# taz.de -- Ausstellung in der Kunsthalle Hamburg: Epoche und Denken statt Nation und Genie
       
       > Mit dem Zyklus „Kunst um 1800“ hatte Hamburgs Kunsthalle das Format
       > Ausstellung revolutioniert. Jetzt greift sie auf diesen Aufbruch zurück.
       
 (IMG) Bild: Politische Kunst: Auguste Desperets Stich „Der dritte Ausbruch des Vulkans von 1789“ entstand nach der Juli-Revolution
       
       Ein Museum kann vieles sein: Archiv und kontemplative Kulturstätte,
       Showroom oder angesagter Selfiespot. Oder auch und viel zu selten Ort einer
       attraktiv publik gemachten Forschung über die Wirksamkeit der Bildermacht.
       [1][Auch prägende Leitungspersonen und Kuratoren können Interesse
       begründen].
       
       Bei der Hamburger Kunsthalle wird der wegweisende Alfred Lichtwark verehrt.
       Der war von 1886 bis zu seinem Tod 1914 der erste Direktor. Ähnliche
       Relevanz wird in neuerer Zeit aber auch Werner Hofmann (1928–2013)
       eingeräumt. Der aus Wien gekommene Kunsthistoriker hat als eher „links“
       eingeordneter Direktor von 1969 bis 1990 das Haus gehörig entstaubt.
       
       Unter anderem hat er den herausragenden Ausstellungszyklus „Kunst um 1800“
       erfunden und realisiert. Die höchst komplexe damalige Umbruchszeit zwischen
       Klassizismus, Revolution und Romantik wurde in neun Ausstellungen von 1974
       bis 1981 in dieser Art erstmalig weitgespannt länderübergreifend und
       politisch dargestellt.
       
       Angefangen mit dem wirkmächtigen, wenn auch fiktiven altnordischen Barden
       Ossian und den Retro-Träumen einer von der Moderne oft überforderten
       Gesellschaft, erweiterte der Zyklus die bisherigen Darstellungen. Waren die
       meist national und auf das Künstlergenie bezogen, wagte man nun eine
       thematisch orientierte, europaweite Epochenübersicht.
       
       ## Jenseits der Nationalstile
       
       Die befasste sich mit dem Schweizer Johann Heinrich Füssli und dem Schweden
       Johan Tobias Sergel, mit Philipp Otto Runge, John Flaxman und William Blake
       sowie Turner und Goya. [2][Trotz des nicht nur kunsthistorisch analytischen
       Tiefgangs] und vieler Textmaterialien stieß das beim Publikum auf großes
       Interesse. So kamen zur Caspar-David-Friedrich-Ausstellung, die 1974 massiv
       und unübersehbar dessen Vereinnahmung und Missbrauch durch die Nazis
       thematisierte, rekordverdächtige 220.000 Besucherinnen und Besucher.
       
       An den inhaltlich und formal bahnbrechenden „Um 1800“-Zyklus erinnert nun
       ein schon 2017 begonnenes Universitätsprojekt. Das präsentiert seine
       Ergebnisse derzeit im auratischen Kuppelsaal der Kunsthalle. Es ist eine
       ungewöhnliche Kooperation, auch wenn daran zu erinnern ist, dass das
       Kunsthistorische Seminar bis 1967 seine Räume in der Kunsthalle hatte.
       
       Mit dem Untertitel „Eine Ausstellung über Ausstellungen“ [3][ist die
       Präsentation zuerst einmal eine Hommage an Werner Hofmann]. Darüber hinaus
       verweist sie als eine Art Remix mit einigen der auch damals gezeigten
       Schlüsselbildern des Hauses in zehn Abschnitten auf die wichtigsten Themen
       in ihrer bis heute wirkenden Relevanz.
       
       Dazu wird der Blick für eine neue Generation mit einst trotz
       Hofmann-typischer polyfokaler Sicht damals untergewichteten Gesichtspunkten
       erweitert: die Rolle der Frauen, die eigenständige jüdische Aufklärung, die
       Sklaverei, das erste [4][schwarze Kaiserreich auf Haiti] sowie die nahezu
       kosmischen Dimensionen der Ereignisse vor mehr als 200 Jahren.
       
       Wieder und immer gültig mahnt Goyas Radierung „Der Schlaf der Vernunft
       gebiert Monster“ zur Wachsamkeit. Der spanische Titel kann aber auch so
       übersetzt werden, dass der grenzenlose Traum der Vernunft in Terror
       umschlägt. Auch Daniel Chodowieckies neu entdecktes Bild der vor acht
       Vertretern aller europäischen Religionen als Göttin im Strahlenkranz
       erscheinenden Toleranz hat als Leitbild nichts an Gültigkeit verloren.
       
       Hofmanns Begriff der „Kontrastkoppelung“ haben die Kuratoren Petra
       Lange-Berndt, Professorin am Kunstgeschichtlichen Seminar der Uni Hamburg,
       und Dietmar Rübel, der an der Akademie der Bildenden Künste München als
       Professor lehrt, hier mit Kunstzitaten aus der Gegenwart angewendet: Sigmar
       Polke ist mit einer Referenz auf die deutsche Revolution von 1989 dabei,
       Mark Dion mit einer Guillotine für die Oligarchie und Kara Walker gibt
       Hinweise zur Sklaverei.
       
       Dazu hat der 1983 in Halle geborene Künstler Marten Schech die
       Ausstellungsarchitektur entworfen und um eigene Arbeiten in einer Art
       Grotte bereichert. Ganz in Hofmanns Sinne, geht es auch wieder um die
       Ambivalenz menschlichen Handelns und die Mehrdeutigkeit der Bilder.
       
       ## Die romantische Landschaft ist nicht nur romantisch
       
       So ist die Landschaft um 1800 nicht nur schön und in naivem Sinne
       „romantisch“. Sie erweist sich als aus Einzelteilen idealisch konstruiert,
       dabei teils auch ökonomisch motiviert und ist meist religiös oder politisch
       besetzt. Und das nicht nur, wenn bei Caspar David Friedrich Gräber von
       Freiheitskämpfern im Bild auftauchen.
       
       Auch Eisschollen – 1820 real an der Elbe erlebt – werden zum Symbol der
       kalten Restauration. Schon die Ausbrüche des Vesuvs konnten seinerzeit als
       das geologische Äquivalent der naturnotwendigen gesellschaftlichen
       Umwälzungen gelesen werden. Manchmal dienten sie aber auch als Vergleich zu
       den lodernden Feuern frühindustrieller Hüttenwerke.
       
       Zu erleben, eher zu studieren ist eine vielschichtige, sehr akademische
       Ausstellung, die allen, die sich darauf einlassen, mannigfache Anregung
       bietet. Doch Zehntausende werden dazu wohl eher nicht herbeiströmen.
       
       14 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Ueber-den-musealen-Rahmen-hinaus/!1545910&s=Werner+Hofmann+Hamburg+Kunsthalle&SuchRahmen=Print/
 (DIR) [2] /Merve-Geschaeftsfuehrer-ueber-neue-Denker/!5035201
 (DIR) [3] https://www.hamburger-kunsthalle.de/de/ausstellungen/kunst-um-1800
 (DIR) [4] https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/32627/haiti-die-erste-schwarze-republik-und-ihr-koloniales-erbe/
       
       ## AUTOREN
       
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