# taz.de -- Thailand und Kambodscha: Sie wollen sprechen – aber auch weiter schießen
       
       > Die südostasiatischen Nachbarn erklären sich zu Gesprächen ihrer Militärs
       > über einen Waffenstillstand bereit. Doch erst mal gehen die Kämpfe
       > weiter.
       
 (IMG) Bild: Evakuierte gehen in der thailändischen Provinz Buriram am 16. Dezember nach der Essensausgabe zu ihrer Unterkunft
       
       Die Regierungen Thailands und Kambodschas wollen noch in dieser Woche
       Verhandlungen über einen Waffenstillstand in ihrem Grenzkonflikt aufnehmen.
       Dies ergab ein Sondergipfel der Außenminister des südostasiatischen
       Staatenbundes Asean am Montag. Zu einer Waffenruhe fehlten zu deren Bestand
       die nötigen Details, erklärte Thailands Außenminister Sihasak Phuangketkeow
       nach dem Treffen in Malaysias Hauptstadt Kuala Lumpur.
       
       Ein Grenzkomitee aus hochrangigen Militärs soll sich am 24. Dezember
       treffen. Ob die Generäle dann wirklich eine Lösung finden, ist offen.
       Bangkok hatte bisher darauf bestanden, dass Kambodscha zuerst einen
       Waffenstillstand erklärt und dann bei der Minenräumung kooperiert. Im
       derzeitigen thailändischen Wahlkampf könnte Kompromissbereitschaft als
       Schwäche interpretiert werden.
       
       Der gegenseitige Beschuss entlang der Grenzregion ging auch während des
       Treffens am Montag weiter. Am Vormittag berichtete Kambodscha von
       thailändischem Beschuss, am Nachmittag gab Thailands Verteidigungssprecher
       laut [1][Bangkok Post] den Tod eines weiteren Soldaten durch
       kambodschanische Artillerie bekannt.
       
       Bisher beklagt Thailand nach offiziellen Angaben 23 Tote – Soldaten wie
       Zivilisten. Die Zahl der Evakuierten wird dort mit 400.000 Menschen
       angegeben, von denen 200.000 in Evakuierungszentren untergebracht seien.
       Nach Angaben aus Phnom Penh starben in Kambodscha bisher 20 Menschen, mehr
       als 500.000 wurden evakuiert. Hinzu kommen auf beiden Seiten Hunderte
       Verletzte.
       
       ## Kritik an Trumps Druck zu schnellem Abkommen
       
       Malaysia, das noch bis Jahresende den elf Asean-Staaten vorsteht, konnte
       jetzt anders als im Juli noch keine Feuerpause erreichen. Damals hatte
       US-Präsident Donald Trump nachgeholfen, indem er den Konfliktparteien mit
       Strafzöllen drohte. Auch China, das Waffen an beide liefert, hatte hinter
       den Kulissen unterstützend agiert. Am Montag war Chinas Sondergesandter
       jetzt zu Gesprächen in Bangkok.
       
       [2][Ende Oktober hatten Thailands Premier Anutin Charnvirakul und
       Kambodschas Premier Hun Manet im Beisein Trumps ein Abkommen
       unterzeichnet.] Das hielt aber keinen Monat. Thailands Außenminister
       kritisierte jetzt, es sei damals wegen des Drucks aus Washington in Eile
       geschlossen worden, um „rechtzeitig zum Besuch von Präsident Trump“
       unterzeichnet zu werden.
       
       Anutin hatte bereits im November das Abkommen ausgesetzt, nachdem
       thailändische Soldaten im Grenzgebiet durch kambodschanische Minen schwer
       verletzt wurden. Bangkok warf Phnom Penh vor, neue Minen verlegt zu haben,
       Kambodscha erklärte, die Sprengkörper gingen noch auf die Zeit der Roten
       Khmer zurück.
       
       Die Scharmützel im Nordosten und der Mitte entlang der 816 Kilometer langen
       Grenze brachen dann am 7. Dezember wieder aus. [3][Beide Seiten
       beschuldigten sich gegenseitig, angefangen zu haben] und selbst jeweils nur
       von ihrem Recht auf Selbstverteidigung Gebrauch zu machen. Telefonate von
       Malaysias Premier Anwar Ibrahim und Trump mit den beiden Premiers konnten
       Mitte Dezember keinen Durchbruch erreichen. Beobachter machen dafür jeweils
       innenpolitische Gründe verantwortlich.
       
       Die täglichen Schusswechsel und Artilleriefeuer sind bisher auf einen
       maximal 70 Kilometer breiten Streifen entlang der Grenze beschränkt. Dabei
       versucht die thailändische Marine auch im Golf von Thailand Öltransporte
       nach Kambodscha zu unterbinden. Aber in den Hauptstädten, den
       Provinzmetropolen und den Tourismusregionen geht das Leben bisher normal
       weiter.
       
       ## Luftangriffe auf Casinos
       
       Thailand hat inzwischen schon mehrfach mutmaßliche Stellungen der
       kambodschanischen Armee mit F-16- und Gripen-Kampfjets bombardiert, dabei
       auch gezielt mindestens sechs Spielcasinos und eine Brücke angegriffen. Die
       Brücke diente angeblich einer Nachschubroute, die Casinos sieht Bangkok als
       Stützpunkte und Waffenlager der kambodschanischen Armee.
       
       „Kambodschanische Militärposten sind in zivilen Häusern und Heimen
       untergebracht, um von dort aus zu schießen und Waffeneinsätze zu leiten,
       womit Zivilisten als menschliche Schutzschilde benutzt werden“, behauptete
       etwa [4][Generalleutnant Wanchana Sawasdee vom Institut für
       Verteidigungsstudien der thailändischen Armee].
       
       Zugleich haben Vertreter Bangkoks erklärt, dass man mit den Angriffen auf
       Casinos auch gegen international agierende Cyberbetrugszentren vorgehe, die
       oft von dort operieren. Zwei der angegriffenen Casinos hätten etwa auf
       einer US-Sanktionsliste gestanden.
       
       Kambodscha gilt zusammen mit [5][Myanmar] als Epizentrum international
       agierender Online-Betrugsfabriken, die zu Investitionen in Kryptowährungen
       verleiten und Milliardengewinne abschöpfen. Dahinter stecken oft von Peking
       gesuchte chinesische Kriminelle, die sich etwa die Protektion des
       kambodschanischen Staates erkauft haben. Dessen Repräsentanten profitieren
       von den kriminellen wie legalen Aktivitäten im Umfeld von an der Grenze zu
       Thailand gelegenen Casinos.
       
       ## Streit um Einnahmen aus Casinos
       
       Die Beziehungen zwischen Thailand und Kambodscha hatten sich 2024/25
       verschlechtert, nachdem Bangkok Casinos in Thailand erlaubte und zugleich
       den Druck auf Kambodscha wegen dortiger Cyberbetrugsfabriken erhöht hat,
       schreibt [6][der] [7][in Thailand lebende US-Politologe Paul Chambers],
       derzeit Gastwissenschaftler am ISAES – Yusof Ishak Institute in Singapur.
       [8][„Das hat Hun Sen verärgert“,] so Chambers, denn Kambodschas Führung sei
       mit den Casinobetreibern verbunden.
       
       Hun Sen war von 1985 bis 2023 Kambodschas Ministerpräsident. Zwar wurde er
       von seinem Sohn Hun Manet abgelöst, gibt aber als Senatspräsident immer
       noch den Ton an. Er baute ein autoritäres Regime auf, das es sich kaum
       leisten kann, gegenüber dem mächtigeren Nachbarn Schwäche zu zeigen.
       Kambodscha hat keine nennenswerte Luftwaffe und wehrt sich jetzt vor allem
       mit Mehrfachraketenwerfern, Mörsern, Drohnen und Landminen.
       
       Nationalistische Töne dominieren auch im derzeit wahlkämpfenden Thailand.
       Der konservative Premier Anutin, ein schwerreicher Bauunternehmer, ist erst
       seit September im Amt. Seine Vorgängerin Paetongtarn Shinawatra wurde wegen
       eines unterwürfigen Telefonats mit Hun Sen, einst Freund ihres mächtigen
       Vaters und Ex-Premiers Thaksin Shinawatra, [9][vom Verfassungsgericht
       abgesetzt].
       
       Ursache des Grenzkonflikts ist der seit der Kolonialzeit umstrittene
       Verlauf an mehreren Stellen der Grenze. Die war 1907 von französischen
       Kolonialbeamten, denen Kambodscha als Teil von Französisch-Indochina
       unterstand, gegenüber dem Königreich Siam festgelegt worden.
       
       In den letzten Jahren konnten sich Thailand und Kambodscha nicht einmal auf
       den Maßstab der Karten einigen, die als Verhandlungsgrundlage dienen
       sollten. Immer wieder kam es zu [10][Scharmützeln,] besonders beim
       umstrittenen Hindu-Tempel Preah Vihear. [11][2013 sprach der Internationale
       Gerichtshof den Tempel Kambodscha zu und forderte eine Entmilitarisierung
       des Gebiets]. Das konnte den Konflikt aber nicht wirklich befrieden.
       
       ## Wahlkampf erschwert Lösungen
       
       Thailands Militär mischt sich mit Putschen, zuletzt 2014, nicht nur immer
       wieder massiv in die Innenpolitik ein, sondern scheint auch Konflikte zu
       gebrauchen, um seinen dominierenden Einfluss rechtfertigen zu können. Jetzt
       geht es für Thailands konservative Elite, gestützt vom Militär, einer
       hörigen Justiz und dem durch ein hartes Majestätsbeleidigungsgesetz
       geschützten Königshaus bei den Wahlen um die Verhinderung überfälliger
       grundlegender Reformen.
       
       Die reformorientierte People’s Party, Nachfolgerin der nach ihren
       jeweiligen Wahlsiegen verbotenen Parteien Future Forward und Move Forward
       Party, könnte wieder stärkste Kraft werden. Derzeit ist unklar, ob es
       wieder gelingt, die Reformer mit dubiosen Tricks von der Macht
       fernzuhalten.
       
       Den Preis im Grenzkonflikt zahlen vor allem die auf beiden Seiten zusammen
       mehr als 900.000 Evakuierten und die gut 400.000 in Thailand beschäftigten
       kambodschanischen Arbeitsmigranten. Laut der Kinderhilfsorganisation Save
       the Children sind unter den Evakuierten viele Kinder, in Kambodscha etwa
       130.000 und in Thailand 81.000. Die Evakuierung ist für diese nicht nur mit
       Ängsten verbunden, sondern stoppte meist auch ihren Schulunterricht.
       
       Jetzt wagten auch fortschrittliche Kräfte in Thailand kaum Kritik an der
       Kriegspolitik, schrieb der mehrfach sanktionierte regierungskritische
       Journalist Pravit Rojanaphruk am Sonntag im [12][Nachrichtenportal
       Khaosod]: „Zwei Wochen eines nutzlosen thai-kambodschanischen Grenzkrieges
       ohne sichtbares Ende machen depressiv, erst recht, weil in Thailand nur
       sehr wenige bekannte oder halb bekannte Personen bereit sind, öffentlich
       ein Ende dieser tragischen Verrücktheit zu fordern.“ Wer das fordere,
       riskiere als prokambodschanisch oder gar als Spion bezeichnet zu werden.
       
       ## „Krieg für Wählerstimmen“
       
       Premier Anutin werde laut Pravit den Verdacht nicht los, dass es ein „Krieg
       für Wählerstimmen“ ist. „Die Tragödie dieses Krieges ist, dass auch nach
       zwei Wochen keine einzige Partei zu einem Waffenstillstand aufruft“, so
       Pravit. Frustriert stellt er fest, dass sich zwar in den sozialen Medien
       100.000 Thais gegen den Krieg ausgesprochen hätten, zu einer
       Antikriegskundgebung in Bangkok am letzten Freitag aber nur 100 Personen
       gekommen seien.
       
       Im autoritär regierten Kambodscha, wo das Regime in den letzten Jahren
       massiv gegen die letzten unabhängigen Medien vorging, sind solche
       selbstkritischen Stimmen nicht öffentlich zu vernehmen.
       
       22 Dec 2025
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.bangkokpost.com/thailand/general/3161484/cambodian-attacks-intensify-in-sa-kaeo-thai-soldier-killed
 (DIR) [2] /Asean-Gipfel-in-Kuala-Lumpur/!6122296
 (DIR) [3] /Konflikt-Thailand-Kambodscha/!6136681
 (DIR) [4] https://asiatimes.com/2025/12/thais-bomb-three-cambodian-border-casinos-deemed-military-threats/
 (DIR) [5] /Moderne-Sklaverei/!6117967
 (DIR) [6] /Angebliche-Majestaetsbeleidigung/!6081291
 (DIR) [7] /Angebliche-Majestaetsbeleidigung/!6081291
 (DIR) [8] https://eastasiaforum.org/2025/12/21/thai-military-leverages-the-border-crisis-to-reassert-its-political-influence/?fbclid=IwY2xjawO1vhpleHRuA2FlbQIxMQBzcnRjBmFwcF9pZBAyMjIwMzkxNzg4MjAwODkyAAEelBkgl2rPVBdpobKY0P1fujWuVj9E0P6QjuVmxuU_M0lk2B7dtwDgNQHtjh0_aem__xwZl0uMwmaqJ1nExB4cxA
 (DIR) [9] /Naechste-Politikrise-in-Thailand/!6109899
 (DIR) [10] /Konflikt-zwischen-Thailand-und-Kambodscha/!5122061
 (DIR) [11] /Grenzstreit-zwischen-Kambodscha-und-Thailand/!5116091
 (DIR) [12] https://www.khaosodenglish.com/opinion/2025/12/21/two-weeks-of-needless-thai-cambodian-war-or-war-for-votes/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Sven Hansen
       
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