# taz.de -- Mann stellt Podcasterin nach: Stan, der Stalker
       
       > Ein Mann belästigt eine Berliner Podcasterin. Ihr Fall zeigt, wie heftig
       > die Folgen von Stalking sind – und wie schwer es ist, sich zu wehren.
       
 (IMG) Bild: Podcasterin Pauline: Angst und schlaflose Nächte
       
       Plötzlich ein Geräusch, es knackt. Kommt es von der Tür? Pauline ist
       hellwach. Sie greift neben ihr Bett zum Telefon. Auf der Straße geht
       jemand, kalter Wind lässt die Fenster klappern.
       
       Die Tage in Berlin sind kurz und dunkel. In dieser Dunkelheit wartet
       Pauline und horcht, ob jemand vor ihrer Tür steht. Ist da ein Schatten auf
       dem Balkon? Nein, das wäre zu hoch, denkt sie, und er hat ja diese Adresse
       nicht. Vorsorglich hat sie auch ihren Namen von der Klingel entfernt und
       die Nachbarn informiert. Nachts ist die Angst besonders groß, gerade jetzt,
       wo sie wieder allein schläft, nicht mehr bei ihrer Mutter. Pauline ist 31,
       hat am nächsten Tag einen wichtigen beruflichen Termin, sie wird diese
       Nacht wieder kaum schlafen.
       
       Pauline hat einen Stalker. In diesem Text soll er Stan genannt werden, da
       sein Name aus rechtlichen Gründen nicht genannt werden darf. Was für manche
       nach einer Netflix-Serie klingen mag, ist für sie und viele andere Menschen
       (vor allem Frauen*) [1][eine lebensverändernde Realität].
       
       Laut polizeilicher Kriminalstatistik sind etwa 11 bis 12 Prozent der
       bundesdeutschen Bevölkerung mindestens einmal im Leben von Stalking
       betroffen. Jährlich werden rund 25.000 Fälle polizeilich erfasst. Die
       Dunkelziffer gilt als viel höher. Rund 81 Prozent der Stalker sind laut
       Statistik Männer. Die Opfer hingegen sind zu circa 80 Prozent weiblich.
       [2][Der Opferschutzverein Weißer Ring] weist darauf hin: Stalking ist keine
       harmlose Belästigung, sondern Gewalt. Viele Fälle bleiben unsichtbar, weil
       sie nicht angezeigt werden oder weil Betroffene Angst haben, nicht ernst
       genommen zu werden.
       
       Stalking ist ein gesellschaftliches Problem. Es sind auch verklärte
       Rollenvorstellungen in der „Liebe“ und patriarchale Ideen von Besitz, die
       den kulturellen Boden für Stalking und andere Formen der Gewalt ebnen. Ein
       allgemeines Umdenken ist bisher noch nicht eingetreten.
       
       Am Morgen nach der Nacht mit den Geräuschen sitzt Pauline an ihrem
       Küchentisch und erzählt. Sie geht gerade nicht gern vor die Tür, sagt sie,
       sie fühle sich selbst in ihrem Lieblingscafé unwohl. Beim Sprechen hält sie
       sich sehr aufrecht, ihre langen Haare fallen an ihrem Gesicht vorbei.
       
       ## Nach einem Kommentar in der „Bild“ geht es los
       
       Pauline spricht offen über ihr Dating- und Liebesleben, immer schon. Im
       vergangenen Sommer hat sie mit ihrer Freundin den [3][Podcast „Pauli hoch
       zwei“] gestartet. In den Videos zum Podcast sieht man die Paulis in
       attraktiven wechselnden Outfits in einem Hotelbett moderieren und die
       Zuhörenden mit ihren Lovestorys zum Lachen bringen. Dass beide
       Moderatorinnen auch über Sex sprechen und etwas mit der Pornoindustrie zu
       tun haben, ist ein Aspekt, der ihre Geschichten interessanter macht – und
       leider das, was Stan den Stalker anzieht.
       
       Los ging alles Anfang Oktober 2025, als kurz nach dem Release der ersten
       Podcastfolge ein Kommentar dazu in der Bild erschien. An diesem Tag
       klingelte Paulines Telefon. Ein ihr gänzlich unbekannter Mann verwickelte
       sie in ein Gespräch. „Ein Fan“, denkt Pauline, und legt mit einem mulmigen
       Gefühl auf. Kurz darauf kommt die erste E-Mail, bei der sofort klar ist,
       dass etwas nicht stimmt. Es sind unzählige Seiten akribischer Recherche zu
       ihren privaten Gewohnheiten: zu Sport, Freundinnen, Arbeit, ihren Eltern
       und wo ihr Vater wohnt.
       
       Dazu die für Stalking typische Mischung aus Forderungen, Beschimpfungen und
       Drohungen. Stan schreibt seitenweise, auch sexuell explizit, und immer
       wieder bezieht er sich auf ihren Beruf. In den nächsten Tagen folgen
       weitere Mails und Anrufe. Pauline geht damit zur Polizei. Doch sie kennt
       nicht mal den Namen des Mannes, der ihr stundenlang schreibt und sich eine
       Beziehung fantasiert. Die Polizei sagt, sie könne nur eine Strafanzeige
       gegen unbekannt aufnehmen.
       
       Stalking heißt im Strafrecht „Nachstellung“ (§ 238 StGB), erklärt
       Stalking-Expertin und Psychologin Suse Schumacher der taz. Strafbar sei
       bereits wiederholtes, unerwünschtes Verhalten wie Kontaktaufnahmen,
       Verfolgung, Überwachung oder Bedrohung. Betroffene könnten neben einer
       Strafanzeige auch zivilrechtliche Schutzmaßnahmen beantragen, etwa ein
       Kontakt- und Näherungsverbot. Aber erst, wenn man einen Namen und eine
       Adresse hat, könne man eine einstweilige Verfügung erwirken, die dann
       zugestellt wird, sagt sie – und rät zu klarer, einmaliger
       Kontaktabgrenzung, ohne weiteren Folgedialog.
       
       Die Psychologin kritisiert, dass die Gesetze zum Schutz von Betroffenen
       „häufig der Realität hinterherhinken“ würden. Es fehle an klaren
       Handlungsanweisungen für die Behörden. Zwar seien das Strafrecht verschärft
       und Schutzanordnungen erleichtert worden – doch noch immer kritisierten
       Opferverbände, dass die Verfahren langwierig seien und der Schutz erst zu
       spät greife, so Schumacher.
       
       Der Verein Weißer Ring hat eine App entwickelt, in der man alles
       dokumentieren kann, [4][was Stalker digital tun], um es gerichtlich später
       vorlegen zu können. Auch Pauline dokumentiert darin alles, so schwer es ihr
       auch fällt, die üblen Nachrichten nicht gleich zu löschen. Seit Beginn
       dieses Jahres gibt es die App nicht mehr. Der Verein rät nun, eine eigene
       Tabelle mit den Ereignissen anzulegen.
       
       Eines Tages schreibt Stan: „Ich komme jetzt in die Stadt – werde dich
       holen.“ Ab da, sagt Pauline, sei die Angst ganz dagewesen. In der
       Beratungsstelle habe sie gehört, dass es, wenn man den Täter kennt, in zwei
       von drei Fällen zu Gewalt kommt. In nur einem von zehn Fällen kennen
       Betroffene die Täter nicht. Es sind auch diese Zahlen, die Pauline dazu
       bewogen haben, ihre Geschichte öffentlich zu machen.
       
       Die Polizei habe ihr geraten, ihr Umfeld zu informieren, sagt Pauline. Sie
       schreibt ihren Freundinnen, Bekannten und ihrer Sportlehrerin. Viele von
       ihnen hatte Stan in seinen Nachrichten erwähnt. „Dennoch war es beschämend,
       alle anzurufen“, sagt Pauline, „es ging mir nicht gut damit und es war mir
       fast peinlich“. Dann klingelt wieder das Telefon. Es ist ihre Trainerin:
       „Er ist hier, Pauline. Der Mann steht im Studio und fragt nach dir.“ Als
       die Polizei eintrifft, ist Stan schon weg.
       
       Ab jetzt kommen jeden Tag Mails, auch an ihre Eltern. Bei Social Media ist
       der Stalker schon lange blockiert. Er schreibt, was er mit ihr machen will,
       dass er sie, „obwohl sie so einen Job“ hat und über Sex spricht, „nehmen“
       würde.
       
       Ein wichtiges gesellschaftliches Problem tut sich hier auf, das weit über
       die mutmaßliche psychische Erkrankung eines Einzelnen hinausreicht. Denn
       wenn eine Frau* etwas mit Sexualität zu tun hat, sich irgendwie öffentlich
       zeigt, gilt das als angebliche Angriffsfläche. Hier beginnt die
       Gratwanderung zwischen Rape Culture und Konsenskultur. Denn selbst wenn
       eine Person von Sex erzählt, heißt das nicht, dass sie sich Kontakt zu
       jedem wünscht. Egal wie sie aussieht, kleidet oder verhält.
       
       ## Schreie, ein lautes Nein, die Tür knallt
       
       All das sei ihr auch klar, sagt Pauline. Dennoch nage alles an ihrem
       Selbstwert. Die schlimmen Worte, die sie von ihm lesen musste, um zu
       wissen, ob eine reale Bedrohung besteht. Zwischendurch hat eine Freundin
       von ihr das Lesen der Nachrichten übernommen, aber wem kann man das auf
       Dauer zumuten? Manchmal schrieb Stan morgens von ekelhaften Träumen, dann
       einfach wieder von Hass. Es bleibt immer etwas hängen, wenn jemand einem so
       etwas schreibt.
       
       Suse Schumacher sagt: „In der Praxis berichten viele Betroffene, dass die
       langwierigen und auch teuren Verfahren an den Nerven zerren und psychisch
       sehr belastend sind.“ Oft gehe es den Opfern noch jahrelang so. Es sei
       wichtig, es gar nicht erst so weit kommen zu lassen. „Wir alle sollten
       frühzeitig in unserem Umfeld regulierend auf Täter einwirken“, so die
       Psychologin.
       
       Pauline schläft schon länger nicht mehr zu Hause. An einem Tag ist sie bei
       ihrer Mutter. Sie ist krank, erschöpft, liegt auf dem Sofa. Es klingelt an
       der Tür, sie ruft: „Mama, warte, schau erst, wer da ist.“ Da hört sie schon
       Schreie, ein lautes Nein und wie die Tür wieder zugeschlagen wird. Stan
       steht vor der Tür. Sie rufen die Polizei, aber er ist schon weg, als die
       Beamten kommen.
       
       Ein paar Tage später, während Pauline gerade duscht, klingelt ihr Handy.
       Natürlich liegt es griffbereit. Die Tür zum Bad ist abgeschlossen, obwohl
       sie allein zu Hause ist. Es ist wieder die Sporttrainerin, der Typ ist
       wieder da. Pauline, noch nass vom Duschen, alarmiert erneut die Polizei.
       Diesmal erwischen sie den Mann vor dem Sportstudio, rufen Pauline an.
       Eigentlich haben sie ja nichts gegen ihn in der Hand, ohne Verfügung. Sie
       nehmen aber endlich seine Personalien auf und machen ihm klar, dass er
       unerwünscht ist. Nun gibt es einen Namen, und die Verfügung kann auf ihn
       ausgestellt werden.
       
       Pauline sagt: „Es schränkt das Leben einfach unglaublich ein, die Arbeit
       leidet, Beziehungen zu anderen auch. Die Scham, dass mir das passiert ist,
       ist die ganze Zeit da. Daran, neue Leute kennenzulernen oder an Dates, ist
       gerade nicht zu denken. Ich poste kaum etwas, es fühlt sich seltsam an.“
       
       „Stalking führt häufig zu Angst, Schlafstörungen, sozialem Rückzug und dem
       Gefühl, die Kontrolle über das eigene Leben zu verlieren“, erklärt
       Psychologin Schumacher. „Viele Betroffene ändern ihr Verhalten dauerhaft,
       wechseln Wege, Telefonnummern oder Wohnorte.“
       
       Sie betont, neben Reformen wie besseren Schulungen für die Polizei benötige
       es ein gesamtgesellschaftliches Umdenken. Es brauche eine neue Kultur, die
       nicht mehr nach dem Verhalten der Opfer fragt und die einen Fokus darauf
       legt, zu verhindern, dass Männer zu Tätern werden: „Es ist nicht
       leidenschaftlich oder harmlos, wenn man hört, jemand verfolgt seine
       Ex-Freundin“, so Schumacher.
       
       Als die einstweilige Verfügung zugestellt werden soll, bemerkt Pauline
       zufällig, dass ihre Adresse – die der Stalker ja nicht kennt – draufsteht.
       Sie fragt sich: Wie kann einem Gericht das passieren? Am Tag, als das
       Schreiben übergeben wird, hören die Nachrichten an sie auf. Bei ihren
       Eltern aber geht der Terror weiter. Nun wartet Pauline auf eine
       gerichtliche Verfügung auch für ihre Eltern.
       
       Eines Nachts blickt sie aus dem Fenster. Ein Mann steht an der Ecke und
       sieht zu einem Fenster hoch. Ist es Stan?
       
       5 Feb 2026
       
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