# taz.de -- Stadtentwicklung in Flensburg: Autofrei ist noch immer ein Reizwort
       
       > Vor zwei Jahren sackte die Hafenkante an der Flensburger Schiffbrücke ab,
       > eine neue muss her. Viel Zeit für einen Kulturkampf der Stadtentwicklung.
       
 (IMG) Bild: Flensburg ist schon heute Modellkommune für den Fußverkehr: Aber trotzdem ist „autofrei“ für viele noch ein Reizwort
       
       An einem trüben Wintertag steht Andree Nitsch am historischen Flensburger
       Stadthafen und schaut in die Zukunft. Zurzeit rollen Autos, Busse und
       Lastwagen über die Schiffbrücke, die die Hafenkante von den
       Backsteinhäusern trennt. Geht es nach Nitsch, soll die Straße künftig
       autofrei werden. Dafür könnte der alte Bahndamm am Hafen wieder von Zügen
       befahren werden. Nitsch, der für die SPD in einer Reihe von städtischen
       Ausschüssen sitzt, hat zahlreiche Mistreiter:innen. Aber auch die
       Widerstände sind groß. Die Stadtverwaltung setzt auf Beteiligungsverfahren,
       um beide Seiten zu Wort kommen zu lassen.
       
       Klar ist: An der Schiffbrücke muss etwas passieren. [1][Im Herbst 2023
       setzte eine Sturmflut] das Hafengebiet unter Wasser und riss Risse und
       Schäden in die Spundwände. Bei der Reparatur zeigt sich, dass das Problem
       größer war als gedacht. Denn unter der Promenade fand sich ein Anstrich aus
       giftigen Substanzen, sagt Stadtsprecher Clemens Teschendorf.
       
       Inzwischen ist die alte Kaimauer abgetragen, es soll eine neue Konstruktion
       auf Stelzen entstehen. Kosten: bis zu 30 Millionen Euro. Der Bau soll 2027
       starten und 2029 beendet sein. Viel Zeit also, um sich zu überlegen, was
       auf der Promenade stattfinden soll.
       
       ## Autofrei ist für viele ein Reizwort
       
       „Wir wollen die Schiffbrücke für Menschen, nicht für Autos wie in den 60er
       Jahren“, sagt Nitsch. Unterstützung bekommt er von Anne Marken, die beim
       Fachverband Fußverkehr Deutschland, kurz [2][Fuss], aktiv ist.
       
       Der Verein setzt sich für die Rechte von Fußgänger:innen und mehr
       Fußverkehr in Städten ein. „Flensburg ist bereits heute Modellkommune für
       den Fußverkehr“, sagte Marken. „Es geht uns darum, die Gedanken
       offenzuhalten für Dinge, die man bisher nicht im Kopf hatte.“ Da der
       Begriff „autofrei“ viele Menschen reize, spreche sie lieber von
       „autoverkehrsarm“.
       
       Die Idee, den motorisierten Verkehr einzuschränken, ist tatsächlich für
       viele ein rotes Tuch. Nachdem Nitsch – nicht im Namen der SPD-Fraktion, die
       in der Frage ebenfalls gespalten ist – den Plan einer autofreien
       Schiffbrücke in den kommunalen Gremien skizziert hatte, gab es vor allem
       von CDU und FPD scharfen Widerstand: Wieder werde „das Thema durch die Welt
       geträumt“, höhnte Thomas Dethleffsen, Fraktionsvorsitzender der CDU
       Flensburg. FDP-Ratsherr Erik Jäger findet: „Wer Politik gegen das Auto
       macht, macht Politik gegen unsere Wirtschaft.“
       
       Die Schiffbrücke hat eine besondere Bedeutung für Flensburg. Mit ihrer Lage
       zwischen Altstadt und Ostsee ist sie einerseits die perfekte Flaniermeile,
       Einheimische wie Tourist:innen zieht es an den historischen Hafen. Viele
       kommen mit dem eigenen Wagen. Aber auch der Pendelverkehr schiebt sich über
       die Promenade. Über 23.000 Autos passieren pro Tag die Schiffbrücke, hat
       eine Verkehrszählung ergeben. Ein Ausweichen in die engen Altstadtstraßen
       wäre schwierig.
       
       „Die Frage, wo dieser Verkehr hinsoll, ist natürlich berechtigt“, sagt Anne
       Marken. Und ja, es brauche Lösungen auch für Menschen, die nicht gut zu Fuß
       seien. Kornelia Schepe, ebenfalls bei Fuss e. V. engagiert, wünscht sich
       einen allmählichen Prozess: „Es geht um Erklärungen, nicht um Verbote.“
       
       ## Züge könnten Autos ersetzen
       
       Ein Teil der Autos könnte verschwinden, wenn wieder Züge in die Innenstadt
       fahren. Der Bahndamm ist noch da, aber die Gleise müssten ertüchtigt
       werden. Ein weiteres, teures Großprojekt, für das der Stadtrat aber bereits
       sein Okay gegeben hat. „Man ist mit der Bahn in der Diskussion“, sagt Glenn
       Dierking, planungspolitischer Sprecher des SSW im Stadtrat.
       
       Das Land habe im aktuellen Haushalt 20 Millionen Euro für Gutachten und
       vorbereitende Arbeiten eingestellt. „Das müsste die Bahn jetzt nutzen“,
       sagt Gierking. Er ist seit 29 Jahren in der Kommunalpolitik und kennt das
       Thema bereits: „Der Umgang mit der Schiffbrücke poppt immer wieder auf, und
       es ist der Stadt nie gelungen, eine Alternative zu finden, wo der Verkehr
       hinsoll.“
       
       Dierking bedauert, dass die Zahl der Parkplätze im Lauf der Zeit stetig
       geschrumpft ist. Früher sei es etwa für Gäste aus Skandinavien bequemer
       gewesen: Auto am Hafen abstellen, in die Altstadt schlendern. Durch die
       Arbeiten an der Kaikante gibt es kaum noch Parkmöglichkeiten.
       
       „Die kommen da auch nicht wieder hin“, glaubt Stadtsprecher Teschendorf.
       Die lange Sperrung der Fläche habe daher auch etwas Gutes: Die Menschen
       gewöhnten sich daran, ihre Autos anderswo abzustellen.
       
       Die Stadt hat ein eigenes Gremium eingerichtet, die „Hafendelegation“. Die
       Runde, der Anwohner:innen, Geschäftsleute, städtische Planer:innen und
       Politiker:innen angehören, trifft sich regelmäßig und bespricht, was
       geht. Auch Andree Nitsch ist dabei. Es ist der ideale Kreis, um über die
       Idee der autofreien Schiffbrücke weiter zu sprechen. Das Gremium hat keine
       Entscheidungsgewalt. „Aber alles, was dort eingebracht wird, prüft die
       Verwaltung auf Machbarkeit“, verspricht Teschendorf.
       
       5 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
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