# taz.de -- Wärmewende: Eine Thermoskanne aus Gestein
       
       > Das Ruhrgebiet hat Milliarden Tonnen Steinkohle gefördert. Ausgerechnet
       > dieses Erbe könnte helfen, ein zentrales Problem der Energiewende zu
       > lösen.
       
 (IMG) Bild: Bau des Minen-Wärmespeichers in der ehemaligen Zeche Mansfeld in Bochum
       
       Knapp fünf Meter ragt der schmale Bohrturm in die Höhe. Wie vergessenes,
       überdimensioniertes Spielzeug steht er am Rande eines Geländes der
       Ruhr-Universität in Bochum. Sein Bohrkopf gräbt sich Stück für Stück durch
       den nasskalten Untergrund, bis er in einigen Tagen bei 120 Meter Tiefe
       angekommen sein wird.
       
       Dort liegt ein Schacht der ehemaligen Zeche Mansfeld. In schlammbespritzter
       Neonjacke läuft Stefan Klein an einem knallgelben Bagger vorbei zu seinen
       Kollegen an der Bohrstelle. Gab es Probleme? Läuft alles wie geplant?
       Mittlerweile ja. Anfangs wollte der Strom noch nicht ganz.
       
       Klein ist Geowissenschaftler und arbeitet für die Fraunhofer-Einrichtung
       für Energieinfrastrukturen und Geotechnologien (IEG). Mine Thermal Energy
       Storage, kurz MTES, nennt sich die Technologie, an der sie hier forschen.
       Ein Pilotprojekt. Das Ziel: Alte Minen sollen zu einer Art steinerner
       Batterie für Wärme werden. Im Sommer speichern sie warme Energie, um sie im
       Winter abzugeben.
       
       Hunderte Kilometer weit verläuft unter dem Ruhrgebiet ein Gewirr aus Minen
       und Schächten, dessen Ausmaß auch die Bergbehörde in Nordrhein-Westfalen
       nur schätzen kann. Von 60.000 Einstiegspunkten an der Oberfläche geht sie
       aus. Durch Ritzen und Spalten ist jahrzehntelang Wasser in die Hohlräume
       gesickert. Reservoirs, die sich die Forscher nun zunutze machen wollen.
       
       Unter dem Erdboden liegen in der ehemaligen Zeche Mansfeld bei Bochum zwei
       große Kammern, 10.000 Kubikmeter, genug für vier olympische Schwimmbecken.
       Im Frühjahr 2026 wollen die Forscher testen, ob die Kammern verbunden sind,
       ob sie dicht sind, ob es Strömungen gibt. Die erste ist bereits erforscht,
       jetzt folgt die zweite.
       
       ## Wie im Inneren eines Marmorkuchens
       
       Über dem Schacht vibriert der Boden. Eine kastenförmige Maschine, der
       Separator, trennt dröhnend das aus dem Bohrloch herausgespülte Wasser von
       Gestein. Geowissenschaftler Klein führt zu einem kleinen weißen Container,
       in den die Forscher immer wieder Proben des Bohrwassers bringen.
       
       Er kramt aus einer Ecke übergroße, laminierte Zettel hervor. „Auf diesem
       Querschnitt des Bochumer Untergrunds sieht man, warum sich
       Steinkohleregionen so sehr für MTES eignen“, erklärt er. Wie im Inneren
       eines Marmorkuchens wechseln sich helle und dunkle Schichten ab: Sand- und
       Tonstein, 300 Millionen Jahre alt.
       
       Sandstein ist von Natur aus porös, von vielen Hohlkammern durchzogen,
       erklärt Klein. Erhitzt man das Minenwasser, fließt dieses also direkt in
       das Gestein und heizt dieses auf. Dass MTES funktioniert, liegt an dem
       umliegenden Tonstein. Dieser ist ein schlechter Wärmeleiter und isoliert so
       den erwärmten Sandstein.
       
       Es entsteht eine Art Thermoskanne aus Gestein, die im Sommer Wärme
       speichert und im Winter Wärme liefert. Der Standort ist dabei zweitrangig.
       Die geologischen Bedingungen sind dort, wo Steinkohle abgebaut wurde,
       nahezu identisch. Sei es das Ruhrgebiet, Ostdeutschland oder Spanien.
       
       ## Die Wärme verpufft ungenutzt
       
       Klein verstaut die laminierten Zettel und tritt aus dem Container in die
       trotz der grellen Sonne eisige Kälte. Sein Blick wandert zu einem
       Schornstein im Hintergrund der Bohrstelle. Dicke Dampfwolken quellen in den
       blauen Himmel. „Sehen Sie das?“, fragt er und deutet auf die weißen
       Schwaden. „Das Blockheizkraftwerk da vorne heizt den ganzen Campus“,
       erklärt Klein.
       
       Und im Sommer? „Fließt von hier aus kaltes Wasser durch ein Geflecht aus
       Rohren über den Campus und kühlt die Hörsäle und Labore. Das Wasser nimmt
       die Wärme auf.“ Der Separator dröhnt unentwegt, während er spricht. Er
       macht eine Pause. „Wärme, die danach ungenutzt verpufft.“
       
       Jeden Sommer, rechnet Stefan Klein vor, geht so genug Energie verloren, um
       480 unsanierte Einfamilienhäuser zu heizen. Es ist diese Wärme, die künftig
       in der Mine gespeichert werden soll, um im Winter genau diese Hörsäle und
       Labore zu heizen.
       
       Das MTES-Projekt ist Teil einer internationalen Forschungsgemeinschaft, 20
       Millionen Euro schwer. Seit 2018 arbeiten die Forschenden daran, Wärme im
       Untergrund zu speichern. In Minen, abseits von Minen – in Deutschland,
       Tschechien, der Slowakei.
       
       Sie modellieren Untergründe, rechnen, bohren. [1][500 Terawattstunden
       könnten laut ihren Berechnungen] in deutschen Minen gespeichert werden –
       Energie, [2][die für Millionen von Haushalten reich]t. Zumindest
       theoretisch.
       
       ## Der Winter ist das Problem
       
       Seit Jahrzehnten forscht Thomas Kohl, Professor für Geophysik am Karlsruher
       Institut für Technologie, an erneuerbaren Energien. Sein Fachgebiet ist die
       [3][Geothermie], wenn wir Menschen uns die Hitze des Erdkerns zunutze
       machen. Ja, sagt Kohl, MTES hat Potenzial. Mehr noch. Die Minen könnten
       helfen, ein entscheidendes Problem der Energiewende zu lösen: den Winter.
       
       Die Sonne steht hoch an diesem Wintertag in [4][Bochum]. Nur weit oben
       zeichnen sich schemenhaft eiskalte Cirruswolken ab. Doch obwohl der Himmel
       klar ist, schafft es die Sonne kaum, den gefrorenen Tau von den Grashalmen
       zu schmelzen. Die Leistungen von Solarenergie brechen im Winter ein,
       erklärt Thomas Kohl, der Geophysiker. Wenn der Wind dann noch zwischendrin
       abflaut, [5][kann das zum Problem werden].
       
       Ab 2030 muss aber [6][mindestens ein Drittel der Wärme], mit der deutsche
       Haushalte heizen, aus erneuerbaren Quellen stammen. 2024 waren es gerade
       einmal 18,1 Prozent. Nach langem Anlauf boomt mittlerweile der Absatz von
       [7][Wärmepumpen]. Aber die brauchen Strom, und je kälter es ist, desto
       mehr. Ausgerechnet dann, wenn die Sonne weniger davon produziert.
       
       MTES, sagt Geophysiker Thomas Kohl, könnte da eine nützliche Ergänzung
       sein. Die Überproduktion des Sommers könnte tief unter dem Erdboden
       gespeichert und im Winter genutzt werden. Es könnten unterirdische Boiler
       entstehen, die kombiniert mit Wärmepumpen ganze Quartiere versorgen
       könnten.
       
       ## In Skandinavien arbeiten sie mit ähnlicher Technik
       
       Aber eignet sich MTES tatsächlich für Fernwärmenetze? Einzelne Gebäude
       könnte es sicher beheizen, aber die Wärme durch kilometerlange Rohre
       transportieren, wie bei tiefer Geothermie? Wenn, dann vermutlich nur durch
       Wärmespeicherung, ordnet Kohl ein.
       
       Er gibt zu bedenken, dass Wasser für Fernwärme um 90 Grad Celsius heiß sein
       muss. Ohne zusätzliche Energiequellen sei das eine erhebliche
       Herausforderung. Und Wasser durch Wärmepumpen stark zu erhitzen, ist immens
       stromintensiv. Strom, der für eine nachhaltige Lösung auch wieder aus
       erneuerbarer Energie produziert werden müsste.
       
       In Skandinavien und in den Niederlanden arbeiten sie schon länger mit einer
       ähnlichen Technik. Bis zu 30 Grad Celsius können dort in Aquiferen,
       Grundwasserspeichern, eingelagert werden. Mehr geht aktuell nicht, die
       Technik gibt es schlicht nicht her, und auch das Wasser könnte verunreinigt
       werden.
       
       Außerdem sind die geologischen Einschränkungen größer als bei MTES. Stefan
       Klein und seine Bochumer Kollegen wollen mehr: rund 85 Grad soll die Mine
       speichern. Weil sie nicht mit Grundwasser arbeiten, sind die hohen
       Temperaturen in der Mine kein Problem.
       
       Um die Energiewende voranzutreiben, so sagen es Geophysiker Kohl und auch
       Projektleiter Klein, kann MTES nur ein Baustein sein. Allerdings kommt im
       Ruhrgebiet neben den guten Voraussetzungen im Untergrund noch dazu, dass
       die Kohle die Region zu einer der am dichtesten besiedelten in Deutschland
       gemacht hat.
       
       Gespeicherte Energie kann also mit kurzen Wegen wieder genutzt werden.
       Ausgerechnet die Reste des Kohlzeitalters, das die Erderhitzung befeuert
       hat, könnten dort also nun gegen die Klimakrise eingesetzt werden.
       
       22 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://publica.fraunhofer.de/entities/publication/dc4a0733-2c1e-45ea-9600-0056ec82a0c0
 (DIR) [2] https://www.umweltbundesamt.de/daten/private-haushalte-konsum/wohnen/energieverbrauch-privater-haushalte#endenergieverbrauch-der-privaten-haushalte
 (DIR) [3] /Klimafreundlich-heizen/!6020283
 (DIR) [4] /Groenemeyer-eine-Schule-eine-Stadt/!6015779
 (DIR) [5] /Dunkelflaute-treibt-Strompreis-hoch-/!6054131
 (DIR) [6] https://www.gesetze-im-internet.de/wpg/
 (DIR) [7] /Klimafreundliches-Heizen/!6124734
       
       ## AUTOREN
       
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