# taz.de -- Neuer Stuttgart-„Tatort“: Die ersten vier Minuten
       
       > Einer Mutter wird ihr Auto geklaut. Darin: die Kinder! Alles geht ganz
       > schnell. Trotzdem füllt es den ganzen „Tatort“. Der ist unterhaltsam und
       > gut gebaut.
       
 (IMG) Bild: Wissen immer wieder nicht, was hier gerade Sache ist: Felix Klare als Sebastian Bootz und Richy Müller als Thorsten Lannert in „Tatort – Ex-it“
       
       Okay, es ist noch nicht so lange her, dass ich den Stuttgarter
       „Tatort“-Kollegen [1][ein Sabbatical empfahl] – Moment, mal fix nachschauen
       – ach, tatsächlich erst vorletzte Kolumne, also Ende November. Diese
       Allgegenwart wirkt übrigens nur so: Seit drei Jahren läuft immer eine
       Lannert-Bootz-Folge im November und dann gleich wieder im Januar. Sprich:
       Wir haben nach diesem „Ex-It“, so der Folgentitel, nomen est omen, endlich
       Ruhe. Also vermutlich bis kurz vor Adventsbeginn.
       
       Aber dafür bringt dieser Sonntagabendkrimi nun den raren Charme der
       permanenten Überraschung. Wenn die Kommissare Lannert (Richy Müller) und
       Bootz (Felix Klare) und wir alle immer wieder neu nicht wissen, was hier
       gerade Sache ist.
       
       Es ist einnehmend und irgendwie lässig erzählt, wie das Ganze beginnt: Es
       gießt wie aus Kübeln, tiefste Sommernacht, als Pony Hübner (Kim Riedle) mit
       ihrem dicken SUV durch enge Straßen gurkt, auf dem Heimweg von einem Abend
       bei ihrer Schwester. Sie will nur kurz halten, Kippen am Kiosk holen, trotz
       Uhrzeit, trotz Wetter, so dringend.
       
       Am Kiosk: kein Parkplatz. Erst paar Ecken weiter. Die beiden Kinder pennen
       eh … Also los, im azurblauen Glitzerfummel, weißen Lackstiefeletten, die
       edle Einkaufstüte als Regenschutz. Nächste Szene: Sie stolpert fast in eine
       Polizeiwache, schreiend, triefend, barfuß, die Schuhe in der Hand: Das Auto
       ist weg. Also auch die Kinder. Stellt sich raus: Eines ist tot, das andere
       verschwunden. Da sind keine vier Minuten um.
       
       Der Rest der anderthalb Stunden kreist um jene Zeitspanne, die der simple
       Schnitt – vom Kiosk zur Wache – überspringt. Der Rest jener anderthalb
       Stunden ist genau deshalb unterhaltsam, weil spannend gebaut, Wolfgang
       Stauchs Buch und Friederike Jehns Regie greifen genau ineinander. Weil sich
       die Lage dauernd ändert. Weil einzelne Informationsbrocken die Geschichte
       immer wieder verschieben; auch wenn das Publikum mitunter mehr weiß als die
       Ermittler – es weiß dennoch nicht genug. Weil die Prämisse der ganzen Story
       schon so absolut absurd wirkt. Oder wie Bootz es formuliert: „Welches
       Arschloch klaut ein Auto mit zwei Kindern drin, verliert die Kontrolle über
       das Ding und senkt es in den Neckar?!“ Eben.
       
       In diesem Sinne: Himmel, was für einen super Kotzbrocken [2][Hans Löw]
       („Hedi Schneider steckt fest“, auch schon wieder zehn Jahre her) als Ponys
       Ehemann Stefan hinlegt. Und welchen Raum Stauch und Jehn dem Paar geben,
       sich spinnefeind im Luxusanwesen, inmitten der frischen Tragödie – und des
       älteren Dramas.
       
       Er macht irgendwas mit Yellowpress, sie zehrt vom einstigen Status als
       sogenanntes It-Girl in seinen Blättern, „Ex-It“ halt; drumrum ihre
       Schwester samt Mann, die lange schon Zuhauseersatz bieten, dazu ihre
       Herkunft, aufgewachsen mit wenig Geld.
       
       Ja, das „[3][It-Girl]“-Ding wirkt ganz schön altbacken. Es wäre fraglos
       austauschbar gewesen gegen andere symbolträchtige Aspekte. Aber dafür
       stört’s nicht weiter. Derweil verschiebt sich die Tektonik des Falls
       weiter, Stück für Stück.
       
       Und um noch mal kurz auf den vorigen Stuttgarter Fall zu kommen: Es ist
       immer wieder bemerkenswert, wie schlechtes Spiel Aufmerksamkeit auf sich
       zieht – und damit allem anderen die Show stiehlt. Davon kann hier keine
       Rede sein. Im Gegenteil.
       
       18 Jan 2026
       
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