# taz.de -- Verkleidete Zukunft: Hübscher Mann, kluge Frau und die Wahrheit
> Bisher hat unser Autor von Hellseherei nicht viel gehalten. Bis auf
> einmal am 1. Januar dieses Wesen an der Tür klingelt und ihm die Karten
> legt.
(IMG) Bild: Lass mich rein und ich sage dir, wie deine Zukunft aussieht: Billige Tricks, findet unser Autor
Am ersten Januar klingelt es mittags an der Tür.
„Guten Tag, schonerr Mann. Ich dirr sagen dein Zukunft in dieserr Jahrrr
2026“, sagt jemand, der oder die in viele verschiedene, grelle Stoffe
verhüllt ist.
„Was für eine Zukunft denn? Ich bin verheiratet!“, nuschele ich und
versuche verzweifelt herauszubekommen, ob dieses Wesen vor mir männlich
oder weiblich ist.
Plötzlich schnappt sie oder er meine Hand.
„Ich sehe in dein Hand, du seit 30 Jahren verheiratet, und du haben funf
Kinderr.“
„Du Schlaumeier, bei einem Türken fünf Kinder zu erraten ist nicht
besonders schwierig“, antworte ich.
„Und du viel unglucklich!“, ruft es.
„Auch kein Wunder bei so langer Ehe“, kontere ich.
„Du lassen mich rein in Wohnung. Ich viel Geld sehen furr dich.“
„Hören Sie, guter Mensch, auf solche billigen Tricks falle ich nicht rein
und tschüss.“
„Ich kann dirr sagen, was deine Frau denken uberr dich!“
„Oh, kommen Sie bitte schnell rein und nehmen Sie hier auf dem Sofa Platz.“
„Ich Roma!“, sagt sie.
„Und ich Osman. Jetzt sagen Sie doch endlich, was meine Frau über mich
denkt.“
„Du erst mal legen 20 Euro auf die Tisch, du Geizkragen.“
„Für 20 Euro würde meine Frau sofort selber erzählen, was sie über mich
denkt, du Schlaumeier!“
„Stimmt, sie erzählen, aber sie nix erzählen Wahrheit! 20 Euro furr Anfang
is gut.“
Ich lege fünf Euro auf den Tisch.
„Du sollen gehen Ohrarzt! Ich sagen 20 Euro, nix funf!“
Wohl oder übel lege ich nochmal 15 Euro drauf.
## Ein Stapel bunter Karten
Aus den Tiefen ihres grellen Überhangs zerrt sie einen Stapel bunter Karten
und lässt sie auf den Tisch fallen.
„Also Frau Roma, das sage ich Ihnen gleich, ich will keinen von diesen
[1][typischen Wahrsager-Sprüchen] hören“, tue ich sehr fachmännisch. „Also
nichts von wegen: Sie kriegen viel Geld, Sie haben eine lange Reise vor
sich, Sie heiraten einen reichen, dunkelhaarigen Mann. Und ähnlich anderem
Schwachsinn!“
Sie guckt mich böse an, spuckt noch mal auf die Karten und brüllt:
„Mein Karten nix lugen! Ich sehen deutlich: Dein Frau kluge Frau, dein Frau
hubsche Frau, dein Frau dich verlassen!“
„Wirklich? Meine Frau wird mich verlassen und ich kriege dafür anschließend
eine kluge und hübsche Frau?“, frage ich völlig aufgeregt.
„Nix da! Dein kluge, hubsche Frau dich verlassen, weil du Faulpelz und
Pascha! Sie heißen Eminanim.“
Bei Allah, wie hat sie das denn gewusst?
Ich muss zugeben, bisher hatte ich von Hellseherei nicht viel gehalten.
Aber jetzt wurde ich doch noch was Besseres belehrt!
Und sie spuckt erneut auf die Karten.
## Gestörte Zukunft
In dem Moment kommt meine kleine Tochter Hatice herein und brüllt wie
immer:
„Mamaaa, ich habe Hunger!“
„Hatice, deine Mutter ist nicht da, warte ein bisschen“, sage ich genervt,
damit sie meine Zukunft nicht noch mehr stört.
„Wieso? Da sitzt sie doch und spielt Karten“, meint sie frech und deutet
auf die Wahrsagerin.
„Hatice, musstest du ausgerechnet jetzt reinkommen?“, schimpft die
Wahrsagerin und entpuppt sich als meine Frau Eminanim.
„Mein Gott, Osman, wie kannst du bloß auf so ein bisschen Schminke und
Verkleidung reinfallen?“, lacht sie sich kaputt und fügt hinzu: „Aber ist
ja nicht das erste Mal. Als wir uns damals kennengelernt haben, bist du
schon mal auf so ein bisschen Schminke und Verkleidung reingefallen, du
schonerrr Mann. Hi hi hi…“
10 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Essay-Vom-Nutzen-der-Wahrsagerei/!5489285
## AUTOREN
(DIR) Osman Engin
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