
       [1][taz FUTURZWEI]: Sind wir in Zeiten von Thomas Gottschalk und Wetten,
       dass..? noch eine bessere Gesellschaft gewesen, lieber Stephan Grünewald? 
       
       Stephan Grünewald: Ob eine bessere, weiß ich nicht zu beurteilen, aber eine
       verbundenere. Weil das noch eine Zeit war, in der es eine gemeinsame
       Blickrichtung gab. Der Samstagabend war eine Art heilige Primetime, wo die
       ganze Familie auf dem Gottschalk-Sofa zusammenkam. Ich eröffne mein Buch
       mit dieser Szenerie der gespiegelten Couch.
       
       taz FUTURZWEI: Was meint das?
       
       Stephan Grünewald: Die Couch war wirklich ein Symbol der Verbundenheit. Auf
       der einen Couch im Fernseher saßen die großen Stars und auf der anderen
       Couch im Wohnzimmer zu Hause saßen Groß und Klein – die Eltern und auch die
       Kleinen, die zu diesem besonderen Anlass aufbleiben durften. Alle hatten
       sich ein bisschen herausgeputzt. Und mit der Eurovisionshymne war auf
       einmal das Gefühl da, dass nicht nur Deutschland, sondern der ganze
       deutschsprachige Raum eine gemeinsame Blick- und Hoffnungsrichtung
       entwickelt. Die Magie bestand darin, dass [2][Gottschalk] zwei Seiten hat.
       
       taz FUTURZWEI: Ah ja?
       
       Stephan Grünewald: Die göttliche Seite, aber auch die Schalk-Seite. Mit der
       Schalk-Seite erdete er die Stars und mit der Gottseite hob er den gemeinen
       Menschen aus dem Publikum in den Himmel. Das war eine Aufstiegsfaszination,
       die da waltete, dass man für einen Tag mal zum Wettkönig avancieren kann
       und ebenbürtig ist mit den großen Stars.
       
       taz FUTURZWEI: Naja.
       
       Stephan Grünewald: Doch. Es war ein veritables Aufstiegsversprechen der
       damaligen Zeit, dass jeder groß herauskommen kann. Wenn er nur eine
       ausgeklügelte Wette hat, kann er es auch mit Riesen aufnehmen. Die
       ständigen Bagger in der Sendung waren die personifizierten Riesen. Die
       gesellschaftliche Verbundenheit war über das Lagerfeuergefühl dieser
       Sendung da, und das Aufstiegsversprechen auch.
       
       taz FUTURZWEI: Das gespiegelte Sofa ist eine integrative,
       medienüberschreitende Situation. Sie setzt aber eine Integrität der
       Gesellschaft voraus. Schwer vorstellbar, dass so etwas heute möglich wäre.
       
       Stephan Grünewald: Es gibt schon eine Sehnsucht, aber junge Leute haben
       überhaupt keinen Bock mehr, mit ihren Eltern auf dem Sofa zu sitzen und
       terrestrisches Fernsehen zu gucken, allenfalls als Gefälligkeitsgeste. Die
       sind bei [3][TikTok], die sind in ihren [4][sozialen Medien]. Weil die
       ganze Medienlandschaft parzelliert ist und die Leute über Social Media
       ihren konfektionierten Tagträumen folgen, gelingt es nur noch bei
       Großereignissen von [5][Fußball]-Länderspielen, bei Halbfinals oder Finals,
       dieses Lagerfeuergefühl zu evozieren. Es hat sich aber auch etwas
       verändert.
       
       taz FUTURZWEI: Was?
       
       Stephan Grünewald: Wir haben im Frühsommer eine große Verbundenheitsstudie
       gemacht. 89 Prozent haben das Gefühl, wir seien mittlerweile eine entzweite
       Gesellschaft. Ebenso viele sagen, die Aggressivität im Miteinander habe
       zugenommen. Obwohl fast 80 Prozent der Leute sich danach sehnen, dass
       wieder Verbundenheit entsteht, tun viele unbewusst genau das Gegenteil: Sie
       bilden in ihren Sozialkreisen zunehmend eine Art Wagenburg-Mentalität aus.
       Die soziale Hermetik nimmt zu und die Menschen beschreiben uns, dass sie
       anfangen, all diejenigen auszusortieren, die anstrengend sind, die eine
       andere Meinung haben. Das führt zu Silos mit Fundamentalisierungstendenz.
       Die Silos sind nicht mehr im Gespräch miteinander. Wir haben eine
       erodierende Streitkultur. Wenn man sich nicht mehr mit Andersdenkenden
       auseinandersetzt, kommt es ja nicht zum Perspektivwechsel, zum Verständnis,
       sondern man wird immer unduldsamer. Und immer radikaler in seiner Haltung.
       
       taz FUTURZWEI: Das lässt sich empirisch abbilden. Und doch ist es eine
       interessante Frage, inwieweit das auch gemachte Bilder sind. Es gibt
       einerseits eine große Erzählung darüber, dass alle unheimlich unfreundlich,
       hypergereizt und dauererregt sind, aber gleichzeitig gibt es eine
       Benutzeroberfläche von Gesellschaft, die dem Bild gar nicht entspricht.
       Jeder von uns erlebt im Alltag auch ganz andere Dinge. Dass Menschen
       freundlich miteinander umgehen, dass Plätze im Bus freigemacht werden, man
       Verlorenes hinterhergetragen bekommt und und und.
       
       Stephan Grünewald: Das ist das Tröstliche. Jeder, der mal Bahn gefahren
       ist, merkt: Dadurch, dass die Bahn aus dem Takt ist, entsteht im Abteil
       direkt so etwas wie eine Schicksalsgemeinschaft. Da wird Verbundenheit
       wieder erlebbar, da erzählen die Leute von sich und dann ist in diesem
       zufälligen Begegnungsraum auch wieder ein großes Verstehen da. Wir erleben
       das auch, wenn wir eine Gruppendiskussion machen, da sitzt manchmal der
       [6][AfD]-Wähler neben der [7][Muslima], neben dem türkischen
       Kaffeehaus-Besucher.
       
       taz FUTURZWEI: Was passiert?
       
       Stephan Grünewald: Es entsteht Verbundenheit.
       
       taz FUTURZWEI: Wie das?
       
       Stephan Grünewald: Weil es einen sicheren Rahmen gibt, weil es Spielregeln
       gibt – dass man einander zuhört und sich nicht ins Wort fällt und sich vor
       allen Dingen nicht vorab kritisiert –, öffnet sich ein vorurteilsfreier
       Raum. Manchmal ist es dann schwierig, die Gruppe nach zwei Stunden wieder
       rauszukomplementieren, obwohl das so angesetzt ist. Aber die Grunddiagnose
       der zunehmenden Wagenburgmentalität ist nicht herbeigeschrieben. Es sind ja
       viele Dinge, die ich im Buch beschreibe – sei es [8][Homeoffice] oder
       [9][Netflix].
       
       taz FUTURZWEI: Was ist mit Netflix?
       
       Stephan Grünewald: Wenn ich viel Netflix gucke, bin ich in einer Welt, die
       eine ungeheure Erwartungssicherheit bietet, weil ich spätestens nach der
       dritten Folge das dramaturgische Muster der Serie kenne und mit der
       Handvoll Figuren vertraut bin. Ich habe sozusagen eine familiäre Blase im
       [10][Fernsehen] aufgebaut, der ich dann manchmal über Tage oder Wochen
       folge. Aber in der Zeit gucke ich keine Nachrichten, kriege keine
       Dokumentationen mit, sehe keine Ratgebersendungen und kriege noch nicht mal
       Werbung mit, die uns daran erinnert, dass wir den Garten bestellen oder die
       Suppe anrühren müssen.
       
       taz FUTURZWEI: Die Netflix-Serie ist die Antithese zu Thomas Gottschalk?
       
       Stephan Grünewald: Die Netflix-Serie, das [11][Internet] und die sozialen
       Medien sind Maschinen narzisstischer Selbstbespiegelung. Du kriegst das
       algorithmisch immer wieder vorgesetzt, was deinem eigentlichen Impetus
       entspricht. Im Buch unterscheide ich drei Logiken. Es gibt die Tageslogik:
       Wir müssen wissen, was da draußen in der Welt passiert, müssen uns
       orientieren, einkaufen, auch vernünftig sein, sonst funktioniert das nicht.
       Dann gibt es die Traumlogik, das war [12][Wetten, dass..?] oder sind
       Kinofilme: Wir machen eine Traumreise, drehen an den Verhältnissen, haben
       verrückte Einfälle. Der nächtliche Traum konterkariert die
       Betriebsblindheit des Tages. Neu und auf dem Vormarsch ist die
       Tagtraumlogik.
       
       taz FUTURZWEI: Was ist das?
       
       Stephan Grünewald: Dabei geht es vor allen Dingen darum, eigene
       Frusterlebnisse zu kompensieren. Der Traum bringt uns auf neue Ideen, aber
       der Tagtraum tröstet uns über Unzulänglichkeiten hinweg. Sagen wir: Ich bin
       früher beim Fußball als Letzter gewählt worden, in meinen Tagträumen habe
       ich immer die Nationalelf zum Titel geschossen. Tagtraumfantasien sind
       narzisstische Selbstbespiegelungen. Wir sind dabei auf den anderen gar
       nicht mehr so bezogen, wie wir das früher waren.
       
       taz FUTURZWEI: Das sind Erkenntnisse aus Ihren Gruppendiskussionen?
       
       Stephan Grünewald: In den Gruppendiskussionen beschreiben uns die Leute,
       was vorgeht. Man kann natürlich sehen, dass immer weniger Leute lineares
       Fernsehen gucken und die Netflix-Nutzung hochgeht. Ich weiß nicht, ob Sie
       letzten Samstag die [13][ARD] eingeschaltet haben, da lief so ein
       Schlagerfestival.
       
       taz FUTURZWEI: Schlagerfestivals schaue ich immer, aber ausgerechnet
       letzten Samstag nicht.
       
       Stephan Grünewald: Es war faszinierend. Da waren 80.000 Menschen im
       Westfalenstadion, Florian Silbereisen und die Üblichen turnten da rum, und
       alle lagen sich in den Armen und sangen zusammen. Es gibt eine riesige
       Sehnsucht nach Gemeinsamkeit, die bei solchen Events nochmal aufgerufen
       wird. Diese Sehnsucht ist gewissermaßen die andere Seite des Selbstbezugs
       und der Wagenburg.
       
       taz FUTURZWEI: Die 80.000 waren bestimmt so Mittelalter. Was ist mit den
       ganz Jungen?
       
       Stephan Grünewald: Also, wir hatten gerade eine Studie:
       Social-Media-Nutzung bei der Generation Alpha, das sind die Jahrgänge ab
       2010. Der ganze Tag ist damit strukturiert. Social Media entscheidet, was
       wahr und was wirklich ist. Und Originalzitat: „Niemand versteht und liebt
       mich so wie mein [14][Algorithmus].“ Da ist eine ganz andere Beziehungsform
       am Start. Und wir sind ja erst am Anfang, wenn man so schaut, wie viele
       junge Leute die [15][KI] mittlerweile als Best Buddy haben, mit dem sie
       Liebeskummer und überhaupt alle ihre Probleme besprechen. Ich habe mich
       darüber mit meiner Lehranalytikerin unterhalten. Sie hat ein paar junge
       Leute, die ständig mit der KI im Gespräch sind.
       
       taz FUTURZWEI: Was heißt das, wenn man „mit der KI im Gespräch“ ist?
       
       Stephan Grünewald: Das ist im Grunde genommen ein erweitertes
       Selbstgespräch. In der jetzigen Form ist die KI immer selbstbestärkend und
       sagt: Das ist ein toller Gedanke, das kann ich nachvollziehen. Die
       Lehranalytikerin meinte, die Gefahr sei, dass man irgendwann schizophren
       wird, weil man kein Gegenüber hat, das Reibung erzeugt, das einem
       widerspricht. Der Perspektiv-wechsel, dass man auch mal ins Neuland gerät,
       das wird alles ausgehebelt. Es ist der Übergang vom Selfmademan zum
       Selfiemademan.
       
       taz FUTURZWEI: Das sind jetzt Ihre berühmten Aperçus. Das politische
       Problem ist, dass man keine Demokratie machen kann mit lauter Menschen, die
       in endlosen Spiegelkabinetten leben.
       
       Stephan Grünewald: Das ist das große Problem. Die Kompromissfähigkeit, die
       Bereitschaft zum Perspektivwechsel erlahmt und gleichzeitig gibt es zwei
       große Einflüsse, die dazu führen, dass die Unduldsamkeit auch wächst, weil
       man glaubt, Regierungshandeln, Alltagshandeln, überhaupt alles muss auf
       Knopfdruck funktionieren. Das ist einerseits die Digitalentwicklung:
       Seitdem die Leute ein Smartphone haben, haben sie die Erwartung,
       gottähnliche Kontrolle und Steuerungshoheit zu haben und alles auf
       Knopfdruck ertindern und abrufen zu können. Das andere ist, mit Blick auf
       China und jetzt Trump: Man hat das Gefühl, auch politisches Handeln kann
       sehr viel effizienter sein. Die deutsche Politik wird dann als Bummelzug
       verstanden, der komplett aus dem Takt ist, und das Ideal ist auf einmal der
       chinesische Schnellzug, der in Rekordzeit von A nach B fährt. Also: Die
       Erwartung ist groß, sehr viel effizienter und schneller zu unseren Zielen
       kommen zu können. Die Unduldsamkeit wächst bei gleichzeitiger Verkleinerung
       der Verständnisbereitschaft.
       
       taz FUTURZWEI: Jetzt mal unterstellt, wir beide finden Demokratie super,
       die freiheitliche Ordnung der Bundesrepublik auch und wahrscheinlich sogar
       die Geschichte des Nachkriegswestens. Ist das alles vorbei?
       
       Stephan Grünewald: Das ist nicht vorbei. Aber ja, es ist eine Geschichte
       des Gelingens. Wir haben die Trümmer vor Augen und Auschwitz und das
       unmenschliche, zerstörerische Obwalten der Nazis. Dann war es großartig,
       dass es auf einmal Spielregeln gab, ein verfassungsgemäßes Handeln, eine
       UNO, wo die Völker sich verständigen. Das wird aber heute gar nicht mehr
       geschätzt. Die Leute schimpfen in unseren Interviews zwar nicht über die
       UNO, aber die Europafeindlichkeit ist groß. Europa wird mit Langatmigkeit,
       mit Bürokratisierung, mit Bevormundung verbunden, aber eben gar nicht als
       Erfolgsprodukt. Die Gefahr ist, dass man im Hier und Jetzt nur noch die
       Defizite erkennt und benennt. Das hat mich in unserer Verbundenheitsstudie
       alarmiert: Die Frage „Vertrauen sie noch den demokratischen
       Institutionen?“, haben nur 34 Prozent bejaht. Zwei Drittel der Gesellschaft
       sind sehr skeptisch.
       
       taz FUTURZWEI: Auf der einen Seite sind das Wirkungen einer veränderten
       Medienlandschaft, auf der anderen Seite steht ein Individualisierungsschub,
       der auch ökonomische Ursachen hat, dazu das reaktionäre Zeugs der AfD und
       vieles mehr. Aber aufseiten der Bewahrung unseres Gesellschaftssystems ist
       gegenwärtig überhaupt noch nichts, was dem entgegengesetzt wird.
       
       Stephan Grünewald: Es gibt eine Bewahrungstendenz, aber die macht sich
       nicht an den Institutionen fest, sondern eher an dem, „was uns zusteht“.
       Ich spreche im Buch davon, dass wir nicht in einer Zeitenwende oder
       Aufbruchsbewegung sind, sondern in einer gefühlten Nachspielzeit.
       
       taz FUTURZWEI: Heißt?
       
       Stephan Grünewald: Die Leute hoffen, dass ihnen all das, was das Leben
       schön und komfortabel macht, noch mal ein paar Monate oder ein halbes Jahr
       erhalten bleibt. Sie spüren natürlich, dass da eine gewaltige Umwälzung
       droht, aber sie spielen erstmal auf Halten, und in dieser Nachspielzeit ist
       der Wille deutlich reduziert, sich um so langfristige Themen wie
       [16][Klimawandel] zu kümmern oder die [17][Demokratie] zu erhalten.
       
       taz FUTURZWEI: Wie gehen die Parteien und Politiker mit Ihren Studien um?
       Das sind ja relevante Informationen.
       
       Stephan Grünewald: Ich war letzte Woche bei einer
       [18][CDU]-Präsidiumsklausur eingeladen und habe eine Stunde von unseren
       Erkenntnissen berichtet, warum Leute AfD wählen und aus der Mitte
       wegkippen. Ich hatte das Gefühl, dass da schon ein Interesse ist.
       
       taz FUTURZWEI: Ihre Ergebnisse widersprechen in ihrer empirischen Dichte
       aber all diesen einfachen Geschichten, dass Migration das Problem sei, dass
       Bürgergeldbezieher das Probleme seien.
       
       Stephan Grünewald: Naja. Das [19][Bürgergeld] kommt ganz oft in den
       Interviews vor, da gibt es ein großes Wertschätzungsproblem in der
       Bevölkerung. Die „normalen arbeitenden Menschen“ mit ihren Sorgen und Nöten
       haben tatsächlich das Gefühl, sie werden von der Politik nicht so
       wahrgenommen und bekommen statt Applaus auch noch naserümpfende
       Vorhaltungen. Wieso esst ihr noch Fleisch und wieso raucht ihr noch? Wieso
       fahrt ihr noch [20][Diesel]? Da ist eine große Gekränktheit. Die hatte sich
       zugespitzt rund um die Flüchtlingskrise 2015, weil viele das Gefühl hatten,
       wieso kriegen die Fremden, mit denen man durchaus Mitleid hatte, aber wieso
       kriegen die jetzt den großen Bahnhof bereitet und mir applaudiert keiner?
       Das war ja dieser Topos: Die Mutter [21][Merkel] liebt die fremden Kinder
       mehr als die eigenen. Und jetzt kümmert sich aus Sicht der Arbeitenden die
       linke Agenda auch nur um das Klima und bestimmte Gruppen, die benachteiligt
       sind – und sieht sie und ihre Sorgen nicht, die Inflation, eine bezahlbare
       Wohnung zu finden und so weiter. Das ist die Kränkung, auf dieser Basis
       entsteht der Groll gegenüber dem Bürgergeld.
       
       taz FUTURZWEI: Wie kann man in dieser Situation den Binnenraum der
       Gesellschaftlichkeit stärken?
       
       Stephan Grünewald: Rückzug, Selbstbespiegelung, Selbstbezüglichkeit,
       Abschottung in sozialen Blasen führt zu einer gestauten Bewegungsenergie.
       Das ist die zentrale Diagnose. Während der Energiekrise im Winter 2022/23
       ist es gelungen, diese gestaute Bewegungsenergie zu kanalisieren, weil alle
       ein sinnvolles Ziel vor Augen hatten: Wir müssen gut durch den Winter
       kommen. Alle wussten, was sie zu tun haben, nämlich den Thermostat
       runterzudrehen und hatten damit das Gefühl von Selbstwirksamkeit. Und sie
       hatten das Gefühl: Das mach ich nicht allein, der Nachbar zieht mit, das
       wird nicht auf meinem Rücken allein ausgetragen, auch die Industrie fährt
       ihre energieintensive Produktion runter und der [22][Habeck] kümmert sich
       um die LNG-Terminals. Da war so etwas von einer Schicksalsgemeinschaft
       spürbar, und am Ende wurden auch 20 Prozent Energie eingespart. Das große
       Dilemma war, dass das nicht wertgeschätzt wurde.
       
       taz FUTURZWEI: Von wem?
       
       Stephan Grünewald: Der Kanzler und die Regierung hätten sich vor den
       Bürgern verneigen und sagen müssen: Wir sind wahnsinnig stolz und das zeigt
       mal, was für eine Kraft in unserem Land steckt.
       
       taz FUTURZWEI: Ich wohne in einer Wohnanlage mit vielen Parteien und mein
       Eindruck ist: Die fühlen sich alle nicht gesehen. Die würden das so nicht
       sagen, aber sie sagen, ich verstehe das alles nicht. Sie verstehen sich
       untereinander, aber sie verstehen sich nicht mehr in Bezug auf die Politik.
       Das ist eine Emergency-Situation für die demokratischen Institutionen. Wir
       kriegen ja in den USA vorgeführt, wie das ausgeht.
       
       Stephan Grünewald: Ja, klar. Wir erleben in den [23][USA] aus
       psychologischer Sicht die Wiedergeburt totemistischer Stammeskulturen.
       [24][Trump] ist der Fleisch gewordene Elefant, das Totemtier, und damit ist
       zweierlei verbunden. Einerseits eine magische Kraftentfaltung: Wir sind so
       mächtig und er macht uns „great again“. Trump hat ja nicht nur dieselbe
       Mütze wie Benjamin Blümchen, er trampelt und trompetet auch durch die
       Gegend und er wirkt authentisch, weil er dieses Elefantenimago
       repräsentiert. Er schafft auch eine Stammesverwandtschaft, weil seine
       Anhänger das Gefühl haben: Wir sind wie er. Die sehen nicht den Milliardär,
       sondern die sehen die Elefantenseele und haben das Gefühl: Ja, genau, wir
       haben auch ein dickes Fell und wir lassen uns auch nichts gefallen und wir
       wollen auch trampeln und trompeten. Das ist totemistische Stammeskultur aus
       der Bronzezeit, das ist gefährlich und etwas komplett anderes als das, was
       Europa in den letzten 80 Jahren stark gemacht hat. Das hat mit Fakten und
       Diskurshoheit und Vernunft und mit all dem nichts zu tun, was wir uns als
       Aufklärungswerte angeeignet haben.
       
       taz FUTURZWEI: Die These unseres Heftes ist, dass es Wohnzimmer der
       Gesellschaft braucht, analoge Räume, um Demokratie zu leben und zu
       bewahren. Sie sind dabei, so einen Raum zu schaffen.
       
       Stephan Grünewald: Ja, wir haben das Projekt der „Zusammenhaltestelle“. Wir
       wollen in einem Loft, das wir erstanden haben, einen Begegnungsraum
       begründen, wo Leute unterschiedlicher Geisteshaltung ins Gespräch kommen
       und den Perspektivwechsel vornehmen können.
       
       taz FUTURZWEI: Warum geht das nur analog?
       
       Stephan Grünewald: Wenn ich nicht die atmosphärische Unmittelbarkeit habe,
       wenn ich kein Gegenüber habe, das ich anfassen und riechen und wahrnehmen
       kann, dann bin ich in dieser digitalen Unverbindlichkeit. Dann ist es auch
       einfacher, in so einer Wisch-und-Weg-Bewegung Dinge wegzuwischen, die einem
       nicht schmecken. Es braucht den sicheren Rahmen und die analoge Begegnung,
       es braucht etwas zu trinken, etwas zu essen, was ja auch schon eine gewisse
       Gemeinschaft schafft.
       
       taz FUTURZWEI: Seit wann machen Sie das?
       
       Stephan Grünewald: Wir haben seit Anfang des Jahres mit ein paar Formaten
       experimentiert und gemerkt: Es ist ganz, ganz wichtig, einen sicheren und
       tragenden Rahmen zu schaffen, in dem Leute sich wohlfühlen und das Gefühl
       haben, sie sind willkommen. Ich beschreibe in meinem Buch die Bremer
       Stadtmusikanten als Verbundenheitsmärchen.
       
       taz FUTURZWEI: Was ist mit denen?
       
       Stephan Grünewald: Bei den Bremer Stadtmusikanten sind die Tiere ja
       grundverschieden, Hund und Katze, Esel und Hahn. Die Abbildungen der
       Stadtmusikanten zeigen, dass der eine auf dem anderen thront. Das bedeutet:
       Wenn man bereit ist, trotz der Verschiedenheit aufeinander zu bauen und zu
       vertrauen, entsteht eine wirkmächtige neue Gestalt, die mehr ist als die
       Summe ihrer Teile oder ihre Mitglieder. Wenn diese Erkenntnis sich auch in
       der Gesellschaft wieder einstellt, dass wir gemeinsam und gerade in unserer
       Unterschiedlichkeit, in unserer Ergänzungslogik, etwas bewegen können, dann
       werden wir auch die Krisen meistern.
       
       taz FUTURZWEI: Die Bremer Stadtmusikanten sind ja ein unkonventionelles
       Bündnis. Das müssen wir auch wieder lernen, solche Bündnisse zu schließen.
       
       Stephan Grünewald: Genau. Und es braucht immer ein gemeinsames Ziel. Ihres
       lautet: Wir gehen nach Bremen und musizieren da gemeinsam. Es braucht
       Bereitschaft, mal zuzuhören und nicht nur zu senden. Und es braucht auch
       das Eingeständnis der eigenen Schwächen und Defizite. Wir werden zu
       sozialen Wesen, wenn wir nicht nur die Macke des anderen sehen, sondern
       anerkennen, dass wir auch beschränkt und bekloppt sind. Dann ist der andere
       eine Ergänzung oder Erweiterung. Ach ja, und ihr Motto ist auch sehr
       wichtig: Was Besseres als den Tod finden wir überall.
       
       🐾 Lesen Sie weiter: Dieser Text erschien zuerst in der Ausgabe N°35 unseres
       Magazins taz FUTURZWEI mit dem Titelthema „Das Wohnzimmer der Gesellschaft“
       – erhältlich [25][im taz Shop].
       
       6 Jan 2026
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Harald Welzer
       
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