# taz.de -- Politologe über Erinnerungspolitik: „Die Vergangenheit ist kein fremder Ort, kein anderes Land“
> Der Kommunismus- und Faschismusforscher Vladimir Tismăneanu ist besorgt
> über den erinnerungspolitischen Kurs Rumäniens – gerade in Zeiten Trumps
> und Putins.
(IMG) Bild: Erinnerungspolitisch nicht immer so klar wie hier: Der rumänische Präsident Nicușor Dan beim Holocaust-Gedenken im Mai 2025
taz: Herr Tismăneanu, Sie hielten den neu gewählten rumänischen Präsidenten
Nicușor Dan [1][bei Amtsantritt für einen Hoffnungsträger]. Jetzt werfen
Sie ihm mangelnde Empathie im Umgang mit historischen Fragen vor. Warum?
Vladimir Tismăneanu: Ich bin Wissenschaftler, Professor und öffentlicher
Intellektueller. Amerikaner und Rumäne. Oder, wenn Sie so wollen, Rumäne
und Amerikaner. Ich bin moralisch besorgt. Ein Land, das zugleich Mitglied
der Nato und der EU ist, wird erneut von totalitären Geistern heimgesucht.
Das in Rumänien vorgeschlagene Anti-Extremismus-Gesetz wurde von Präsident
Nicușor Dan [2][mit der Forderung nach einer Präzisierung des Begriffs
„faschistisch“ zurückgewiesen]. Es wirkt befremdlich, dass eine solche
Bitte von jemandem kommt, der in den 1990er Jahren in Paris studiert und
dort seinen PhD erworben hat.
taz: Weshalb?
Tismăneanu: Präsident Dan war damals vielleicht zu sehr beschäftigt, um zur
Kenntnis zu nehmen, dass der französische Präsident im Jahr 1995 öffentlich
die Verantwortung des französischen Staates für dessen Beteiligung am
Holocaust anerkannte und um Entschuldigung bat. Zunächst hatte ich den
Eindruck, dass der rumänische Präsident die Tragweite seiner Geste nicht
vollständig erfasst hatte. Doch die Auszeichnung eines 107-jährigen
Kriegsveteranen am 1. Dezember 2025 – für dessen Teilnahme an Operationen
gemeinsam mit der Wehrmacht oder in eigener Verantwortung – ist in höchstem
Maße verstörend.
taz: Liegt es an mangelhafter Aufarbeitung des Faschismus in Rumänien?
Tismăneanu: Die Auseinandersetzung Rumäniens mit seiner Vergangenheit
bedeutet, sowohl die faschistische als auch die kommunistische Erfahrung zu
verarbeiten. Es gibt eine gewisse Nostalgie für die kommunistische
Vergangenheit, doch sie ist weit weniger ausgeprägt und artikuliert als die
Verklärung der extremen Rechten. Keine politische Partei verherrlicht den
kommunistischen Terror.
taz: Was machen die Rechtsextremen?
Tismăneanu: Die AUR (Allianz für die Vereinigung der Rumänen) hingegen
zeigt keinerlei Skrupel, die Rituale der Eisernen Garde zu imitieren. Was
die Eiserne Garde betrifft, so schwelen ihre Hinterlassenschaften in
dunklen Winkeln des Internets weiter – und unter jenen, die eine
liturgische Austreibung der angeblichen „Plage des Globalismus“
propagieren. Diese Narrative habe ich bereits in meinem Buch „Fantasies of
Salvation“ untersucht.
taz: Sind Nicușor Dans erinnerungspolitische Positionen eine Art
Beschwichtigung gegenüber Donald Trump?
Tismăneanu: Es geht eher um den Versuch, jene Kräfte zu besänftigen, die
Donald Trump und sein Umfeld, insbesondere J. D. Vance und der frühere
US-Botschafter in Deutschland, Richard Grenell, in Rumänien fördern.
Gemeint sind etwa AUR und das gesamte „souveränistische“ Spektrum. Nicușor
Dan stammt aus Făgăraș im Kreis Brașov, einer Gegend, in der
antikommunistische Partisanen in den frühen 1950er Jahren einen erbitterten
Guerillakampf führten.
Einige, wenn auch keineswegs alle dieser Kämpfer, waren zuvor Mitglieder
der Jugendorganisation der Eisernen Garde (der „Kreuzbruderschaften“)
gewesen. Die lokale Folklore hat die Geschichte dieser Partisanen
romantisiert. In diesem Umfeld lernte Dan die politische Tradition des
Widerstands kennen, allerdings in einer idealisierten Fassung, die er für
die historische Wahrheit hält.
taz: Inwiefern?
Tismăneanu: Für ihn erscheinen diese Akteure als Freiheitskämpfer, weshalb
er sich schwertut, juristische Verurteilungen ihres Hintergrunds und ihrer
Ideologie vorbehaltlos zu unterstützen. Ich vertrete hingegen die
Auffassung, dass sich eine demokratische politische Kultur nicht auf einer
fiktionalisierten Geschichtsdeutung errichten lässt, die von rückblickenden
Wunschvorstellungen getragen ist. Faschisten waren Faschisten; ihr
Gesellschaftsentwurf war nicht pluralistisch.
taz: Warum ist eine gerechte und verantwortliche Erinnerungspolitik
entscheidend dafür, wie wir heute mit Regimen wie Putins Russland umgehen?
Tismăneanu: Die Vergangenheit ist kein fremder Ort, kein anderes Land. Sie
ist keine Terra incognita, sondern ein Terrain aus Fakten, Emotionen,
Träumen und Irrtümern. In jeder Gegenwart sind Fragmente der Vergangenheit
aufgehoben. Sie liegen den Verwerfungen der Gegenwart zugrunde, sie
erhellen sie – und sie weisen Wege aus den labyrinthischen Verstrickungen,
in denen wir uns wiederfinden.
taz: Das heißt konkret?
Tismăneanu: Putins Russland ist eine Diktatur, deren Fundament aus
Unwahrheiten über Vergangenheit und Gegenwart besteht. Es ist im Kern und
unwiderruflich verlogen. Putin verkörpert die zeitgenössische Form des Homo
Sovieticus – oder genauer: des Homo Post-Sovieticus, der westliche Werte,
Normen und Institutionen verachtet.
Einst existierte so etwas wie ein bolschewistisches Ethos; Arthur Koestler
hat sich in seinem Roman „Sonnenfinsternis“ genau damit befasst. Putin
dagegen ist an keinerlei ethischen Kodex gebunden. Er ist ein politischer
Gangster, getrieben von einem alles verzehrenden Hunger nach
unbeschränkter, absoluter Macht.
taz: Hat Rumänien knapp vermieden, einen Präsidenten George Simion zu
wählen – einen rechtsextremen, ultranationalistischen Kandidaten –, nur um
sich am Ende für ein „geringeres Übel“ zu entscheiden?
Tismăneanu: Ich glaube nicht. Simion ist ein Faschist. Er begann seine
Laufbahn als Ultra in den Fußballkurven. Von ihm sind Äußerungen
dokumentiert, in denen er die Legionäre der Eisernen Garde lobt. Kritiker
bedroht er mit der Aussicht, man werde sie eines Tages „bei lebendigem Leib
häuten“. Nichts davon findet sich bei Nicușor Dan – einem milden, leisen,
im Westen ausgebildeten Mathematiker, der seine bürgerschaftliche Laufbahn
mit einer Rettungsinitiative begann.
Für Simion gehört verbale und potenziell körperliche Gewalt zur
Grundausstattung. Dan hingegen ist ein aufrichtiger Bewunderer der EU, ein
Atlantiker. Seine prekäre historische Bildung ist zweifellos eine Schwäche,
doch AUR und Simion repräsentieren eine Fortsetzung jenes totalitären
Bösen, dem Rumänien und Ostmitteleuropa im 20. Jahrhundert ausgesetzt
waren. Ich sehe Dan in keiner Weise auf einem ähnlich verhängnisvollen Weg.
taz: Im Gegensatz zu den USA?
Tismăneanu: [3][Trumpismus ist selbst eine Ideologie:] eine reaktionäre
Utopie, gespeist aus einem grotesken Personenkult und einem intellektuellen
Kauderwelsch, das auf kaum verstandenen Quellen mystischer Esoterik beruht.
Nicht Trump persönlich, aber einflussreiche Figuren in seinem Umfeld
bewundern die Kritik des Staatsrechtlers Carl Schmitt an der
parlamentarischen Demokratie. Totalitarismus bedeutet Ideologie plus Terror
– oder, wenn man so will, die ideologische Rechtfertigung von Terror. Dies
gilt nicht für politische Doktrinen wie demokratischen Sozialismus,
Liberalismus oder Konservatismus.
taz: Wie lässt sich eine Welt stabilisieren, die aus ihrer Balance gerät?
Tismăneanu: Mein Vorschlag lautet: Misstraut jenen Projekten, die
universellen Frieden und globales Glück verheißen. Hegel hatte recht: Die
Weltgeschichte ist kein Boden des Glücks. Wenn ich über politischen
Radikalismus lehre, ermutige ich meine Studierenden, Albert Camus’ „Der
Mensch in der Revolte“ zu lesen.
taz: Was lässt sich daraus lernen?
Tismăneanu: Vollständige Stabilität wird es nie geben, aber wir müssen die
Gefahr der Selbstauslöschung durch den irrationalen Einsatz von Technologie
minimieren. Der oberste Wert, die leitende Norm, heißt Verantwortung.
taz: Sie schrieben einmal, dass, wer in einer Diktatur des Wahnsinns gelebt
habe, keinen magischen Realismus brauche. [4][Im Mittelpunkt der Literatur
von Mircea Cărtărescu] zum Beispiel stünde der Mensch, zerbrechlich,
verletzlich, hypersensibel, neurotisch, asthenisch, bedroht. Sie sei alles
andere als magisch, denn sie beruhe auf dem Geheimnis der inneren Freiheit.
Eine Diktatur hingegen sei vulgär, brutal, dumm und verdummend. Wie
verteidigen wir unsere innere Freiheit gegen diese Gefahren?
Tismăneanu: Der polnische Dichter Aleksander Wat sagte, das Ziel des
Kommunismus sei die Zerstörung des inneren Menschen. Totalitäre Herrscher
wollen nicht nur gefürchtet, sie wollen auch geliebt werden. Doch Liebe
entzieht sich jedem äußeren Befehl und kann nicht erzwungen werden. Sie ist
ein unaufhebbarer Bestandteil unseres Innenlebens.
Und Sie haben recht: Cărtărescus Prosa ist eine Verteidigung des Rechts zu
lieben – trotz aller Bemühungen des Großen Bruders und seiner ideologischen
Vollstrecker, die innere Autonomie zu verdunkeln. Wenn es eine Ideologie
gab, die der Erzählung des Aufbegehrens in den Ländern des ehemaligen
Sowjetblocks zugrunde lag, dann war es die der Ablehnung der herrschenden
Ordnung im Namen der Menschenrechte. Ich denke an Agnieszka Hollands Film
„Burning Bush – Die Helden von Prag“ über Jan Palach. Die unlöschbare
Flamme der Freiheit.
31 Dec 2025
## LINKS
(DIR) [1] /Praesidentschaftswahl-in-Rumaenien/!6088910
(DIR) [2] /Rechtsextremismus-in-Rumaenien/!6101398
(DIR) [3] /Autokratie-in-den-USA/!6077619
(DIR) [4] /Roman-Theodoros-von-Mircea-Crtrescu/!6049067
## AUTOREN
(DIR) Alexandru Bulucz
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt Wahlen in Rumänien
(DIR) Erinnerungspolitik
(DIR) Kommunismus
(DIR) Faschismus
(DIR) Donald Trump
(DIR) Wladimir Putin
(DIR) Social-Auswahl
(DIR) Schwerpunkt Wahlen in Rumänien
(DIR) Schwerpunkt Wahlen in Rumänien
(DIR) Schwerpunkt Wahlen in Rumänien
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Rechtsextremismus in Rumänien: Derber Dämpfer für den Präsidenten
Nicuşor Dans Versuch, eine härtere Bestrafung faschistischer Straftaten zu
stoppen, scheitert am Verfassungsgericht. Am Freitag besucht er Berlin.
(DIR) Wahl in Rumänien: Erleichterung in Bukarest
Bei der Präsidentenwahl in Rumänien setzt sich der Proeuropäer Nicuşor Dan
durch. Doch die rechte Gefahr ist damit noch nicht gebannt.
(DIR) Roman „Theodoros“ von Mircea Cărtărescu: Erzähle es, und lass es real werden
In Mircea Cărtărescus neuem Roman „Theodoros“ wird ein rumänischer Rabauke
zum Kaiser von Äthiopien. Auch sonst ist in diesem Buch prinzipiell alles
möglich.