# taz.de -- Psychologe über Gemeinsinn: „Was Besseres als den Tod finden wir überall“
> Warum Thomas Gottschalk für Verbundenheit sorgte, KI-Gespräche zu
> Schizophrenie führen könnten und was Donald Trump und Benjamin Blümchen
> gemeinsam haben. Stephan Grünewald im taz-FUTURZWEI-Interview.
(IMG) Bild: Mit der KI im Selbstgespräch zu sein, schadet der Entwicklung eines demokratischen Gemeinsamen.
[1][taz FUTURZWEI]: Sind wir in Zeiten von Thomas Gottschalk und Wetten,
dass..? noch eine bessere Gesellschaft gewesen, lieber Stephan Grünewald?
Stephan Grünewald: Ob eine bessere, weiß ich nicht zu beurteilen, aber eine
verbundenere. Weil das noch eine Zeit war, in der es eine gemeinsame
Blickrichtung gab. Der Samstagabend war eine Art heilige Primetime, wo die
ganze Familie auf dem Gottschalk-Sofa zusammenkam. Ich eröffne mein Buch
mit dieser Szenerie der gespiegelten Couch.
taz FUTURZWEI: Was meint das?
Stephan Grünewald: Die Couch war wirklich ein Symbol der Verbundenheit. Auf
der einen Couch im Fernseher saßen die großen Stars und auf der anderen
Couch im Wohnzimmer zu Hause saßen Groß und Klein – die Eltern und auch die
Kleinen, die zu diesem besonderen Anlass aufbleiben durften. Alle hatten
sich ein bisschen herausgeputzt. Und mit der Eurovisionshymne war auf
einmal das Gefühl da, dass nicht nur Deutschland, sondern der ganze
deutschsprachige Raum eine gemeinsame Blick- und Hoffnungsrichtung
entwickelt. Die Magie bestand darin, dass [2][Gottschalk] zwei Seiten hat.
taz FUTURZWEI: Ah ja?
Stephan Grünewald: Die göttliche Seite, aber auch die Schalk-Seite. Mit der
Schalk-Seite erdete er die Stars und mit der Gottseite hob er den gemeinen
Menschen aus dem Publikum in den Himmel. Das war eine Aufstiegsfaszination,
die da waltete, dass man für einen Tag mal zum Wettkönig avancieren kann
und ebenbürtig ist mit den großen Stars.
taz FUTURZWEI: Naja.
Stephan Grünewald: Doch. Es war ein veritables Aufstiegsversprechen der
damaligen Zeit, dass jeder groß herauskommen kann. Wenn er nur eine
ausgeklügelte Wette hat, kann er es auch mit Riesen aufnehmen. Die
ständigen Bagger in der Sendung waren die personifizierten Riesen. Die
gesellschaftliche Verbundenheit war über das Lagerfeuergefühl dieser
Sendung da, und das Aufstiegsversprechen auch.
taz FUTURZWEI: Das gespiegelte Sofa ist eine integrative,
medienüberschreitende Situation. Sie setzt aber eine Integrität der
Gesellschaft voraus. Schwer vorstellbar, dass so etwas heute möglich wäre.
Stephan Grünewald: Es gibt schon eine Sehnsucht, aber junge Leute haben
überhaupt keinen Bock mehr, mit ihren Eltern auf dem Sofa zu sitzen und
terrestrisches Fernsehen zu gucken, allenfalls als Gefälligkeitsgeste. Die
sind bei [3][TikTok], die sind in ihren [4][sozialen Medien]. Weil die
ganze Medienlandschaft parzelliert ist und die Leute über Social Media
ihren konfektionierten Tagträumen folgen, gelingt es nur noch bei
Großereignissen von [5][Fußball]-Länderspielen, bei Halbfinals oder Finals,
dieses Lagerfeuergefühl zu evozieren. Es hat sich aber auch etwas
verändert.
taz FUTURZWEI: Was?
Stephan Grünewald: Wir haben im Frühsommer eine große Verbundenheitsstudie
gemacht. 89 Prozent haben das Gefühl, wir seien mittlerweile eine entzweite
Gesellschaft. Ebenso viele sagen, die Aggressivität im Miteinander habe
zugenommen. Obwohl fast 80 Prozent der Leute sich danach sehnen, dass
wieder Verbundenheit entsteht, tun viele unbewusst genau das Gegenteil: Sie
bilden in ihren Sozialkreisen zunehmend eine Art Wagenburg-Mentalität aus.
Die soziale Hermetik nimmt zu und die Menschen beschreiben uns, dass sie
anfangen, all diejenigen auszusortieren, die anstrengend sind, die eine
andere Meinung haben. Das führt zu Silos mit Fundamentalisierungstendenz.
Die Silos sind nicht mehr im Gespräch miteinander. Wir haben eine
erodierende Streitkultur. Wenn man sich nicht mehr mit Andersdenkenden
auseinandersetzt, kommt es ja nicht zum Perspektivwechsel, zum Verständnis,
sondern man wird immer unduldsamer. Und immer radikaler in seiner Haltung.
taz FUTURZWEI: Das lässt sich empirisch abbilden. Und doch ist es eine
interessante Frage, inwieweit das auch gemachte Bilder sind. Es gibt
einerseits eine große Erzählung darüber, dass alle unheimlich unfreundlich,
hypergereizt und dauererregt sind, aber gleichzeitig gibt es eine
Benutzeroberfläche von Gesellschaft, die dem Bild gar nicht entspricht.
Jeder von uns erlebt im Alltag auch ganz andere Dinge. Dass Menschen
freundlich miteinander umgehen, dass Plätze im Bus freigemacht werden, man
Verlorenes hinterhergetragen bekommt und und und.
Stephan Grünewald: Das ist das Tröstliche. Jeder, der mal Bahn gefahren
ist, merkt: Dadurch, dass die Bahn aus dem Takt ist, entsteht im Abteil
direkt so etwas wie eine Schicksalsgemeinschaft. Da wird Verbundenheit
wieder erlebbar, da erzählen die Leute von sich und dann ist in diesem
zufälligen Begegnungsraum auch wieder ein großes Verstehen da. Wir erleben
das auch, wenn wir eine Gruppendiskussion machen, da sitzt manchmal der
[6][AfD]-Wähler neben der [7][Muslima], neben dem türkischen
Kaffeehaus-Besucher.
taz FUTURZWEI: Was passiert?
Stephan Grünewald: Es entsteht Verbundenheit.
taz FUTURZWEI: Wie das?
Stephan Grünewald: Weil es einen sicheren Rahmen gibt, weil es Spielregeln
gibt – dass man einander zuhört und sich nicht ins Wort fällt und sich vor
allen Dingen nicht vorab kritisiert –, öffnet sich ein vorurteilsfreier
Raum. Manchmal ist es dann schwierig, die Gruppe nach zwei Stunden wieder
rauszukomplementieren, obwohl das so angesetzt ist. Aber die Grunddiagnose
der zunehmenden Wagenburgmentalität ist nicht herbeigeschrieben. Es sind ja
viele Dinge, die ich im Buch beschreibe – sei es [8][Homeoffice] oder
[9][Netflix].
taz FUTURZWEI: Was ist mit Netflix?
Stephan Grünewald: Wenn ich viel Netflix gucke, bin ich in einer Welt, die
eine ungeheure Erwartungssicherheit bietet, weil ich spätestens nach der
dritten Folge das dramaturgische Muster der Serie kenne und mit der
Handvoll Figuren vertraut bin. Ich habe sozusagen eine familiäre Blase im
[10][Fernsehen] aufgebaut, der ich dann manchmal über Tage oder Wochen
folge. Aber in der Zeit gucke ich keine Nachrichten, kriege keine
Dokumentationen mit, sehe keine Ratgebersendungen und kriege noch nicht mal
Werbung mit, die uns daran erinnert, dass wir den Garten bestellen oder die
Suppe anrühren müssen.
taz FUTURZWEI: Die Netflix-Serie ist die Antithese zu Thomas Gottschalk?
Stephan Grünewald: Die Netflix-Serie, das [11][Internet] und die sozialen
Medien sind Maschinen narzisstischer Selbstbespiegelung. Du kriegst das
algorithmisch immer wieder vorgesetzt, was deinem eigentlichen Impetus
entspricht. Im Buch unterscheide ich drei Logiken. Es gibt die Tageslogik:
Wir müssen wissen, was da draußen in der Welt passiert, müssen uns
orientieren, einkaufen, auch vernünftig sein, sonst funktioniert das nicht.
Dann gibt es die Traumlogik, das war [12][Wetten, dass..?] oder sind
Kinofilme: Wir machen eine Traumreise, drehen an den Verhältnissen, haben
verrückte Einfälle. Der nächtliche Traum konterkariert die
Betriebsblindheit des Tages. Neu und auf dem Vormarsch ist die
Tagtraumlogik.
taz FUTURZWEI: Was ist das?
Stephan Grünewald: Dabei geht es vor allen Dingen darum, eigene
Frusterlebnisse zu kompensieren. Der Traum bringt uns auf neue Ideen, aber
der Tagtraum tröstet uns über Unzulänglichkeiten hinweg. Sagen wir: Ich bin
früher beim Fußball als Letzter gewählt worden, in meinen Tagträumen habe
ich immer die Nationalelf zum Titel geschossen. Tagtraumfantasien sind
narzisstische Selbstbespiegelungen. Wir sind dabei auf den anderen gar
nicht mehr so bezogen, wie wir das früher waren.
taz FUTURZWEI: Das sind Erkenntnisse aus Ihren Gruppendiskussionen?
Stephan Grünewald: In den Gruppendiskussionen beschreiben uns die Leute,
was vorgeht. Man kann natürlich sehen, dass immer weniger Leute lineares
Fernsehen gucken und die Netflix-Nutzung hochgeht. Ich weiß nicht, ob Sie
letzten Samstag die [13][ARD] eingeschaltet haben, da lief so ein
Schlagerfestival.
taz FUTURZWEI: Schlagerfestivals schaue ich immer, aber ausgerechnet
letzten Samstag nicht.
Stephan Grünewald: Es war faszinierend. Da waren 80.000 Menschen im
Westfalenstadion, Florian Silbereisen und die Üblichen turnten da rum, und
alle lagen sich in den Armen und sangen zusammen. Es gibt eine riesige
Sehnsucht nach Gemeinsamkeit, die bei solchen Events nochmal aufgerufen
wird. Diese Sehnsucht ist gewissermaßen die andere Seite des Selbstbezugs
und der Wagenburg.
taz FUTURZWEI: Die 80.000 waren bestimmt so Mittelalter. Was ist mit den
ganz Jungen?
Stephan Grünewald: Also, wir hatten gerade eine Studie:
Social-Media-Nutzung bei der Generation Alpha, das sind die Jahrgänge ab
2010. Der ganze Tag ist damit strukturiert. Social Media entscheidet, was
wahr und was wirklich ist. Und Originalzitat: „Niemand versteht und liebt
mich so wie mein [14][Algorithmus].“ Da ist eine ganz andere Beziehungsform
am Start. Und wir sind ja erst am Anfang, wenn man so schaut, wie viele
junge Leute die [15][KI] mittlerweile als Best Buddy haben, mit dem sie
Liebeskummer und überhaupt alle ihre Probleme besprechen. Ich habe mich
darüber mit meiner Lehranalytikerin unterhalten. Sie hat ein paar junge
Leute, die ständig mit der KI im Gespräch sind.
taz FUTURZWEI: Was heißt das, wenn man „mit der KI im Gespräch“ ist?
Stephan Grünewald: Das ist im Grunde genommen ein erweitertes
Selbstgespräch. In der jetzigen Form ist die KI immer selbstbestärkend und
sagt: Das ist ein toller Gedanke, das kann ich nachvollziehen. Die
Lehranalytikerin meinte, die Gefahr sei, dass man irgendwann schizophren
wird, weil man kein Gegenüber hat, das Reibung erzeugt, das einem
widerspricht. Der Perspektiv-wechsel, dass man auch mal ins Neuland gerät,
das wird alles ausgehebelt. Es ist der Übergang vom Selfmademan zum
Selfiemademan.
taz FUTURZWEI: Das sind jetzt Ihre berühmten Aperçus. Das politische
Problem ist, dass man keine Demokratie machen kann mit lauter Menschen, die
in endlosen Spiegelkabinetten leben.
Stephan Grünewald: Das ist das große Problem. Die Kompromissfähigkeit, die
Bereitschaft zum Perspektivwechsel erlahmt und gleichzeitig gibt es zwei
große Einflüsse, die dazu führen, dass die Unduldsamkeit auch wächst, weil
man glaubt, Regierungshandeln, Alltagshandeln, überhaupt alles muss auf
Knopfdruck funktionieren. Das ist einerseits die Digitalentwicklung:
Seitdem die Leute ein Smartphone haben, haben sie die Erwartung,
gottähnliche Kontrolle und Steuerungshoheit zu haben und alles auf
Knopfdruck ertindern und abrufen zu können. Das andere ist, mit Blick auf
China und jetzt Trump: Man hat das Gefühl, auch politisches Handeln kann
sehr viel effizienter sein. Die deutsche Politik wird dann als Bummelzug
verstanden, der komplett aus dem Takt ist, und das Ideal ist auf einmal der
chinesische Schnellzug, der in Rekordzeit von A nach B fährt. Also: Die
Erwartung ist groß, sehr viel effizienter und schneller zu unseren Zielen
kommen zu können. Die Unduldsamkeit wächst bei gleichzeitiger Verkleinerung
der Verständnisbereitschaft.
taz FUTURZWEI: Jetzt mal unterstellt, wir beide finden Demokratie super,
die freiheitliche Ordnung der Bundesrepublik auch und wahrscheinlich sogar
die Geschichte des Nachkriegswestens. Ist das alles vorbei?
Stephan Grünewald: Das ist nicht vorbei. Aber ja, es ist eine Geschichte
des Gelingens. Wir haben die Trümmer vor Augen und Auschwitz und das
unmenschliche, zerstörerische Obwalten der Nazis. Dann war es großartig,
dass es auf einmal Spielregeln gab, ein verfassungsgemäßes Handeln, eine
UNO, wo die Völker sich verständigen. Das wird aber heute gar nicht mehr
geschätzt. Die Leute schimpfen in unseren Interviews zwar nicht über die
UNO, aber die Europafeindlichkeit ist groß. Europa wird mit Langatmigkeit,
mit Bürokratisierung, mit Bevormundung verbunden, aber eben gar nicht als
Erfolgsprodukt. Die Gefahr ist, dass man im Hier und Jetzt nur noch die
Defizite erkennt und benennt. Das hat mich in unserer Verbundenheitsstudie
alarmiert: Die Frage „Vertrauen sie noch den demokratischen
Institutionen?“, haben nur 34 Prozent bejaht. Zwei Drittel der Gesellschaft
sind sehr skeptisch.
taz FUTURZWEI: Auf der einen Seite sind das Wirkungen einer veränderten
Medienlandschaft, auf der anderen Seite steht ein Individualisierungsschub,
der auch ökonomische Ursachen hat, dazu das reaktionäre Zeugs der AfD und
vieles mehr. Aber aufseiten der Bewahrung unseres Gesellschaftssystems ist
gegenwärtig überhaupt noch nichts, was dem entgegengesetzt wird.
Stephan Grünewald: Es gibt eine Bewahrungstendenz, aber die macht sich
nicht an den Institutionen fest, sondern eher an dem, „was uns zusteht“.
Ich spreche im Buch davon, dass wir nicht in einer Zeitenwende oder
Aufbruchsbewegung sind, sondern in einer gefühlten Nachspielzeit.
taz FUTURZWEI: Heißt?
Stephan Grünewald: Die Leute hoffen, dass ihnen all das, was das Leben
schön und komfortabel macht, noch mal ein paar Monate oder ein halbes Jahr
erhalten bleibt. Sie spüren natürlich, dass da eine gewaltige Umwälzung
droht, aber sie spielen erstmal auf Halten, und in dieser Nachspielzeit ist
der Wille deutlich reduziert, sich um so langfristige Themen wie
[16][Klimawandel] zu kümmern oder die [17][Demokratie] zu erhalten.
taz FUTURZWEI: Wie gehen die Parteien und Politiker mit Ihren Studien um?
Das sind ja relevante Informationen.
Stephan Grünewald: Ich war letzte Woche bei einer
[18][CDU]-Präsidiumsklausur eingeladen und habe eine Stunde von unseren
Erkenntnissen berichtet, warum Leute AfD wählen und aus der Mitte
wegkippen. Ich hatte das Gefühl, dass da schon ein Interesse ist.
taz FUTURZWEI: Ihre Ergebnisse widersprechen in ihrer empirischen Dichte
aber all diesen einfachen Geschichten, dass Migration das Problem sei, dass
Bürgergeldbezieher das Probleme seien.
Stephan Grünewald: Naja. Das [19][Bürgergeld] kommt ganz oft in den
Interviews vor, da gibt es ein großes Wertschätzungsproblem in der
Bevölkerung. Die „normalen arbeitenden Menschen“ mit ihren Sorgen und Nöten
haben tatsächlich das Gefühl, sie werden von der Politik nicht so
wahrgenommen und bekommen statt Applaus auch noch naserümpfende
Vorhaltungen. Wieso esst ihr noch Fleisch und wieso raucht ihr noch? Wieso
fahrt ihr noch [20][Diesel]? Da ist eine große Gekränktheit. Die hatte sich
zugespitzt rund um die Flüchtlingskrise 2015, weil viele das Gefühl hatten,
wieso kriegen die Fremden, mit denen man durchaus Mitleid hatte, aber wieso
kriegen die jetzt den großen Bahnhof bereitet und mir applaudiert keiner?
Das war ja dieser Topos: Die Mutter [21][Merkel] liebt die fremden Kinder
mehr als die eigenen. Und jetzt kümmert sich aus Sicht der Arbeitenden die
linke Agenda auch nur um das Klima und bestimmte Gruppen, die benachteiligt
sind – und sieht sie und ihre Sorgen nicht, die Inflation, eine bezahlbare
Wohnung zu finden und so weiter. Das ist die Kränkung, auf dieser Basis
entsteht der Groll gegenüber dem Bürgergeld.
taz FUTURZWEI: Wie kann man in dieser Situation den Binnenraum der
Gesellschaftlichkeit stärken?
Stephan Grünewald: Rückzug, Selbstbespiegelung, Selbstbezüglichkeit,
Abschottung in sozialen Blasen führt zu einer gestauten Bewegungsenergie.
Das ist die zentrale Diagnose. Während der Energiekrise im Winter 2022/23
ist es gelungen, diese gestaute Bewegungsenergie zu kanalisieren, weil alle
ein sinnvolles Ziel vor Augen hatten: Wir müssen gut durch den Winter
kommen. Alle wussten, was sie zu tun haben, nämlich den Thermostat
runterzudrehen und hatten damit das Gefühl von Selbstwirksamkeit. Und sie
hatten das Gefühl: Das mach ich nicht allein, der Nachbar zieht mit, das
wird nicht auf meinem Rücken allein ausgetragen, auch die Industrie fährt
ihre energieintensive Produktion runter und der [22][Habeck] kümmert sich
um die LNG-Terminals. Da war so etwas von einer Schicksalsgemeinschaft
spürbar, und am Ende wurden auch 20 Prozent Energie eingespart. Das große
Dilemma war, dass das nicht wertgeschätzt wurde.
taz FUTURZWEI: Von wem?
Stephan Grünewald: Der Kanzler und die Regierung hätten sich vor den
Bürgern verneigen und sagen müssen: Wir sind wahnsinnig stolz und das zeigt
mal, was für eine Kraft in unserem Land steckt.
taz FUTURZWEI: Ich wohne in einer Wohnanlage mit vielen Parteien und mein
Eindruck ist: Die fühlen sich alle nicht gesehen. Die würden das so nicht
sagen, aber sie sagen, ich verstehe das alles nicht. Sie verstehen sich
untereinander, aber sie verstehen sich nicht mehr in Bezug auf die Politik.
Das ist eine Emergency-Situation für die demokratischen Institutionen. Wir
kriegen ja in den USA vorgeführt, wie das ausgeht.
Stephan Grünewald: Ja, klar. Wir erleben in den [23][USA] aus
psychologischer Sicht die Wiedergeburt totemistischer Stammeskulturen.
[24][Trump] ist der Fleisch gewordene Elefant, das Totemtier, und damit ist
zweierlei verbunden. Einerseits eine magische Kraftentfaltung: Wir sind so
mächtig und er macht uns „great again“. Trump hat ja nicht nur dieselbe
Mütze wie Benjamin Blümchen, er trampelt und trompetet auch durch die
Gegend und er wirkt authentisch, weil er dieses Elefantenimago
repräsentiert. Er schafft auch eine Stammesverwandtschaft, weil seine
Anhänger das Gefühl haben: Wir sind wie er. Die sehen nicht den Milliardär,
sondern die sehen die Elefantenseele und haben das Gefühl: Ja, genau, wir
haben auch ein dickes Fell und wir lassen uns auch nichts gefallen und wir
wollen auch trampeln und trompeten. Das ist totemistische Stammeskultur aus
der Bronzezeit, das ist gefährlich und etwas komplett anderes als das, was
Europa in den letzten 80 Jahren stark gemacht hat. Das hat mit Fakten und
Diskurshoheit und Vernunft und mit all dem nichts zu tun, was wir uns als
Aufklärungswerte angeeignet haben.
taz FUTURZWEI: Die These unseres Heftes ist, dass es Wohnzimmer der
Gesellschaft braucht, analoge Räume, um Demokratie zu leben und zu
bewahren. Sie sind dabei, so einen Raum zu schaffen.
Stephan Grünewald: Ja, wir haben das Projekt der „Zusammenhaltestelle“. Wir
wollen in einem Loft, das wir erstanden haben, einen Begegnungsraum
begründen, wo Leute unterschiedlicher Geisteshaltung ins Gespräch kommen
und den Perspektivwechsel vornehmen können.
taz FUTURZWEI: Warum geht das nur analog?
Stephan Grünewald: Wenn ich nicht die atmosphärische Unmittelbarkeit habe,
wenn ich kein Gegenüber habe, das ich anfassen und riechen und wahrnehmen
kann, dann bin ich in dieser digitalen Unverbindlichkeit. Dann ist es auch
einfacher, in so einer Wisch-und-Weg-Bewegung Dinge wegzuwischen, die einem
nicht schmecken. Es braucht den sicheren Rahmen und die analoge Begegnung,
es braucht etwas zu trinken, etwas zu essen, was ja auch schon eine gewisse
Gemeinschaft schafft.
taz FUTURZWEI: Seit wann machen Sie das?
Stephan Grünewald: Wir haben seit Anfang des Jahres mit ein paar Formaten
experimentiert und gemerkt: Es ist ganz, ganz wichtig, einen sicheren und
tragenden Rahmen zu schaffen, in dem Leute sich wohlfühlen und das Gefühl
haben, sie sind willkommen. Ich beschreibe in meinem Buch die Bremer
Stadtmusikanten als Verbundenheitsmärchen.
taz FUTURZWEI: Was ist mit denen?
Stephan Grünewald: Bei den Bremer Stadtmusikanten sind die Tiere ja
grundverschieden, Hund und Katze, Esel und Hahn. Die Abbildungen der
Stadtmusikanten zeigen, dass der eine auf dem anderen thront. Das bedeutet:
Wenn man bereit ist, trotz der Verschiedenheit aufeinander zu bauen und zu
vertrauen, entsteht eine wirkmächtige neue Gestalt, die mehr ist als die
Summe ihrer Teile oder ihre Mitglieder. Wenn diese Erkenntnis sich auch in
der Gesellschaft wieder einstellt, dass wir gemeinsam und gerade in unserer
Unterschiedlichkeit, in unserer Ergänzungslogik, etwas bewegen können, dann
werden wir auch die Krisen meistern.
taz FUTURZWEI: Die Bremer Stadtmusikanten sind ja ein unkonventionelles
Bündnis. Das müssen wir auch wieder lernen, solche Bündnisse zu schließen.
Stephan Grünewald: Genau. Und es braucht immer ein gemeinsames Ziel. Ihres
lautet: Wir gehen nach Bremen und musizieren da gemeinsam. Es braucht
Bereitschaft, mal zuzuhören und nicht nur zu senden. Und es braucht auch
das Eingeständnis der eigenen Schwächen und Defizite. Wir werden zu
sozialen Wesen, wenn wir nicht nur die Macke des anderen sehen, sondern
anerkennen, dass wir auch beschränkt und bekloppt sind. Dann ist der andere
eine Ergänzung oder Erweiterung. Ach ja, und ihr Motto ist auch sehr
wichtig: Was Besseres als den Tod finden wir überall.
🐾 Lesen Sie weiter: Dieser Text erschien zuerst in der Ausgabe N°35 unseres
Magazins taz FUTURZWEI mit dem Titelthema „Das Wohnzimmer der Gesellschaft“
– erhältlich [25][im taz Shop].
6 Jan 2026
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